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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-12-24 · Heft 52 (24.12.1909) · p. Seite 618

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 52 (24.12.1909)
Date
1909-12-24
Page
Seite 618 (sequence 6)
Language
German
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618 die jemenitischen Juden als reine Semiten kennen gelerntwobei freilich zweifelhaft blieb, ob sie nicht im frühesten Mittelalter judaisierte Araber sind. Gerade jetzt dringt wieder die Nachricht nach Europa, daß sie infolge der kriegerischen Wirren in Jemen und der mangelnden staatlichen Autorität des türkischen Reiches durch die arabischen Scheichs schwer bedrückt werden und darum in Mengen ihre Heimat verlassen, um sich zumeist nach Jerusalem zu wenden. Es soll sogar die Gefahr bestehen, daß Jemen ganz von seinen Juden verlassen werden wird, wenn nicht bald ein Umschwung eintritt. Einer der eifrigsten Forscher auf dem Gebiete der Anthropologie der Juden, Dr. S. Weißenberg in Elisabethgrad (Südrußland), dem wir die im obengenannten Aufsatz mitgeteilten neuen Daten über die jemenitischen Juden verdanken, -,J|& in einem weiteren Artikel im „Archiv für Anthropologe^ N. F. Band 8, S. 237 bis S. 245 die kaukasischen Juden zum Gegenstand einer lehrreichen Betrachtung gemacht. Aus früheren Veröffentlichungen von Assinimow, Tscharnh, Chantre, Kurdow, v. Erckert, Alb. Katz, Heinr. Loewe usw., der Jewish Encyclopedia III, 628 ff., ferner von A. Chachanow,. in ven Mitteilungen für jüdische Volkskunde 1907, S. 33ff. und Dorothea Weißenberg, ebenda 1908, S. 123 ff. und 1909, 160ff. wissen wir, daß im Kaukasus zwei kleine Gruppen von Juden wohnen, die zwar ethnographisch ein ganz verschiedenes Bild gewähren, aber anthropologisch nicht sehr voneinander abweichen und sich in dieser Hinsicht nahe zu den osteuropäischen Juden stellen: Die Grusischen Juden und die Bergjuden. Erstere wohnen in Grusinen am Südabhang des Kaukasus in den beiden Gouvernements Kutais und Tiflis; ihre Umgangssprache ist die gleiche wie bei ihren christlichen Landsleuten, das Grusische. Letztere dagegen hausen in den gebirgigeren Gegenden am Westufer des Kaspischen Meeres, besonders in den Bezirken Daghestan und Baku. Ihre Sprache ist das Tat oder Tatsche, ein iranischer Dialekt vermischt mit Hebräisch. Er ist mit dem Ossetischen, der Sprache der indogermanischen hochgewachsenen und hellfarbigen Osseten im Kaukasus, verwandt. In ihren Lebensgewohnheiten, ihren Gebräuchen und in ihrer Kleidung unterscheiden sie sich kaum von den sie umgebenden, mohammedanischen Tataren; selbst den bei letzteren beliebten kriegerischen Schmuck pflegen sie zu tragen. Ihr Aeußeres hat, verglichen mit ihren Nachbarn im Kaukasus, säst nichts spezifisch Jüdisches, und die charakteristischen Seitenlocken, die sogenannten Paies, finden sich nur bei sehr wenigen frommen Leuten. Kaukasische Juden sah man bei uns in Deutschland auf mehreren Zionistenkongressen in Basel usw. Ich selbst kannte einen grusischen Juden, der übrigens einen deutschen Namen trug, also wohl zu einer der zahlreichen, später eingewanderten osteuropäischen jüdischen Familien gehörte, und dessen Aeußeres in keiner Weise den Juden zeigte, obwohl er schwarzes Haar und brünetten Teint besaß. Er wanderte nach England aus und heiratete dort — die Tochter eines englischen Pastors?) Besonders.merkwürdig war seine große Sprachbegabung, die freilich bei einem Kind des in sprachlicher Hinsicht so unendlich zerrissenen Kaukasus nicht sehr auffällig ist. Wenn man aber aus dem oben Gesagten schließen wollte, das Los der. kaukasischen Juden sei ein freundliches gewesen, . so würde man sehr irren; auch sie haben eine Leidensgeschichte h Der religiöse Glauben der kaukasischen Juden ist ein Gemisch aus Judentum und krassem