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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-12-30 · Heft 52 (30.12.1910) · p. Seite 621

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 52 (30.12.1910)
Date
1910-12-30
Page
Seite 621 (sequence 9)
Language
German
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konnte sie mit dem stumpfen Werkzeug natürlich nicht viel ausrichten; sie warf es daher bald fort und machte sich daran, mit den Händen den Boden auszuwühlen. Sie arbeitete dabei wie rasend und stöhnte oft laut auf; als es ihr aber trotzdem nicht gelingen wollte, das Grab zu öffnen, da schlich sie verzweifelt nach Hause, was wir aus ihrem Seufzen entnehmen konnten. — :-Siehst Du, mein Sohn," fuhr sie gehässig fort, wobei die Schadenfreude aus ihren grünen Augen hervorleuchtete, „sagte ich es Dir nicht damals schon, daß es eine abgekartete Komödie, daß sie von ihren Rabbinern dazu angestiftet war — — daß sie eine abgefeimte Hexe sei, daß sie raffiniert die ganzen Faxen vor unserem Hause aufgespielt, um Dein Mitleid zu erregen, um Dich in ihre Netze zu verstricken? -Gewiß war dieses Jahr das Los auf sie gefallen, und sie hatte den Auftrag bekommen, für ihren greulichen Ritus zum Osterfeste ein Kind zu beschaffen; und da sie kein fremdes Kind besorgen konnte, so scheut es die Rabenmutter nicht, die Ueberreste ihres eigenen auszugraben, um durch ihre Zaubereien Pest und Verderben über das arme, ehrliche Christenvolk zu bringen. Aus Rache, daß es ihr nicht so leicht gelingen will, ihr scheußliches Vorhaben auszusühren, hat sie schon den Stier behext, daß er sein eigenes Kalb mit den Hörnern aufgespießt, und auch zu Michaelis — ich wollte aus Mitleid mit Dir es Dir gar nicht erst sagen — flogen schon die bösen Geister in unserem Hause aus und ein-- Sascha hat sie ganz deutlich gesehen-obwohl ich an jede Tür drei Kreuze mit neuer Kreide angemalt hatte.-Sascha kann es beschwören — — wie ihr Vater damals das blaue Flämmchen an der Wiege beschworen hat. --— Sind das nicht Beweise genug von ihrer Zauberei?" Gregor hatte, schweigend zugehört. Seine aufgeklärten Anschauungen hatten ihm derartige Schauermärchen bisher als Hirngespinste eines betörten Fanatismus erscheinen lassen; er wollte auch jetzt noch nicht recht daran glauben;-doch die Aussagen seiner Mutter lauteten so bestimmt, daß er die Sache nicht ganz von der Hand weisen konnte und mindestens zu zweifeln begann. Er ging zu seiner Frau und betrachtete unauffällig ihre Hände; sie waren zerschunden und ganz roh. —-Mit düsteren Blicken kehrte er zu Marfa zurück und sprach: „Passe weiter auf und berichte mir, was sie während meiner Abwesenheit noch etwa unternehmen wird.". Und Marfa paßte in der Tat sehr gut auf, und erzählte ihm nach einigen Tagen wiederum dieselbe Geschichte: das versuchte Eindringen in den Gerätschuppen, das Holzscheit, der Gang zum Kirchhof und das vergebliche Bemühen, das kleine Grab zu öffnen. Gregor sprach auch diesmal kein Wort, aber seine Augen funkelten unheimlich, seine Stirne war mit drohenden Falten bedeckt und sein ganzes Wesen bekundete einen baldigen leidenschaftlichen Ausbruch, der sich verhängnisvoll gestalten mußte, und dem auch Marfa mit einem gewiffen Zagen entgegensah. Gegen Abend ließ er die Pferde anschirren und traf die üblichen Vorbereitungen zu einer mehrtägigen Reise. Als er sich von Rahel verabschiedete, glaubte er eine gewisse Befriedigung in ihren Mienen wahrzunehmen: ihre Hände zitterten merklich, und ein fieberhaftes Glänzen leuchtete aus ihren Augen. . Als Gregor bereits den Wagen bestiegen hatte, flüsterte er noch Marfa zu: „Sage Sebastian, daß er den Gerätschuppen heute offen lassen, und dicht neben der Tür einen