Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 52 (24.12.1909)
- Date
- 1909-12-24
- Page
- Seite 620 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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620 Diskussionen auszusüllen. Schreiber dieses kannte einen alten getauften Juden, der in einem Orte hier, wo nur wenige seiner früheren Glaubensgenossen wohnten, wahrend der hohen Feiertage als Vorbeter und Prediger fungierte, und nachdem er für seine religiösen Dienste gut bezahlt worden war, in demselben Orte Missionspredigten hielt. In keinem Lande der Welt wird das Alte Testament mehr gelesen und ist besser gekannt als hier in England, und dies ist, was recht wunderlich erscheinen möchte, weit mehr in nicht-jüdischen als in jüdischen Kreisen der Fall. Der Inhalt desselben bildet hierzulande eine unerschöpfliche Quelle der Inspiration nicht allein für die Repräsentanten der verschiedenen Kirchen, sondern auch für Maler, Tonkünstler und Literaten. Ja, selbst auf der hiesigen Bühne werden hie und da Stücke aufgeführt, die biblische Sujets behandeln. So wurde z. B. jüngst hier ein Stück gespielt, das „False Gods" (falsche tituliert war, und eine Uebersetzung des Dramas „örFoi" bildete, das den berühmten französischen Literaten M. Brieux zum Autor hat. Letzterer macht sich darin über die Anbeter von Holz- und Steingebilden lustig, die thöricht genug sind, zu glauben, daß diese ihnen nützen oder schaden können. Er benutzt demnach die Ideen mancher Propheten der Bibel, die bekanntlich mit beißender Ironie die Entstehung und das Wesen der Götzen des Altertums beschrieben haben. Von der hebräischen Bibel sprechend, möchte ich es nicht unterlassen, einige interessante Bemerkungen hier zu wiederholen, die Professor Cook in Cambridge in einem von ihm neulich veröffentlichten Buche über sie macht. Die Bibel, sagt er u. a., repräsentiere, abgesehen von ihren gehaltreichen religiösen und ethischen Lehren, eine große und herrliche Literatur. Ihre lyrischen Stücke übertreffen selbst solche, . die Sappho und Pindar zu Verfassern haben. Was die alte autorisierte englische Uebersetzung derselben anlangt, so habe sie die ganze englische Literatur höchst vorteilhaft beeinflußt, und tagtäglich finde man in modernen englischen Schriften verschiedene biblische Ausdrücke angeführt, die ewig schön und, ewig jung bleiben. Die fragliche Version der hebräischen Bibel, meint auch Professor Cook, sei ein Band, das die verschiedenen Zweige der englischen Rasse fest zusammenhält, und stets zusammenhalten wird. Aehnliche schmeichelhafte Bemerkungen machen hier von Zeit zu Zeit verschiedene andere englische Gelehrte und Literaten über das unsterbliche literarische Werk der Juden, die Bibel. Und doch gibt es nicht wenige, und vermutlich solche, die sich zu den modernen Antisemiten zählen, die sie als veraltet und unbrauchbar erklären! [*■52 Eindrücke aus Galtzien. Von Dr. Theodor Lessing Privatdozent der Philosophie und Pädagogikan der HochschuleHannover. IV. V^\a§ mir bei Krakauer und überhaupt bei galizischen Juden besonders auffiel, war ihre merkwürdige Mischung von trockenster, nüchterner Verständigkeit mit unsinnigstem Aberglauben und mystisch-finsterem Fanatismus. In den alten Talmud-Thora-Schulen, im alten Cheder herrscht noch die Unterrichtsweise des Mittelalters. In' viel zu engen, ungelüfteten, traurig unreinlichen Räumen hockt eine Schar blasser Knaben um einen blässen, kranken, meist sehr machtlosen Lehrer, der mit Mühe einige Disziplin aufrecht hält, um die frühgeweckten, frühreifen