Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 52 (24.12.1909)
- Date
- 1909-12-24
- Page
- Seite 614 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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vor dem Religionslehrer, dem sie Unwissenheit oder Heuchelei vorwerfen, und mit der Achtung vor dem Lehrer der Religion verlieren sie nur allzu leicht auch die Achtung vor der Religion selbst. . „In den Synagogen," heißt es ferner in dem Programm der neuen Partei, „soll die hebräische, die Juden der ganzen Welt vereinigende Sprache noch weiter zurückgedrängt werden." Das „noch weiter" ist wieder einmal klassisch. Vorläufig sind wir doch hinter unseren Vorfahren vor bald 2000 Jahren noch zurück, welche beispielsweise die Uebersetzung der Thoravorlesung für notwendig erachteten und einführten, und die mindestens ebensoviele Gebete in der damaligen Volkssprache verrichteten (Keäusetiali vor dem Schlußgebet, Kaddisch, Jekum Purkon), wie wir es heute in der Mehrzahl der Gemeinden in der unserigen tun. Das „noch weiter" soll also gruselig machen. Freilich werden wir im Gebrauche der Muttersprache in ZukunftGnoch weiter" gehen müssen, wenn anders es uns nicht gleichgültig läßt, ob die Besucher des Gotteshauses die Gebete in der „die Juden der ganzen Welt vereinigenden Sprache" verstehen oder nicht. Ueber die Unwirksamkeit der Reformpläne soll „die Geschichte längst ihr Urteil gefällt" haben. Jeder Kenner der Geschichte der vergangenen Jahrzehnte weiß, daß es eine Zeit religiöser und politischer Reaktion war, die jeden Fortschritt hemmte, jede gesunde Entwicklung im Keime erstickte. Und da sprechen die Männer der „mittleren Linie" von einem Urteil der Geschichte! „Die Eintracht im Innern . . . wird gefährdet." Ja, können denn die Herren nicht sehen, oder wollen sie nicht sehen? Die Eintracht wird nicht gefährdet, denn sie ist gar nicht vorhanden. Tatsächlich spricht das Programm weiter unten von dem Zwiespalt in den Gemeinden. Wenn aber das Programm meint, die Schar derjenigen, welche der Religion entfremdet sind, werde durch die liberale Vereinigung nicht verringert, sondern vermehrt, so hat die Erfahrung der anderthalb Jahre seit Bestehen der Vereinigung glücklicherweise das gerade Gegenteil bewiesen, wie mir jeder bestätigen wird, der die liberale Bewegung vorurteilsfrei verfolgt. Ganze Kreise, die an der Lebensfähigkeit des Judentums schon verzweifelt hatten, sind von neuem Mut beseelt worden. Kreise, die schon ganz abseits gestanden, treten wieder freudig in seine Reihen ein. „Wir wollen die Autorität der Quellenschriften unserer Religion nicht erschüttern." Welchen Wert kann solche Versicherung aus dem Munde all derjenigen Mitunterzeichner des Aufrufes haben, die in ihrem praktischen Leben diese Erschütterung längst besorgt haben, die hunderte von Paragraphen des kodifizierten Religionsgesetzes geflissentlich unbeachtet lassen? Ist das nicht Pfaffentum und Heuchelei? „Bei aller Treue gegen die Heiligtümer unserer Väter dürfen und wollen wir uns jedoch auch den Ansprüchen der Zeit Nicht verschließen, soweit diese dem Wesen unseres Bekenntnisses nicht widersprechen." Hier sind die Worte wieder einmal dazu da, um die Gedanken zu verbergen. An dem Wesen des Judentums will selbstredend keine Partei rütteln. Es fragt sich nur: Was ist denn das Wesen des Judentums? Darum dreht sich ja der Streit der Parteien. Ist es die Sittenlehre oder das Zeremonialgesetz? Ist es der Mö^ notheismus oder sind es die Speisevorschriften? „Wir wollen dafür sorgen, daß unsere Kinder als moderne Menschen erzogen werden, daß ihnen aber auch das Erbe unserer Väter unangetastet übergeben werde." Phrase^, nichts