Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 52 (30.12.1910)
- Date
- 1910-12-30
- Page
- Seite 624 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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eben die nach Palästina. Die Geschichten sind ungleichartig,und nicht gleichwertig. .Heimfahrt" ist ein düsteres R achtbild; „Warum" — übrigens schon in einer früheren Sammlung gedruckt — schildert das tragische Ende eines Hausierers, der, von einem Schneesturm überrascht, die große Frage, nämlich die, warum die Juden, „das auserwählte Volk" zerstreut sind, und leiden müssen, seinem Söhnlein zur Beantwortung überläßt, in dem er einen Rabbiner und großen Gelehrten sieht. Die Perle des Buches ist die Geschichte .Zwei Oelbäume". Sie hat ihren,Namen davon, daß der Held der Erzählung, Herr Welt, für ein Brautpaar zwei Oelbäume in Palästina pflanzen läßt; der Inhalt der Geschichte ist aber der, daß dieser Herr Welt, ein älterer Junggeselle, die schöne Braut seines verwachsenen und schielenden Vetters heiratet, entschlossen, gemeinsam mit ihr das große Werk des Zionismus zu fördern. Ob es freilich möglich ist, wie hier erzählt wird, daß ein Mann Zionist und Jude bleibt, nachdem er äußerlich das Christentum angenommen, und ob er von einem Rabbiner in Rußland, dem er dies Bekenntnis abgelegt, getraut wird, möchte ich stark bezweifeln, aber jedenfalls ist die Geschichte trefflich erzählt, - die Personen sind gut charakterisiert, die Umwandlung des schüchternen Mädchens in ein starkes Weib wird glaubhaft und vollendet dargestellt. Sie beweist ein großes.Talent der Erzählerin. I*. G. * — Adolf Fischhof, Das Lebensbild eines österreichischen Politikers. Von Richard Charmatz. Stuttgart und Berlin 1910. I. G. Eottasche Buchhandlung Nachfolger. XVI und 461 Seiten. Der junge, jüdische Sekundararzt im Wiener Allgemeinen Krankenhause, dessen Biographie uns vorliegt, wurde am 13. März 1848 mit einem Schlage ein berühmter Mann. Er war es, der an diesem entscheidenden Tage des Revolutionsjahres durch eine kühne Ansprache dem Gefühl der Tausende, die sich vor dem Hause der niederösterreichischen Stände drängten, den ersten flammenden Ausdruck gab. Seit diesem unvergeßlichen Auftreten auf veröffentlichen Bühne hat er seinen Namen tief in die österreichische Geschichte eingegraben: als Präsident des Sicherheitsausschusses, Abgeordneter des Reichstags, Leiter seiner Permanenzkommission in den dramatischen Oktobertagen des Sturmjahres, als Mitglied der Versammlung von Kremsier, wegen Hochverrats Angeklagter und ab instantia. Freigesprochener, als geistvoller, kenntnisreicher, auf Versöhnung der Nationalitäten bedachter Publizist, der bis zum letzten Atemzug, trotz schwerer Heimsuchungen durch Krankheit, Sorgen und Enttäuschungen, den Idealismus der Jugend sich bewahrt hat. Das Lebensbild dieses Mannes auf dem Hintergrund der allgemeinen Geschichte zu zeichnen, ist dem Verfasser außerordentlich gut gelungen. Er hat mit unermüdlichem Fleiß ein sehr großes, gedrucktes und handschriftliches Material gesammelt, wobei er von den verschiedensten Seiten hingebende Unterstützung gefunden hat. Allein die Auszüge aus Fischhöfs Briefwechsel (beispielshalber sei auf die wichtige Korrespondenz mit Nieger, dem tschechischen Parteiführer 'hingewiesen) würden schon genügen, das Buch zu einer unschätzbaren Quelle für die - Erkenntnis der politischen Zustände und Kämpfe Oesterreichs zu machen. Jüdischen Lesern sei besonders zur Beachtung empfohlen, was auf Seite 277 ff. über Fischhofs Kolonisationsprojekt für Galizien mitgeteilt wird. Vielleicht wird man finden, daß hie und da die allgemeinen Ausführungen wie über die Begründung des Dualismus, die föderalistische Aera, die Sprachenzwiste unter dem Ministerium Taaffe im Rahmen der Biographie einen etwas zu breiten Raum einnehmen. Allein, man muß bedenken, daß ohne eine gewisse Ausführlichkeit der allgemeinen historischen Erzählung Fischhoss tief eingreifende literarische Tätigkeit gar nicht zu verstehen