festen Spaten hinstellen soll." Dann fuhr er davon; doch die Reise ging diesmal nicht weit — nur bis zum Dorfe, und als er das Gespann in der Schmiede eingestellt hatte, ging er zu Fuß nach dem Kirchhofe und stellte sich hinter einer Akazie auf, die ihn ganz verbarg, zumal es ziemlich dunkel war. Stundenlang wartete er geduldig, mit den Augen beständig die Finsternis durchbohrend, die die schwachen Strahlen des bleichen Mondes nicht zu erhellen vermochten. Sein Herz pochte laut in seiner Brust, und sein Blut kreiste heiß und schnell durch die Adern. Nun würde er ja selbst sehen, wenn etwas zu sehen sein sollte! Sollte er sich überzeugen — ja^ dann — dann —! Mitternacht war längst vorüber. Er blieb jetzt wie angewurzelt stehen; den Kopf gespannt lauschend vornüber gebeugt — der Klang vorsichtig herannahender Schritte war an sein Ohr gedrungen. Er wußte sofort, wer es war; er würde diesen Fußtritt unter einer ganzen Armee marschierender Soldaten erkannt haben. Durch das Geklirre von Eisen auf dem steingepflasterten Wege erkannte er, daß Marfa die Botschaft an Bastian auch richtig bestellt. Seine Augen waren wie glühende Kohlen, die alles, wohin sie fielen, in Brand stecken mußten. Da stand sie, Rahel, das Weib, das er als einen Abgott geliebt, für dessen Besitz er unmenschliche Opfer gebracht, dem zuliebe er mit allem, was ihm bisher teuer und heilig gewesen, gebrochen — hier stand sie, die Hexe, die Verbündete der Hölle, um das Grab ihres eigenen Kindes zu schänden-—! Und wie hastig sie arbeitete, wie eilig sie es hat, wie eifrig sie die Erdklumpen um sich warf, als könne sie gar nicht die Zeit erwarten, um ihr verruchtes Werk zu vollbringen -! Eine Weile beobachtete er sie.schweigend, dann schlich er katzenartig an sie heran, und während er ihr mit festem Griff das Werkzeug entwand, zischte er ihr heiser zu: „Vampyr! Blutsauger! Jetzt habe ich Dich erkannt!"-— Mit einem lauten Aufschrei stürzte sie zu Boden und verbarg ihr Gesicht in beiden Händen. Er blieb unbewegt, und als sie sich wieder halbaufgerichtet hatte, da hob er langsam und bedächtig den eisernen Spaten in die Höhe, die schneidige Kante nach unten gerichtet; so stand er einen Augenblick, das Ziel seines Schlages ruhig und mit fester Entschlossenheit abzumessen. Rahel sah es, und erwartete den Todesstreich, ohne mit einer Wimper zu zucken. Doch ihm schien ein anderer Gedanke gekommen zu sein; er schleuderte die plumpe Waffe weit von sich, zärtlich legte er seinen Arm um ihren weichen Nacken, und während seine Lippen sich leidenschaftlich auf die ihrigen preßten, tastete er mit der freien Hand nach dem Dolch in ° seiner Tasche. — — — „Nein, Du sollst keinen solchen häßlichen, unsauberen Tod sterben-— schon der glücklichen Stunden wegen, die Du mir vorgelogen hast," flüsterte er mit grausamer, mordgieriger Wollust, und während er ihren Mund mit heißen Küssen bedeckte, drang sein spitzer Stahl ihr tief ins Herz ein. Rahel brach lautlos zusammen, und bald sah er düster und unheimlich den warmen Lebenssaft ihrer Brust entströmen. Langsam ließ er sich nieder und bettete ihren schönen Kopf auf seinen Knien. Mechanisch, fast unbewußt, öffnete er ihr Kleid, um nach der Wunde zu suchen — und seine Hand erfaßte einen kleinen Kinderschuh, der von ihrem Herzblut ganz und gar durchtränkt war.- Ohne selbst zu wissen, wie es geschah, fiel ihm jetzt das blutgetränkte Kleid ein, das seine Mutter Rahel als Hochzeitsgeschenk gegeben, und das ebenfalls den Tod — allerdings nur eines Hundes zur Folge hotte. Sollte auch hier wieder ein teuflisches, ein abgekartetes Spiel im Werke sein? —— — Unwillkürlich preßte er den Schuh, den er noch immer

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