Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 52 (24.12.1909)
- Date
- 1909-12-24
- Page
- Seite 615 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Kein einziger hätte ein solches Mifchmäsch-Programm unterschrieben. . Orthodoxe und Liberale werden fortsahren, einander zu bekämpfen. Welche Richtung einmal den Sieg davontragen wird, das muß die Zukunft lehren. Aber solange gekämpft werden muß, werden sich Orthodoxe und Liberale als ehrliche, aufrichtige Gegner gerade ins Angesicht schauen können. Dem „Block" jedoch werden beide Richtungen mit dem gleichen unverhohlenen Mißtrauen begegnen und ihm die Achtung zuteil werden lassen, die er verdient. Und auch das wird man, ohne. Prophet zu sein, heute schon sagen können: Er wird keinen langen Bestand haben; an feiner Unnatürlichkeit, seiner Unwahrhaftigkeit, seiner Unehrlichkeit wird der „konservativliberale Block" zugrunde gehen. Die Woche. Berlin, 21. Dezember, er oft angeregte und immer wieder hinausgeschobene Beschluß der linksstehenden liberalen Parteien in Deutschland ist Tatsache geworden. Die deutsche freisinnige Volk spart ei ist begründet. Das ist eine Tatsache, die auch von den Juden froh zu begrüßen ist, die, soweit sie nicht zur sozialdemokratischen Partei zählen, in ihrem überwiegenden Teile den Freisinnigen angehören. In dem Entwurf eines Einigungsprogramms, das die Zeitungen veröffentlicht haben, kommen Sätze vor. die jüdischen Deutschen aus dem Herzen gesprochen sind. Der Entwurf beginnt mit den Worten: »Die Partei fordert die gleichberechtigte Mitwirkung aller Staatsbürger in Gesetzgebung, Verwaltung und Rechtsprechung zur Förderung des politischen und sozialen Fortschritts, sie bekämpft alle Sonderbestrebungen, die dem Gemeinwohl zuwiderlaufen, und erstrebt den friedlichen Ausgleich der sozialen Gegensätze in einer die Freiheit des Einzelnen verbürgenden Gesellschaftsordnung." Unter den ausgestellten Forderungen sind die folgenden hervorzuheben: „Volle Gewissens- und Religionsfreiheit. Freiheit der Wissenschaft, ihrer Forschung und Lehre. Förderung der Kunst, Schutz des künstlerischen Schaffens gegen polizeiliche und kirchliche Bevormundung. Gleichberechtigung aller religiösen Bekenntnisse und Religionsgesellschaften. Beseitigung der vom Staat den Kirchen gewährten Vorrechte. Anerkennung der staatlichen Oberhoheit. Keine Einmischung der Kirchen in staatliche Angelegenheiten. Unabhängigkeit des Unterrichts von der Kirche, Beseitigung der geistlichen Schulaufsicht. Allgemeine Volksschule ohne konfessionelle Trennung. Gesetzliche Regelung des Volksschulwesens. Unentgeltlichkeit des Volksschul» Unterrichts... Ausgestaltung der Armee zu einem wirklichen Volksheere unter Beseitigung jeder Begünstigung einzelner Klassen, Stände oder Konfessionen." Da die Protestanten die vollen Rechte' genießen, die Katholiken durch das Zentrum genügend vertreten sind, so kann die Konfession, deren Rechte gewahrt und denen neue, oder richtiger alte, vorenthaltene Rechte verschafft werden sollen, nur die jüdische sein. Darum muß man diese schönen Worte froh begrüßen. Aber die Hauptsache ist: es bleibe nicht bei Worten! Ihr Volksvertreter, laßt uns Taten sehen! Erinnert Euch der Juden, die schon lange freudig alle staatsbürgerlichen Pflichten erfüllen, und suchet, ihnen die Rechte zu gewähren, die sie verlangen und verdienen. * In der Berichtswoche fand zu Berlin ein Kongreß für hebräische Sprache statt, von dem an anderer Stelle zu reden sein