Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 52 (24.12.1909)
- Date
- 1909-12-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnemen ts-preis: durch Buchhandel oder Post sin Berlin u. Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. Lhefredakteur: Ludwig Seiger. «Die freie jüdische Vereinigung", der neueste kvnservativi|Ulj(UU liberale Block. Von Rabbiner Dr. Norden-Elberfeld. — Die Woche. — M. Iutrosinski. — Die kaukasischen Juden. Von Dr. S. Feist. — Brief aus London. Von Dr. Chotzner. — Eindrücke aus Galizien. Von Dr. Theodor Lessing. — Literarische Rundschau. — Büchereinlaus. — Sprechsaal. Der Gemeindebots (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"): Berlin, Posen. Fraustavt, Breslau, Hamburg, Kiel, Dortmund, Frankfurt a. M., München, Prag, London. — Von Nah und Fern. „Sie kreie jüdische Vereimsung", der neueste konlerostio-sibersle Block.'' Von Rabbiner Dr. Norden-Elberfeld, er zählt die Völker, nenilt die Namen? An dieses Dichterwort mußte ich unwillkürlich denken, als mir der Aufruf der neuesten jüdischen Vereinigung zu Gesicht kam. 64 Rabbiner und Dozenten, das ist immerhin eine ganz stattliche Anzahl und ich weiß nicht, ob die orthodoxe und die liberale Partei über soviel „eingeschriebene" theologische Mitglieder verfügt. Interessanter aber, als die Zahl der Unterzeichner waren mir ihre Namen, oder doch ein Teil derselben. Sehr häufig werde ich gefragt: „Welcher Richtung gehört Rabbiner 36. an?" „Welche Stellung nimmt Rabbiner H. zu den religiösen Streitfragen ein?" „Welcher Richtung huldigt Rabbiner Z. in Wort und Schrift?" Woraus ich denn oft gezwungen bin, zu antworten: „Das wissen die Götter, ich weiß es nicht." Und siehe da, die Namen aller derer, von denen man niemals weiß, ob sie Fisch oder Fleisch sind, die das „Hinken auf beiden Seiten" zu einer wahren Kunst ausgebildet haben, prangen unter dem Aufruf der „Freien Vereinigung". Und ferner so manche, die zu gleichgültig, zu phlegmatisch sind, um sich über die brennenden Fragen des Judentums den Kopf zu zerbrechen, auch sie sind auf den Plan getreten, denn in dem Helldunkek des neuen jüdischen Blocks da fühlen sie sich wohl und behaglich. Ueberraschend kam übrigens der Aufruf nicht. Schon im Mai vorigen Jahres, als die „Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland" ins Leben trat, schon damals wurde in Berlin von der beabsichtigten Gründung eines „konservativ-liberalen Blocks" gemunkelt, man sprach von einer „nationalliberalen Partei". Nachdem das Programm den Orthodoxen, den „Vertretern der strengsten Observanz" einige Hiebe verseht hat, beschäftigt es sich ganz ausführlich mit den Liberalen. Diese haben einen Verband gebildet, „dessen Programm die Verbindlichkeit der Bibel und der *) Zur Ergänzung der Bemerkungen Samuels in Nr. 45 möge diese scharfe Abwehr dienen. Die Red. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf rnosse, Berlin. Tradition nur insoweit anerkennen will, als diese Quellenschriften mit dem Leben in Einklang stehen". Danach sollte man doch nun glauben, daß sämtlichen Unterzeichnern des^ Aufrufs die Bibel und die Tradition wirklich in allen ihren^ Teilen heilig und verbindlich sind. Jeder Eingeweihte weiß nun aber, daß das nicht der Fall ist. Wenn alle diejenigen ihre Unterschrift zurückziehen müßten, denen im praktischen Leben die Quellenschriften nicht stets verbindlich sind, die sich über eine ganze Reihe von Vorschriften in bezug auf Speise und Trank, aus Sabbat und Feste, auf das Eheleben usw. wissentlich hinwegsetzen, es würde nur ein ziemlich kleines Häuflein Getreuer übrigbleiben. „Die Religion soll sich somit vom Leben meistern lassen und nicht mehr das heilige Ideal sein, das berufen ist, das Leben zu meistern." Dieser Satz bedarf nach dem oben Gesagten keiner Beleuchtung mehr. So sprechen Männer, die den Orthodoxen einen Vorwurf daraus machen, daß sie „die Anwendbarkeit des Gesetzes der geschichtlichen Entwicklung auf das Judentum grundsätzlich in Abrede stellen!" Daß auch die arme Wissenschaft herhalten muß, ist so selbstverständlich, wie ergötzlich. „Vorübergehenden Zeit- 4 strömungen und wissenschaftlichen Hypothesen, die mit Unrecht als gesicherte Ergebnisse der Wisienschaft ausgegeben werden und überdies zumeist außerhalb des Judentums aufgetaucht und gegen dasselbe gerichtet sind, soll die durch Jahrtausende bewährte Kraft unseres Religionsgesetzes geopfert werden." J Der Rede Sinn ist etwas dunkel und soll es auch wohl sein. In Wahrheit handelt es sich nicht um diese oder jene Hypothese, I auch nicht um dieses oder jenes gesicherte Ergebnis der Wissen- 3 schaft. Es handelt sich, und das wird natürlich verschleiert, um das Prinzip, ob die Wissenschaft in religiösen An- -■ gelegenheiten ein Wort mitzureden hat oder nicht. Die 4 Orthodoxen sagen mit ehrlichen Worten: „Nein", die i:\ Liberalen sagen ebenso ehrlich: „Ja"; der Block hingegen kann 1 seiner ganzen Natur nach nicht anders als sich drehen und wenden und dunkle Worte sprechen von „verhängnisvollen ji Lehren" und „haltlosen Behauptungen", durch welche die Jugend verwirrt werden soll. Wir liberalen Rabbiner sind unseren „Block-Kollegen" aufrichtig dankbar dafür, daß sie uns 4 in eine Reihe mit Sokrates, dem Verführer der Jugend, bringen wollen; soviel Ehre verdienen wir gar nicht. Aber im Ernste: f: Wir verwirren die Jugend nicht, wenn wir ihr von den '1 Hypothesen und Ergebnissen der Wissenschaft Kenntnis geben. Verwirren würden wir sie, wenn wir ihr dies alles vorenti halten und sie es dann außerhalb der Schule oder im späteren Leben erfahren würde. Das würde Verwirrung in die jungen 2 Köpfe tragen; die jungen Leute verlieren dann die Achtung^. > 73. Jahrgang. Nr. 52, Berlin, 24. Dezember 1909. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnemen ts-preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. Lhefredakteur: Ludwig Seiger. Begründet von Rabbiner Dr- Ludwig Philippsoll. Verlags-Expedition: Berlin, Jerusalemer Str. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf Rlofse, Berlin. 'I