wäre. Leider hat der Verfasser den ersten Band der höchst aufschlußreichen Biographie des Grafen Julius Andrüssy von Eduard v. Wertheimer (Deutsche Verlagsanstalt) noch nicht benutzen können. Uebrigens aber ist ihm aus der weitschichtigen Literatur, die für seinen Gegenstand in Betracht kam, schwerlich etwas, und wäre es auch eine Flugschrift oder ein Zeitungsartikel, entgangen. . Im Anhang werden unter anderem zwei Protokolle des Sicherheitsausschusses von 1848 abgedruckt, ebenso Fischhofs gegen Ende der 60er Jahre niedergeschriebener, merkwürdiger Sprachen-Gesetz» entwurs. Eine gleichfalls hier gegebene Bibliographie gibt den besten Beweis der regen Publizistischen Arbeitsamkeit Fischhofs. Das Porträt des ehrwürdigen Veteranen des Freiheitskampfes seines Vaterlandes und das Bild des „Koglhofes" in Emmersdorf, wo er sein bescheidenes Dasein fristete, gereichen dem Buch zur künstlerischen Zierde. Niemand, der es gelesen hat, wird es aus der Hand legen ohne die Empfindung, eine Persönlichkeit von lauterstem Streben und reichen Geistesgaben kennen gelernt zu haben. Als Fischhof am 23. März 1893 die Augen schloß, empfand man auch überall, wo man seinen Lebenslauf verfolgt hatte, in den Kreisen der Freigesinnten Oesterreichs den schweren Verlust. ' Zürich. Alfred Stern. £ Mitteilungen für jüdische Volkskunde, herausgegeben von Dr. M. Grunwald, 13. Jahrgang, 4. Heft, Wien 1910. Das neue Heft ist besonders reich an Mitteilungen, die eine Bereicherung der sogenannten Folkloristischen Literatur darstellen: Schwänke, Sprichwörter, Volks- und Kinderlieder, Beschwörungsformeln, Bräuche, Redensarten, Speisezettel, besonders aus Galizien und Rußland, nur einzelnes aus Oberungarn. Sprichwörter und Schnurren zeigen häufig ihrem Ursprünge entsprechend einen etwas gepreßten Humor; in manchen macht sich aber viel gutmütiger Spott und Witz geltend. Das ganze Heft bildet eine höchst anregende Lektüre; es wäre sehr zu wünschen, daß sich die Zeitschrift ein breiteres Publikum eroberte. L. G. Mcherrinlauk. Besprechung der Bücher Vorbehalten. Zurücksendung der Bücher findet in keinem Falle statt. Lebenserinnerungen von 'Julius v. Eckardt. Zwei' Bände. Leipzig, S. Hirzel 1910. 12.- Mark. Deutsches Knabenbuch, ein Jahrbuch der Unterhaltung, Belehrung und Beschäftigung für unsere Knaben. Stuttgart, H. Thienemanns Verlag, Band 24. Deutsches Mädchenbuch, ein Jahrbuch der Unterhaltung, Belehrung und Beschäftigung für junge Mädchen, Stuttgart, H. Thienemanns Verlag, Band 18. Heine-Reliquien. Neue Briefe und Aufsätze Heinrich Heines, herausgegeben von Maximilian Freiherrn v. Heine-Geldern und Gustav Karpeles. Mit fünf Bildnissen und fünf Faksimiles, Verlag von Karl Curtius, Berlin, 1911. Dr. M. Bienenstock: Das jüdische Element in Heines Werken, ein kritisch-ästhetischer Beitrag zur Heine-Frage, Leipzig, Verlag für Kunst, Literatur und Musik, 1910. 3.50 Mark, gebunden 4 50 Mark. Unser Haus. Ein Buch von Felix Hollaender. Erich Reiß, Verlag, Berlin, 1911. R. Jona Gerundi und sein ethischer Kommentar zu den Proverbien von Rabbiner Tr. A. Löwenthal, Hamburg. Gedruckt mit Unterstützung der Zunz-Stiftung und der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums zu Berlin. Berlin, M. Poppelauer, 14b S. Urkundliche Beiträge zur Geschichte der mährischen Judenschaft im 17. und 18. Jahrhundert. Herausgegeben von Willibald Müller. Olmütz, 1903. Druck und Verlag von Laurenz Kullil. 198 S. Bericht über die israelitische Erziehungsanstalt zu Ahlem bei Hannover für die Jahre 1908 und 1909. 2. Teil. Hannover, Gilmannsche Buchdruckerei. 68' 'S, Die Tempora im Semitischen» ihre Entstehung und ihre Ausgestaltung in den Einzelsprachen. Dissertation. Berlin. 54 S. <r>c|3^ Sruckkrhtrrbrrichtlgung. In dem Gedichte „Menorah" von Emil Lehmann hat sich leider ein sinnentstellender Druckfehler geschlichen. Anstatt Lichthelles soll werden', muß es heißen: Lichthell soll-es werden. Druck und Verlag von Rudolf Müsse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.