wird. Sollte sie etwa bedroht sein durch die neue Sprache Esperanto? Wir erhalten darüber folgende Zuschrift: „Die Einführung der Weltsprache Esperanto hat auch in den letzten Monaten sehr bedeutende Fortschritte gemacht, so daß es jetzt bereits zirka 1600 Esperanto-Vereine gegen zirka 1200 zu Beginn dieses Jahresgibt. Auch die Zahl der Esperanto-Zeitungen wächst ständig und beträgt bereits über 90, die der Esperanto-Auskunftsstellen schon über 350, von denen die des Verbandes Deutscher Esperantisten in Leipzig, Moltkestr. 28 d, angewiesen ist. gegen Einsendung von 15 Pf. ein Esperanto-Lehrbuch und aufklärcnde Schriften über und in Esperanto zu versenden." Ich habe die 15 Pf. noch nicht riskiert, wage auch nicht, ein Urteil über Esperanto abzugeben, obgleich es mir grundsätzlich bedenklich erscheint, eine willkürlich geschaffene, statt einer natürlich gewordenen zur Weltsprache zu erheben. Was aber an dieser Bewegung staunenswert ist, das ist'die rasche und riesige Verbreitung: 1600 Vereine und 90 Zeitungen in einer Sprache, die keine zehn Jahre alt ist! Der französische Minister des Auswärtigen, Pichon, kam in seiner jüngsten Rede über die Grausamkeiten der Regierung Mulay Hafids in Marokko auch auf die traurige Lage der marokkanischen Juden zu sprechen. Er sagte diesbezüglich: „Wir erhalten von den israelitischen Assoziationen bittere Klagen darüber, daß die jüdische Gemeinschaft selbst inmitten dieser Grausamkeiten mit exzeptioneller Strenge behandelt wird. Nach den von uns eingeholten authentischen Informationen sind Prügelstrafen und Zwangsarbeiten Tag und Nacht in noch erhöhterem Maße als früher auf der Tagesordnung, und es gehört nicht zu den Seltenheiten, daß Juden infolge dieser grausamen Behandlung haufenweise ihr Leben lassen müssen." * Drei Nachrichten aus Rußland, alle drei der „N. I. K." entnommen, liegen vor, alle drei in gewisser Weise erfreulich. Dem: wenn die erste auch von einer betrübend werten vollzogenen Maßregel, die. zweite von einer nicht minder traurigen drohenden Kunde gibt, so beweisen sie zugleich, daß sich gegen diese Beugung des Rechtes Widerstand > regt; Kampf aber, selbst wenn ihm ein Sieg nicht sicher vorherzusagen ist, bedeutet Leben. Die dritte aber bezeugt, daß innerhalb der Judenheit in Rußland die Erkenntnis durchdringt von der Notwendigkeit eines Zusammenschlusses der bisher Getrennten, von dem Nutzen eines Bundes der Gemeinden. Man kann die belgische Advokatenkammer zu ihrem Protest nur beglückwünschen, die fortschrittlichen Abgeordneten in Rußland und die dortigen Gemeinden in ihrem Kampf nur ermutigen. Die Nachrichten lauten: „Das beispiellose Vorgehen des russischen Gerichts gegen den jüdischen Rechtsanwalt Hillerson, der wegen einer Rede bei einem Pogromprozeß zu einem Jahre Gefängnis verurteilt wurde, wird von der Brüsseler öffentlichen Meinung aufs schärfste mißbilligt. Die meisten Blätter forderten einen öffentlichen Protest gegen jenes drakonische Urteil, das eine allgemeine Gefahr für die Freiheit der Verteidigung bedeutet. Ein solcher Protest ist nun von der Brüsseler Advokatenkammer in wirksamster Weise erhoben worden. An der Versammlung, die im großen Saal des Kriegsgerichtsgebäudes stattsand, nahm ein zahlreiches Publikum teil. Die Advokaten trugen ihre amtliche Tracht. Mr. S. Guide hielt das über eine Stunde währende Hauptreferat, in dem er die Ungeheuerlichseiten und die Haltlosigkeit des ganzen Hillerson-Prozesses mit juristischer Gründ-