Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 52 (30.12.1910)
- Date
- 1910-12-30
- Page
- Seite 622 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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gedankenlos in der Hand hielt, auf die Wunde, als könnte er dadurch die entfliehenden Lebensgeister seines Weibes aufhalten. Rahel hatte jetzt ihre Augen aufgeschlagen. „Mein Georg," röchelte sie, kaum verständlich, „der kleine Schuh! — Unsere — unsere — Olga — kann — nicht — selig — ruhen — in — in — ihrem — Sarge. — Bald — bald — in Sarg — in — Sarg — legen! Bald — — —" Er fing an den Zusammenhang zu ahnen. Seine Lippen berührten die ihrigen, voller Weh und Mitleid, und er schluchzte laut auf, als er ihren schwachen Gegendruck fühlte. „Dank — Dank — mein Gregor —hauchte sie kaum hörbar. „Mein — Grab -- neben — meiner Mutter — in der Steppe draußen! —" Der Todesengel hatte bereits seine Trauerfittiche über sie. ausgebreitet; doch mit dem Aufwand ihrer letzten Kraft sprach sie deutlich und klar : „Gott, Du bist gerecht, und Dein Urteil ist gerecht! Herr, vergib! Leherns. Jsraol> Adonoj Elokenu, Adonoj Echod! Gepriesen sei Dein heiliger Na . .." Am nächsten Tage hatte Marfa, Bastian und Sascha vollauf zu tun, um im Dorfe das Gerücht zu verbreiten, daß die junge Herrin, durch den Schmerz über den Tod ihres Kindes, zur Nachtwandlerin geworden und in diesem willenlosen Zustande, wie schon so oft, nach dem Kirchhofe zu dem kleinen Grabe gegangen war, wo sie das Opfer eines gemeinen Verbrechers geworden und dabei ihren Tod gefunden. Und dann ging Bastian zu seiner Tochter und befahl ihr, sich mit dem schönsten Kleide herauszuputzen, um den iarmen Herrn Gregor zu trösten und ein klein wenig zu erheitern. — — ' Doch sie hätte sich die Mühe ersparen können; Rahel bekam keine Nachfolgerin. Es war ja auch gar keine Zeit dazu vorhanden. —-Drei Tage nach Rahels Bestattung, nachdem ein 'zweites Grab in der Steppe entstanden war, fand Marfa ihren einzigen Sohn starr und steif in seinem Zimmer, den kleinen Kinderschuh von seiner Hand fest umklammert, mit dem verhängnisvollen Dolch tief in seiner Brust. Auf dem Tische lag ein Zettel, der folgende Worte enthielt: „Dieser Kinderschuh ist der schönste Beweis ihrer innigsten, ihrer zärtlichsten Mutterliebe, der kein Opfer zu groß und zu schwer gewesen! Er ist von unser beider Herzblut durchtränkt, darum soll er aber auch Dir als ewiges Mahnzeichen gelten, daß Du den Tod Deiner beiden Kinder ■ auf Deinem Gewissen hast! Mutter, ich scheide ohne Groll ' von dannen! Ohne sie finde ich keine Ruhe und mag nicht länger leben. Ich folge ihr nach jenem Lande, wo Lüge, Falschheit und Verleumdung nicht vorhanden sind, um in Treue und Wahrheit mit ihr für ewig vereinigt zu bleiben!" Litersrilchk Mitteilungen. — Jüdischer Almanach 5670. Herausgegeben aus Anlaß des 25semestrigen Jubiläums von der Vereinigung jüdischer Hochschüler aus Galizien, Bar-Kychba in Wien 1910 im Selbstverläge der Vereinigung in Kommission „Jüdischer Herlag" G. m. b.H., Köln a. Rh. Ein^ungemein prächtig ausgestatteter Quartant, reich an Reproduktionen jüdischer Künstler, z. B. Hermann Struck, Samuel HirSzenberg, Max Liebermann, E. M. Lilien und andere, die sich meist auf jüdisd)e Dinge beziehen. Besonders schön sind die Bilder vom HirSzenberg. Die Beiträge von etwa 50 jüdischen Autoren , sind Gedichte/ Novellen, geschichtliche, kulturhistorische," philosophische Aufsätze. - Neben dem Schönen vieles Minderwertige, z. B. die. Aphorismen von Leon Kellner; bedeutende.. Namen stehen neben denen von Anfängern. Einzelnes hat Arthur Schnitzler beigesteuert, z. B. Paralipomena zum. „Weg ins > Freie",. Fragmente, die aus dem Roman ausgelassen worden waren, und die, da