als Phrasen! Was ist denn „das Erbe unserer Väter?" Darüber herrscht ja unter den Unterzeichnern des Aufrufs die größte Meinungsverschiedenheit. Ist unter dem Erbe unserer Väter Bibel und Tradition zu verstehen, welch/-s Recht hat dann der „linke Flügel" des Blocks zu sagen, er wolle das Erbe der Väter den Kindern unangetastet übergeben? Aus dem Munde überzeugter und ehrlicher Orthodoxen lasse ich mir diese Redewendungen gefallen; in dem Munde der „liberalen" Blockmitglieder sind es heuchlerische Phrasen. Und diese Männer wollen dafür sorgen, „daß Wahrheit und Frieden in den Gemeinden der deutschen Judenheit gefördert werde?" Wer die Wahrheit fördern will, muß selbst wahrhaftig sein. Ich möchte nicht mißverstanden werden: Wer Konzessionen macht, den halte ich durchaus nicht für unwahrhaftig, wir alle machen Konzessionen und müssen sie machen. Unwahrhaftig nenne ich nur solche, die anderen Sand in die Augen streuen wollen, unwahrhastig nenne ich Rabbiner, die sich liberal nennen, die aber gleichwohl, indem sie Hand in Hand mit den Konservativen gehen, uns glauben machen wollen, daß sie die bedingungslose Verbindlichkeit von Bibel und Tradition anerkennen, und es sich zur. Aufgabe machen, „das Erbe der Väter" den kommenden Geschlechtern unangetastet zu überliefern. Solche Männer, behaupte, ich, werden niemals die Wahrheit fördern können, ebensowenig aber den Frieden, den sie unter Vertuschung der Gegensätze herzustellen bestrebt sind. Denn ein Frieden auf Kosten der Wahrheit, das ist ein fauler Frieden, für den sich jeder ernst und ehrlich Denkende bedanken wird. Auch wir wollen den Frieden, aber nur auf Grund der unbedingten Anerkennung der Berechtigung der verschiedenen Richtungen und Strömungen innerhalb des heutigen Judentums. Den Aufruf haben merkwürdigerweise nur Fachmänner unterzeichnet, kein einziger Laie befindet sich unter den Untere zeichnern. Ob viele Laien dem Rufe der „Mittelpartei" folgen werden? Wir wollen es abwarten. Eins aber ist sicher, daß viele Laien, und gerade die, denen es heiliger Ernst ist um den Fortbestand des Judentums, über die kautschukartigen Sätze des Programms den Kopf schütteln werden, nicht zum wenigsten wohl die Mitglieder derjenigen Gemeinden, die einen konservativen und einen liberalen Rabbiner besitzen (wie Köln und Breslau). Wenn die Mitglieder solcher Gemeinden sehen, wie ihre Rabbiner, von denen der eine für erlaubt hält, was der andere für verboten erklärt (vergleiche den „Orgelstreit" in Köln vor einigen Jahren), sich unter dem Aufruf friedlich zusammenfinden, um die Tradition zu erhalten und „das Erbe der Väter unangetastet" der Jugend zu überliefern: dann werden sie sich wohl ihr Teil denken. Vielleicht wird man mir entgegnen, das Programm der „liberalen Vereinigung" leide ja auch an manigsachen Unklarheiten. Ich gebe das unumwunden zu; es hätte klarer und deutlicher sein können. Allein dem Uebel kann abgeholfen werden. Nicht so bei der „Freien Vereinigung"; für sie bilden Unklarheit und Verschwommenheit die unerläßliche Bedingung. Nur auf dem Fundament der Unklarheit, der Verschwommenheit und der absichtlichen Vertuschung prinzipieller Gegensätze konnte das. Gebäude eines „konservativ-liberalen Blocks" errichtet werden. . Am Eingang dieser Zeilen sprach ich von denjenigen, die ich als Unterzeichner des Ausrufs gefunden habe. Zum Schluffe seien auch die e.wähnt, die ich nicht gefunden habe. Von denjenigen Rabbinern, die seit Jahr und Tag ihren religiösen Standpunkt, sei es der orthodoxe oder der neologe, mit Eifer, Begeisterung und Entschiedenheit in Wort oder Schrift vertreten, habe ich auch nicht einen einzigen gefunden.