Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 52 (24.12.1909)
- Date
- 1909-12-24
- Page
- Seite 616 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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616 lichteit schilderte. Darauf wurde folgende Resolution einstimmig angenommen: „Der Brüsseler Advokatenverband, der erfährt, daß ein Rechtsanwalt am Petersburger Kreisgericht wegen einer vor Gericht gehaltenen Rede zu einem Jahre Gefängnis verurteilt wurde, und in der Erkenntnis, daß jeder Angriff auf die absolute Freiheit des Advokaten bei der Ausübung seiner Berufspflicht eine Bedrohung der Grundrechte der Verteidigung ist — protestiert aufs schärfste gegen das über Hillerson gefällte Urteil, spricht ihm seine Sympathie aus und begrüßt kollegial die russischen Advokatenkorporationen, welche die Gefahren dieses Urteils für die gesamte Rechtsprechung richtig erkannt haben." Die zweite Nachricht lautet: „In der Duma stand der Negierungscntwurf betreffend die Unantastbarkeit der Person zur Verhandlung. Dieses Projekt stellt elbst nach der Meinung der Oktobristen ein Monstrum reaktionärer GesetzmacheM dar. Statt die „Unantastbarkeit der Person" zu garantieren, bestätigt der Gesetzentwurf die meisten bestehenden Beschränkungen der persönlichen Freiheit, und er erhält zur Rechtfertigung seiner Bezeichnung nur einige nichtssagende Phrasen über das in den Staatsgrundgesetzen sestgelegte Prinzip der bürgerlichen Freiheit. Der Paragraph 15 des Entwurfes enthält die ausdrückliche Bestimmung, daß von der Freizügigkeit, die ein Grundpfeiler des Bürgerrechtes ist, zwei Kategorien auszuschließen seien: Verbrecher und Juden! Das konnten und durften natürlich die progressiven und die jüdischen Abgeordneten nicht schweigend hinnehmen. Mit zwingender Notwendigkeit wurde da die Judenfrage aufgerollt, namentlich der wichtigste Teil, die Beschränkung des jüdischen Wohnrechtes auf einen bestimmten Ansiedelungsrayon. Die Kadetten, die in einer vorher stattgehabten Konferenz beschlossen hatten, mit ihrem Schweigen bezüglich der Juden frage zu brechen, schickten ihren besten Redner vor, den temperamentvollen Roditschew. Er sowie der jüdische Abgeordnete Friedmann erhoben den lautesten und wirksamsten Protest gegen den dem ganzen Reiche, den elementarsten Forderungen der Menschlichkeit und insbesondere den Juden zugefügten Schimpf, diese auf eine Stufe mit den Verbrechern zu stellen. Der ganze Entwurf ist gegen die Stimmen der Rechten an eine Kommission zur Aenderung überwiesen worden. Durch die stattgehabte Erörterung der Judenfrage ist sie aber wenigstens ins Rollen gekommen. Es stehen jetzt erbitterte, langandauernde Kämpfe über die Judenfrage bevor. Schwerlich ist von ihnen eine Milderung des Judenelends im Zarenreiche zu erwarten. Aber der so lange erduldete grauenvolle Jammer der russischen Judenheit wird nicht länger in stummem Schmerz ertragen werden. Mit elementarer Wucht, anklagend und Menschenrechte fordernd, werden die russischen Juden jetzt durch ihre berufenen Vertreter ihre Stimme erheben." * Endlich der Schlußbericht über den allgemein jüdischrussischen Kongreß in Kowno, von dem schon in der vorigen Nummer die Rede war: Nach dreitägiger Verhandlung wurde der hier tagende allgemeine russisch-jüdische Kongreß am 5. Dezember geschlossen. In seiner Schlußrede betonte der Vorsitzende, der bekannte Abgeordnete der ersten Duma, M. Winawer, die zutage getretene Einheitlichkeit in den Meinungen der Kongreßteilnehmer über die Grundfragen der russischen Judenheit, die Pflege und Hochhaltung des jüdischen Geistes, die zeitgemäße Fortentwicklung des jüdischen Erziehnngswesens und die grundlegende Neugestaltung der Gemeindeorganisation. Seien die Wege der jüdischen Parteien früher zum Teil auseinandergegangen, so hätten sie die Zeitgeschehnisse wieder zusammengeführt. Der Kongreß bedeute ein wichtiges Ereignis