Kinder in elementaren Kenntnissen, vor allem im Talmud und im Hebräischen zu unterrichten. Die Unterrichtsgegenstände des jüdischen Studiums, auch die Gegenstände, die den Geist der Gewecktesten und Fortgeschrittensten lebenslang beschäftigen, haben kaum irgendeine Beziehung zur praktischen, konkreten Welt, die das jüdische Kind oder später den jüdischen Talmudgelehrten umgibt. Man disputiert über Bücher, die ein Rabbi vor tausend Jahren über ein anderes Buch verfaßt hat. Ja, sogar über Bücher, die wiederum von Büchern über ein Buch handeln, so daß die Gegenstände, an denen der Scharfsinn der östlichen Juden sich ausfeint, schließlich völlig ins Ungreifbare, Wesenlose verfließen.' So etwa, wie der germanische Knabe beim Turnen in der Betätigung körperlicher Kraft und Geschicklichkeit seine beste Jugendfreude erlebt, so müffen viele von diesen armen, kränklichen Kindern jüdischer Proletarier, die im Lernhaus „lernen", das heißt über Talmud disputieren, in dieser gegenstandslosen Gedankenjonglierkunst die Betätigung und Erweiterung ihrer Kraft verspüren. — Man nennt bezeichnend diese Methode spitzfindiger Scharfsinnsübung mit dem Worte „Pilpul", zu deutsch „Pfefferung". Aber unmittelbar neben dieser kritisch, zerpflückenden, zersetzenden Art der Dialektik um der bloßen Dialektik willen, neben der vergeistigten Jntellektualität, der keine anschauliche Einzelheit konkreter Sinnlichkeit zugrunde liegt, steht doch wieder ein fanatisch wildes, früh aufgeregtes, leidenschaftliches und vor allem tief sozial interessiertes Gefühlsleben. Für dieses Nebeneinander möchte ich gleichfalls einige konkrete Einzelzüge ansühryn dürfen. Auf einigen Plätzen des alten Judenviertels in Kräkau befinden sich kleine ummauerte Friedhöfe mitten zwischen Gassen und Häusern. Vor einer solchen Ummauerung redete ich einen jungen Mann an, um ihn nach dieser'Mnrichtung zu befragen. Es war ein junger Primaner, dessen Eltern noch im Ghetto wohnten, der aber seinerseits völlig „emanzipiert" dachte, vortrefflich reines Deutsch sprach, von der Höhe seiner modernen Kultur herab sehr verächtlich auf seine Stammesgenossen herabblickte und sich mir (ein echt jüdischer Zug) schon nach zehn Minuten als deutschnational und „antisemitisch" vorstellte, gleichwohl aber ein lebhaftes Wohlgefallen an meinem großen Interesse für alle Häuser und Baulichkeiten der Judenstadt zu empfinden schien. Er führte -mich aufs freundlichste überall umher und machte freiwillig meinen Cicerone. In seiner Begleitung befand sich ein bildhübsches, sehr gut gekleidetes Mädchen, das er als seine Cousine vorstellte. Mit diesen beiden besuchte ich verschiedene Gebetsvereine, wo überall die große Holzkiste an der Wand hing, in der das ewige Licht brennt, an welchem am Sabbat, wo kein Feuer angezündet werden darf, alles andere Feuer entfacht wird. Mit diesen beiden kam ich zum erstenmal in die „neue Schul",, die nach westeuropäischen Begriffen immer noch orthodox, für die Verhältnisse Krakauer Juden aber gefährlich auf-; geklärt und liberal ist. Es war mir ausgefallen, wie sehr die Abnahme an Frömmigkeit mit der Zunahme an Reichtum und Macht der einzelnen Volksschichten zusammenhängt. Die Frömmsten und Getreusten schienen auch immer die Aermsten zu sein. An jenem jungen, modern gekleideten und allem spezifisch Jüdischen offenbar längst entfremdeten Mädchen bemerkte ich nun einen jener Widersprüche, die mir für die Denkart der polnischen Juden so charakteristisch scheinen. Ich fragte nach der Herkunft eines der ummauerten Friedhöf