Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 52 (24.12.1909)
- Date
- 1909-12-24
- Page
- Seite 619 (sequence 7)
- Language
- German
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Beziehung einen einheitlichen Typus darstellen, wenn sie sich auch in ihren äußeren Erscheinungen und in ihren Lebensgewohnheiten unterscheiden. Mit den Grusiern besteht keine Rasseverwandtschaft, Wohl aber mit den Armeniern und anderen kaukasischen Stämmen (Taten, Aisseren, Lesghiern und anderen), was als eine Bestätigung der oben erwähnten v. Luschanschen Theorie über den hettitischen Einschlag bei den Juden' gelten darf. Dieses hettitische Element ist es, das in Nordeuropa meist als jüdischer Typus angesprochen wird. Indes wird er im Kaukasus auch bei christlichen Völkern vielfach angetroffen, was sich aus der Nachbarschaft des armenischen Kleinasiens leicht erklärt. Daneben sind auch rein arische Typen dort vorhanden; wir erwähnten schon die Osseten als Vertreter der indogermanischen Rasse; ebenso sieht v. Erckert die Tscherkessen als Jndogermanen an. Die kaukasischen Juden sind also mit ihren europäischen Glaubensbrüdern in anthropologischer Beziehung eng verwandt. Dr. Weißenberg will diese Tatsache damit erklären, daß letztere in ferner Vorzeit einmal durch den Kaukasus gezogen und dort einige Zeit ansässig gewesen seien. Ich halte diese Theorie für verfehlteste widerspricht allem, was wir über die Ausbreitung der Juden über Europa wissen, und ist auch, wenn wir die Luschansche These von. dem hettitischen Einschlag schon bei der Bevölkerung Palästinas akzeptieren, ganz überflüssig. Die Verschiedenheiten unter den heutigen Juden Europas, zwischen den Sephardim und Aschkenasim, erklären sich zur Genüge, wenn wir an die sie umgebenden Rassen denken, mit denen sie sich im Mittelalter vielfach vermischt haben. Die völkische Grundlage aus alter Zeit ist bei beiden Gruppen die gleiche, weshalb sie auch in anthropologischer Hinsicht zusammengehören, trotz mannigfacher Varietäten im einzelnen und der zumeist verschiedenen äußeren Erscheinung. Die heutigen Juden Europas, Afrikas und Syriens sind eben eine Mischrasse, und sie teilen dies Schicksal mit den sie umgebenden Völkern, besonders im Mittelmeergebiet, weshalb auch hier der sogenannte jüdische Typus am wenigsten auffällig ist. Alle anderen sogenannten jüdischen Rasseeigentümlichkeiten sind überhaupt nicht als solche anzusehen, sondern eine Folge ihrer ungünstigen Lebensbedingungen in den Ghettos und ihrer rein geistigen Betätigung; sie haben sich zum großen Teil schon verloren und werden noch mehr verschwinden, je mehr sich die Lebensbedingungen der Juden denen der sie umgebenden Völker angleichen werden. Dafür sind die kaukasischen Juden ein lehrreiches Beispiel. JBriff aus London. Von Dr. Chotzner. Und sie bewegt sich doch", nämlich die starre jüdische Orthodoxie in London. Letztere hat so manches Komische auszuweisen, daß, um einen Horazischen Ausspruch zü gebrauchen, es einem schwer fällt, keine Satire darüber zu schreiben. Hier soll jedoch, der Kürze wegen, nur eine einzige kuriose Tatsache erwähnt werden, die ihre Entstehung und Existenz der jüdischen Orthodoxie zu verdanken hat. Bekanntlich enthält das säbbatliche „Schachrit" » Gebet eine Anzahl von Psalmen, die besonders schön, gehaltvoll und andachterregend sind. Da die Orthodoxie aber vorschreibt, daß diese nebst dem „Schema"-Gebet in einer frühen Morgenstunde rezitiert werden müssen, so werden sie in den meisten hiesigen Synagogen ganz einfach ignoriert. Der Morgengottesdienst am Sabbat beginnt daher