Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 52 (24.12.1909)
- Date
- 1909-12-24
- Page
- Seite 617 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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617 Als Student nahm Jutrosinski an den parlamentarischen Redeübungen teil, die Röpell und später der aus Amerika heimgekehrte Volkswirtschaftler und Staatsrechtlehrer Prof. Tellkampf leitete und an denen sich unter anderen auch Eduard Lasker, zu dem Jutrosinski in freundschaftliche Beziehungen trat, lebhaft beteiligte. Als Vertreter der Breslauer Burschenschaft der Raczeks, zu deren eifrigsten Mitgliedern er gehörte, nahm Jutrosinski 1848 an dem allgemeinen deutschen Studentenkongreß in Eisenach teil. Hier gehörte er mit Karl Schurz, mit dem er auch später noch in Verbindung blieb, Oskar Falke, Friedrich Rechenberg und anderen zu den Wortführern der freiheitlichen deutschen Studentenbewegung. Nach Beendigung seiner akademischen Studien war Jutrosinski mehrere Jahre im Auslande, besonders in Oesterreichisch-Schlesien und in Wien, als Hauslehrer tätig. Im Jahre 1858 erwarb er in Breslau die philosophische Doktorwürde auf Grund einer gediegenen Arbeit über Joh. Jac. Fuggers Ehrenspiegel, von dem er eine Handschrift im Wiener Staatsarchiv aufgefunden hatte. Im Jahre darauf bestand er die Prüfung für das höhere Lehramt und erhielt, nachdem er in Breslau sein Probejahr abgelegt, 1861 eine Stellung als unbesoldeter Hilfslehrer am städtischen Realgymnasium in Posen. Im Jahre 1862 sollte er dort als ordentlicher Lehrer angestellt werden, doch versagte die Negierung, unter dein Vorwände, daß einem Juden der Unterricht in der Geschichte an einer preußischen Schule nicht übertragen werden könne, ihre Bestätigung. Um dieser fadenscheinigen Begründung den Boden zu entziehen, erwarb Jutrosinski noch die Lehrbefähigung für neuere Sprachen, wozu ihm die Stadtgemeinde Posen einen halbjährigen Urlaub nach England erteilt hatte. Nachdem der wackere Mann, lediglich um der Sache willen, den Kamps für sein gutes Recht unter drei preußischen Ministern — Raumer, v. Bethmann-Hollweg und Mühler — durchgefochten hatte, wobei seine Angelegenheit wiederholt das Abgeordnetenhaus beschäftigte, erfolgte endlich, noch unter dem reaktionären Minister Mühler, 1868 seine Bestätigung (über die Vorgeschichte der Berufung siehe „Allgemeine Zeitung des Judentums" 1897, Nr. 18 „Ein Jubiläum"). In Posen lehrte Jutrosinski bis 1872. Dann wurde ihm durch die Berufung zum Direktor des ueugegründeten Reichenheimschen Waisenhauses für Knaben und Mädchen in Berlin ein neuer und lohnender Wirkungskreis eröffnet, in dem er nahezu 34 Jahre lang pflichttreu und segensreich gewirkt hat. Ein unablässiger Förderer der seiner Obhut Anvertrauten, ein liebevoller Vater der Verwaisten, ein Helfer und Berater der Entlassenen auch auf ihrem späteren Lebenswege, hat er. viel Gutes gestiftet und sich unter seinen ehemaligen Zöglingen ein treues und unverlierbares Andenken gesichert. In seinen Bestrebungen stand ihm seine, ihm bereits vor mehreren Jahren im Tode voraufgegangene Gattin hilfreich und umsichtig zur Seite. Im Frühjahr 1906 trat er, fast 81 jährig, in den wohlverdienten Ruhestand. Auch literarisch und wissenschaftlich ist der Dahingeschiedene noch mehrfach hervorgetreten. Außer der erwähnten historischen Dissertation schrieb er noch verschiedene Abhandlungen, über die Bedeutung der Baumwolle im Welthandel, über die „Englischen Reviews" (in der „Deutschen Rundschau") und andere. Seine pädagogischen Erfahrungen legte er in den Jahresberichten des Reichenheimschen Waisenhauses nieder. In einer 1887 erschienenen Schrift (Stuhrsche Buchhandlung) schilderte er die Entwicklung der Waisenpflege in der Berliner jüdischen Gemeinde. Zur Unterstützung der verfolgten russisch-jüdischen Auswanderer, die sich nach England oder Amerika begeben wollten, verfaßte er ein englisch-jüdisches Wörterbuch. (Kleiner^^örterschatz der englischen SpracheWerlin 1882, H. S. Hermann.) Jutrosinskis edle, humane Persönlichkeit wird in der Erinnerung seiner zahlreichen Schüler und Freunde noch auf lange Zeit hinaus fortleben! DieksukslilchenIudkN. S- Von Dr. S. Feist. eitdem bedeutende Forscher wie Rudolf Virchow, F. von Luschan, Alsberg und andere die Frage der Rassezugehörigkeit der heutigen Juden wissenschaftlich zu untersuchen begonnen haben, ist das Interesse an diesem noch nicht endgültig gelösten Problem stets rege geblieben, v. Luschan vertrat in einem Vortrag auf der 23. allgemeinen Versammlung der Deutschen anthropologischen Gesellschaft zu Ulm a. D. im Jahre 1892*) die Ansicht, daß die modernen Juden zusammengesetzt sind: erstens aus den arischen Amoritern, zweitens aus wirklichen Semiten, drittens und hauptsächlich aus den Nachkommen der alten Hettiter. — Die arischen Amoriter werden freilich von der neuesten Forschung mit einem starken Fragezeichen versehen, obwohl die Anwesen-- heit arischer Elemente in Palästina durch Fürstennamen arischen Gepräges in den sogenannten Amarnabriefen aus der Mitte des zweiten vorchristlichen Jahrtausends über jeden Zweifel' erhaben ist. Die Hettiter dagegen, die wir durch die Ausgrabungen der Deutschen Orientgesellschast immer näher kennen lernen, spielen zweifelsohne unter den vorgeschichtlichen Völkerstümmen Kleinasiens und Syriens die bedeutendste Rolle. Wie sie den heutigen Armeniern als wichtigster völkischer Bestandteil zugrunde liegen, so dürften auch die Juden ihren starken Einfluß erfahren haben. Die reine semitische Rasse ist unter den heutigen Juden nur gering vertreten; wir haben in einem früheren Aufsatz (in Nr. 37 d. I.) 9 Vgl. Korrespondenzblatt der deutschen Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte, 1892, Nr. 9, S. 94 bis S. 100.