in der neuzeitlichen Geschichte deb russischen Judenheit. Er dokumentiere das Erwachen des einheitlichen jüdischen Bewußtseins. Die wichtigsten Beschlüsse des Kongresses sind folgende: 1. die Licht- und Fleischakzife (Korobka) soll abgeschafft ^nd durch eine progressive Einkommensteuer ersetzt werden; 2. jeder Jude, der über zwei Jahre an einem Orte wohnt, ist derl pflichtet, der betreffenden jüdischen Gemeinde anzugehören und J den Gemeindebeitrag zu entrichten. Diese beiden Punkte bildeten di; Hauptverhandluugsgegenstände des ganzen Kongresses. Die Meinungen darüber waren zuerst geteilt. Die Orthodoxen erkannten zwar die Ungerechtigkeit derFleischnnd Lichtsteuer an, konnten sich jedoch anfänglich für eine grundlegende Aenderung. deren Folgen nicht abzusehen seien, nicht erwärmen: Ebenso waren sie zuerst gegen die Zwangszugehörigkeit zur Gemeinde. Die Gegensätze waren jedoch nicht unüberbrückbar, die abweichenden Meinungen wurden ohne Schroffheit und mit ernster Würde vertreten. Der einheitliche Wille, der jüdischen M Sache nach besten Kräften zu dienen, vereinigte alle Anwesenden. Die unmittelbare praktische Folge des Kongresses ist die bereits erfolgte Gründung eines allgemeinen jüdischen Komitees mit dem Sitze , in Petersburg und mehreren Mitgliedern in verschiedenen Provinzstädten, den größeren Zentren der russischen Judenheit. Diesem Komitee obliegt es, die Beschlüsse' des Kongresses zur Ausführung zu bringen und als Organ der jüdischen Bevölkerung den jüdischen Dumaabgeordneten bei der Lösung ihrer schwierigen Aufgaben mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Gleichfalls nach Rußland führt eine fernere erfreuliche Nachricht. In Petersburg hat man schon am 21. November/4.Dezember den 90. Geburtstag Chwolsons, dem wir in der vorigen Nummer unsere Huldigung darbrachten, gefeiert. Der „St. Petersburger Zeitung" vom 23. November/6. Dezember entnehmen wir, daß die Fakultät für orientalische Sprachen an der Universität zu St. Petersburg, der Großfürst Constantin, viele hervorragende Beamte und Gelehrte ihm Glückwünsche, brieflich und persönlich dargebracht haben. Besondere Erwähnung verdient folgendes Telegramm des Komitees der Odessaer Abteilung des Vereins zur Verbreitung der Aufklärung unter den Juden: Das russiche Judentum wird Ihre Arbeiten in den Fragen nie vergessen, die eine grausame Rolle in der Geschichte seines Lebens gespielt haben. Das Komitee sendet dem ehrwürdigen Gelehrten seinen warmen Dank für sein geistiges Eintreten, dessen Spuren sich in die Herzen des russischen Judentums eingeprägt haben." M. Iutrolmslu? m 6. Dezember starb der ehemalige Direktor des Reichenheimscheu Waisenhauses, Prof. Dr. M. Jutrosinski im hohen Alter von 84 Jahren. Ein reiches, mannigfach bewegtes und interessantes Gelehrtenleben hat damit seinen Abschluß gefunden. Am 12. Oktober 1825 zu Sandberg in der Provinz Posen geboren und auf dem Gymnasium in Lissa vorgebildet, studierte Jutrosinski seit 1847 in Breslau Philosophie und Geschichte. Von seinen Lehrern haben der durch Klarheit des Vortrags ausgezeichnete Philosoph Braniß, der feinsinnige Philologe Fr. Haase und der scharfsinnige und gelehrte Historiker Richard Röpeü anregenden Einfluß auf ihn ausgeübt. I Dieser Artikel von Herrn Prof. Hahn ist der. „Vossischen Zeituug" vom 8. Dezember entnommen, mit einzelnen Zusätzen des Sohnes des" Verstorbenen Herrn Dr. Richard Jutrosinski ver- - sehen. Da die „Allgemeine Zeitung des Judentums", schon einmal . einen interessanten Abschnitt aus dem Leben des Hingeschiedenen gebracht hat, so luuß ich mich trotz der Trauer über den Verlust des hochverdienten Mannes mit den wenigen Zeilen zu seiner Würdigung begnügen. . Vielleicht ist es möglich, aus den nachgelassenen Abhandlungen des Verstorbenen, zu denen auch der Anfang von Lebenserinnerungen gehört, im Laufe der Zeit einiges zu veröffentlichen. L. G. -.-.a