hier meist um lOVa Uhr, und zwar wird dieser mit der üblichen Thora-Vorlesung, dem sogenannten „Leinen", eröffnet. Letztere ist öfters recht lang und ermüdend, aber die Anwesenden finden eine kleine Abwechslung darin, indem sie von den Geldspenden in Kenntnis gesetzt werden, die jeder der „Aufgerufenen" öffentlich offeriert. Bald darauf folgt das Hauptgebet, das zuerst von der andächtigen Versammlung im Stillen, und dann vom Vorbeter nochmals laut rezitiert wird. Was enthält aber dieses Hauptgebet? Darin wird — u. a. — die Zahl der Lämmer angegeben, die im Altertum von den Priestern an jedem Sabbat geopfertworden sind, und dann wird auch der fromme Wunsch ausgedrückt, daß es den Betenden möglich gemacht werde, den ehemaligen Opserkultus wieder einzuführen. In verschiedenen hiesigen Gemeinden folgt dann sofort die Abhaltung des „Mincha"-Gottesdienstes, damit die etwaige frühere Andacht einige Minuten länger^^ch gehalten wird. Was Wunder also, daß diese und ähnliche kurrose Einrichtungen der jüdischen Orthodoxie die meisten Gemeindemitglieder vom Besuche des Sabbat-Gottesdienstes abhalten? Eine kleine Aendernng zum Bessern ist jedoch neulich in der New Westend-Synagoge gemacht worden, die darin besteht, daß nämlich ein kurzer Nachmittags-Gottesdienst daselbst allwöchentlich abgehalten wird, worin einige Gebete in englischer '. Sprache rezitiert werden. Das Publikum beteiligt sich daran recht lebhaft, und es wird nur bedauert, daß die Orthodoxie den Gebrauch der Orgel streng verbietet, während sie ihren Anhängern anempfiehlt, am Neujahrstag wenigstens hundert Schofartöne ruhig anzuhören. Die Nr. 49 der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" enthielt einige Auszüge aus der Hamburger Misfionszeitschrift „Rettungsanker", worin verschiedene schmeichelhafte Bemerkungen hinsichtlich des Wesens und Charakters des jüdischen Stammes gemacht werden. Nun ist es Tatsache, daß ähnliche .Bemerkungen in den hiesigen Missionsblättern sich häufig vors finden, und auch hier scheint es recht auffallend und befremdend, daß die Missionäre es für nötig erachten, die Juden zu bekehren, von deren guten Eigenschaften sie eine solche hohe Meinung zu haben angeben. Das paradoxe Verhalten dieser frömmelnden Leute läßt sich aber folgendermaßen erklären. England ist bekanntlich der Hauptsitz der Judenmission. Schon vor Hunderten von Jahren hat hier in London eine Anstalt bestanden, worin getaufte Juden und Jüdinnen freie Kost und Wohnung hatten. Dieselbe wurde von verschiedenen englischen Aristokraten reichlich unterstützt, und seitdem ist die Judenmission ein bleibendes Institut im Leben des englischen Volkes geworden. Von Jahr zu Jahr wurde dasselbe durch die ihm fortwährend zugefallenen -Legate stark bereichert, so daß es jetzt über ungeheure Summen verfügen kann. Diese Gelder müssen selbstverständlich jährlich teilweise zu Missionszwecken benutzt werden, und es finden sich genug frömmelnde Leute, die davon guten Gebrauch machen. Alles, was sie zu tun haben, ist, hie und da eine Missionspredigt zu halten, und von Zeit zu Zeit ihren Vorgesetzten das Resultat ihres in majorem äei gloriam ausgeführten Werkes mitzuteilen. Daß das angegebene Resultat nicht immer der Wahrheit entspricht, muß man diesen wunderlichen Leuten nicht übel nehmen, denn, wie der Engländer sagt busin es s is business. Als das besagte Institut hier noch existierte, mußten natürlich die konvertierten Insassen desselben häufig zur Kirche gehen, da aber einige derselben im Talmud recht gut bewandert waren, so pflegten sie ihre freie Zeit mit talmudischen