Geisterglauben. Uebertritt zum Mohammedanismus kam früher öfter, sogar in größeren Gruppen, vor. zu verzeichnen, die in nichts der ihrer westeuropäischen Brüder nachsteht. Nach ihrer eigenen, natürlich irrigen Ansicht sind sie Nachkommen der zehn verschollenen Stämme Israels; indes steht fest, daß schon v. Ehr. Geburt Juden im Kaukasus sich niedergelassen haben. In einer grusischen Chronik wird überliefert, nach der Zerstörung des ersten Tempels, hätten sich Juden nach Mzchet gewendet und sich dort angesiedelt. Im übrigen ist ihre Geschichte, wie überhaupt die des Kaukasus, völlig dunkel, abgesehen von vereinzelten Nachrichten bei mittelalterlichen Autoren^) und von ihren eigenen Traditionen über die Verfolgungen, die sie von ihren Nachbarn zu erdulden hatten. Doch müssen sie sich einst über ein größeres Gebiet wie jetzt ausgedehnt und weitgehendes Ansehen besessen haben, sonst wäre es schwer erklärlich, weshalb sich der Großherr der Chazaren Bulan im 9. nachchristlichen Jahrhundert veranlaßt gesehen hätte, mitsamt seinem Adel zum Judentum überzutreten. Uebrigens sollen die heutigen Juden in der Krim, die sogenannte Karaim, durch die Gesichtsbildung und Bartlosigkeit noch auf ihre tatarische Abkunft Hinweisen; anderseits wird freilich behauptet, sie glichen den westdeutschen Juden. Was die jetzige Stärke' der kaukasischen Juden betrifft, so ist zunächst von den eingewanderteu zahlreichen osteuropäischen Elementen abzusehen, wenn wir die Zahl der Bergjuden und grusischen Juden ermitteln wollen. Offizielle russische Statistiken geben die Zahl der Bergjuden im Daghestan, etwa Vs der Gesamtzahl, mit 12 000 Seelen an; die grusischen Juden werden auf 6000 geschätzt. Doch ist diese Zahl offenbar weitaus zu niedrig gegriffen, da die Juden ein begreifliches Interesse daran haben,' ihre richtige Zahl der russischen Steuerbehörde zu verheimlichen. Wir sind also nicht in der Lage, genaue Daten über ihre Seelenzahl zu geben. Die Ermittlungen des Dr. Weißenberg über die anthropologische Stellung der kaukasischen Juden stützen sich teils auf ältere Forscher, teils auf seine eigenen Messungen an 37 grusischen Juden und 20 Bergjuden, die er entweder in Elisabethgrad oder in Jerusalem ängetroffen hat. Seine Ergebnisse, die sich mit den früheren zum großen Teil genau decken, sind die folgenden: Was die Körperhöhe betrifft, so sind die kaukasischen Juden zu den mittelgroßen Menschen zu rechnen. Eine interessante Beobachtung teilt Kradow mit: die Ackerbauer und Bergbewohner sind durchschnittlich größer als die Bewohner der Ebene und die Händler. Ebenso ist der Brustumfang . größer bei den Bergjuden als bei den Grusiern. Die Kopfform ist bei beiden Gruppen die gleiche; im Gegensatz zu dem langköpfigen reinen semitischen Typus, sind sie durchweg kurzköpfig, sogar teilweise mit übergroßer Neigung zur Kurzköpfigkeit, d. h. die Form des Schädels ist breiter als sie lang ist. Auch das Gesicht ist ziemlich breit mit etwas vorstehenden Jochbeinen. Die Nase ist meist gerade; nur ein Fünftel der untersuchten Individuen wies eine gebogene, sogenannte semitische Nase auf. Dagegen ist die Haarfarbe durchweg schwarz, das Haar selbst schlicht; Ausnahmen (helleres v oder krauses Haar) sind Nur vereinzelt nachzuweisen. Der Bartwuchs entwickelt sich auffallend früh; schon mit 16 bis; 17 Jahren' besitzen die Jünglinge einen ansehnlichen Bart. Die Farbe der Augen ist in der Regel dunkelbraun; blaue Augen und blondes Haar, die man nicht selten bei den europäischen Juden antrifft, fehlen vollständig. Auch die Hautfarbe ist durchweg dunkel. Aus allen diesen Beobachtungen ziehen wir die Folgerung, daß die grusischen und die Bergjuden in anthropologischer V Eldad ha - Dani (9. Jhrdt.), Benjamin v. Tudela (1165), Guillaurne de Rubriquis (1254) und anderen.

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