sie nun vor uns liegen, uns recht entbehrlich dünken. Sehr schön ist das „Ahnenlied" von Hugo Salus. Adolf Stand steuert Briefe Theodor Herzls bei, die, ohne bedeutend zu sein, interessantes Material zur Geschichte des Zionismus geben. Auch Arthur Schnitzler spricht von Herzl, indem er einen Brief mitteilt, den er 1892 an den jungen Herzl geschrieben hat. Sehr merkwürdig, ist ein Aufsatz „Die Assimilation, ein geschichtlicher Ueberblick", der im Grunde den Zionismus oder ein neues Volkstum in Palästina predigt, ohne es doch Wort haben zu wollen, daß er dem Zionismus huldigt. Der Zionismus in allen seinen verschiedenen Schattierungen durchzieht das ganze Buch. Ein Aufsatz S. Bernfelds über meinen Vater ist im wesentlichen biographisch, seine Tendenz geht aus den Anfangsworten hervor: „Es gibt Männer in der Geschichte, die wir gegen unseren Willen bewundern und verehren müssen." Es ist unmöglich, die Fülle des Inhalts im einzelnen darzulegen; das würde einen großen Aufsatz erfordern. Wer auch.mit der Tendenz des Ganzen nicht einverstanden ist, wird manchen Genuß an einzelnen Beiträgen finden. L. G. — In defence of the immigrant. The american jewish year book. 5671. October 4, 1910 to September 22, 1911. Edited by Herbert Friedenwald for tbe american jewish committee. Philadelphia. The Jewish Publication Society of America 1910. Ein sehr instruktives Buch, das über die Alliance, über die Juden in Amerika und deren Beschäftigung handelt. Einzelne Biographien hervorragender Israeliten wechseln mit statistischen Zusammenstellungen, die für uns höchst aufschlußreich sind. Darunter befinden sich Verzeichnisse der kommunalen und lokalen Organisationen in Amerika, eine Liste der jüdischen Zeitschriften in den Vereinigten Staaten, der jüdischen Soldaten, die im spanischamerikanischen Kriege , gedient haben, der 100 besten englischen Bücher, die über jüdische Dinge in englischer Sprache erschienen, ebenso der über Palästina handelnden Schriften, ferner ein Verzeichnis der wichtigsten jüdischen Angelegenheiten im verflossenen Jahr, biographische Mitteilungen über amerikanische Juden, z. B. Rabbiner und Kantoren und solche Männer, die in kommunalen Angelegenheiten tätig waren, oder die sich durch ihre Handels- und Gelehrtentätigkeit ausgezeichnet haben. Auch ein Verzeichnis der Pogrome, die in Rußland stattfanden, wird gegeben. In einer Uebersicht über die wichtigsten Angelegenheiten vom 1. Juni 1909 bis zum 30. Juni 1910, die auch eine Nekrologie bedeutenderer Persönlichkeiten enthält, einem Artikel von etwa 120 Seiten, wird auch aus Deutschland mannigfache Rücksicht genommen: der Tod von G. Karpeles, meine Uebernahme der.Redaktion der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" werden beispielsweise erwähnt; jede Ordensdekoration wird hervorgehoben. Freilich werden auch wichtigere Ereignisse, wie Kongresse, Versammlungen usw. angeführt. Gar manche Fehler schleichen sich ein, insbesondere find viele getaufte Juden erwähnt. Im ganzen ein sehr nützliches Nachschlagebuch. das wir in Deutschland in ähnlicher Weise nicht besitzen. E. G. * . "l: ' Geschichte der Königlich Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin, von Max Lenz, Halle a. S. Buchhandlung des Waisenhauses, 1910. 4 Bände. 1. Band 644, 2. Band. 1. Hälfte 514, 3. Band 536 (mit vielen Tafeln), 4. Band 614 Seiten. Das monumentale Werk, das unmittelbar vor dem Jubiläumstage der Berliner Universität ausgegeben worden ist, zeigt eine äußere Vornehmheit, wie wohl noch kein ähnliches Unternehmen. Der erste und der bisher erschienene erste Teil des zweiten Bandes erzählb die Geschichte der Universität bis 1840 (die zweite Hälfte soll diese bis 1865 führen). Der vierte enthält die. Urkunden, und der