Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 52 (30.12.1910)
- Date
- 1910-12-30
- Page
- Seite 620 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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historischen Anspruch auf Autorität habe, zu keiner festen Stellungnahme gelangt ist. *) Von anderen Bemerkungen, die ich von meinem Standpunkt aus zu einzelnen Fragen noch zu machen hätte, kann ich hier um so mehr absehen, als der Verfasser selbst in den Noten vielfach auf meine einschlägigen Publikationen verweist: Einzelheiten verschwinden im Hintergrund angesichts der Größe und Bedeutung der Gesamtdarbietung. David Neumark. Das Iudmgrsd in der Steppe. Erzählung von Sam Gordon. Frei übersetzt von M. Pulvermann. (Schluß.) ber war es denn überhaupt erforderlich, fort zu gehen? Könnte sie nicht auch hier ihre Mission erfüllen, Gregor für ihren Glauben zu gewinnen, und durch dieses Geschenk Gott zu versöhnen?-Ein trauriges Lächeln umspielte bei diesem Gedanken ihre bleichen Lippen. Sie als Helfer Gottes!- Sie, die Abtrünnige, die Zahl der. Gläubigen vermehren!! Sie, die die Religion leichtfertig aufgegeben,. ja förmlich mit Füßen getreten, sie soll einem anderen Achtung und Liebe für eben diese Religion beibringen wollen!! Freilich war sie nicht soweit gegangen, den Gott der Väter gänzlich aus dem Herzen zu reißen-als ob ein Jude dieses überhaupt könnte; — — allein hatte sie denn die ganze Zeit über, die sie hier gelebt, auch nur ein einziges der göttlichen Gebote nach der Väterart beobachtet? Heißt es denn Gott verehren und verherrlichen, Wenn man ihn verborgen im finstern Herzenskämmerlein verschlossen hält? Soll man ihn nicht vielmehr auch öffentlich, äußerlich anerkennen und durch einen frommen Lebenswandel nach seinen Gesetzen und Vorschriften, und wenn sie auch noch so schwere Opfer heischen, zum wahren Glauben sich ausschwingen?? Und plötzlich fiel es wie Schuppen von ihren Augen; es deuchte ihr eine himmlische Erleuchtung zu sein, denn nunmehr glaubte sie das flehentliche Verlangen ihres Kindes zu verstehen. --Sie erinnerte sich jetzt der Tradition ihres Volkes, die durch das ehrwürdige Alter zu einem Gesetze geheiligt war, daß, wenn ein Mensch eines gewaltsamen, unnatürlichen Todes stirbt, da müssen seine Kleidungsstücke, alles, was er am Körper hatte, mit ihm begraben werden.-Darum kam auch ihr kleines Mädchen, um ihr Eigentum zu fordern, um den kleinen Schuh zu verlangen, ohne welchen das unschuldige Kind keine Ruhe im Grabe finden kann, und den sie, die eigene Mutter, aus falsch angebrachter Liebe beständig auf ihrer Brust getragen. Heiße, brennende Tränen stürzten ihr aus den Augen. Ja, ja, es war weit mit ihr gekommen — — nichts war ihr mehr heilig! Den einzigen, wahren Gott hatte sie schnöde verlassen, um vor dem Gebilde von Menschenhand, wenn auch nur zum Scheine, zu knien; sämtliche Satzungen des angestammten Glaubens hatte sie gebrochen und übertreten, und nun hatte sie sich auch noch gegen das eigene Fleisch und Blut so schwer versündigt-und dafür kam jetzt die gerechte, wohlverdiente Vergeltung! Sie hatte geglaubt, daß ihr Erdenglück einen festen Wall bilden werde, um dem mahnenden Gewissenkeinen l) Vgl. S. 12, 144! 145! 168! 169 — 170, 178, 288 und Noten, S. 344. Einlaß zu gewähren — — aber es hatte sich doch eine Bahn gebrochen- und rächte sich jetzt um so grausamer, je länger sie es von sich fern zu halten versucht. Es beschuldigte sie, für eine volle Schüssel und für ein weiches Lager sich der göttlichen Fürsorge entzogen zu haben; es verhöhnte sie, daß sie die altgefestigte Religion nach ihrem Gutdünken'ummodeln zu können glaubte; es klagte sie an, Gott und die Welt absichtlich belogen und betrogen zu haben; es trieb ihr die Schamröte ins Gesicht/ daß sie schwach und mattherzig, die herrlichen Vorbilder des felsenfesten Gottvertrauens, die die Geschichte ihres Volkes in all den Jahrtausenden aufzuweisen hat. mißachtet und unberücksichtigt gelassen, und sie glaubte sich mit glühenden Zangen erfaßt bei der Frage: „Was wirst du einst deiner Mutter antworten?" Sie wußte es noch nicht — — aber sie würde darüber Nachdenken — — natürlich bald — — denn wer weiß, wie viele Jahre und Jahrzehnte nötig sein würden, um eine passende Antwort zu finden-wenn eine solche überhaupt gefunden werden kann. Und dies alles war es, warum sie vor Gregor zurückbebte: er. war ja die Verkörperung der Sünde; er war zuerst ihre Versuchung und jetzt wieder ihr Ankläger! Seine Zärtlichkeiten, seine Liebkosungen — — es war alles eine verbotene Frucht, ob sie auch noch so süß schmeckte.- Im Grunde genommen war er ihr aber doch derselbe geblieben, ihr ein und alles; sie hatte alles für ihn aufgegeben, allem entsagt, was ihr teuer, was ihr angeboren gewesen, dadurch war er ihr unantastbares Eigentum geworden. Er hatte sie so in Sünden verstrickt, daß sie anfing, an der göttlichen Vergebung und Barmherzigkeit zu zweifeln, darum klammerte sie sich mit Leib und Seele nur an ihn!- Dieser Gedanke war es, der ihr die klare Ueberlegungs* kraft raubte, denn neben der Verzweiflung stachelte er sie zur Empörung, zum schärfsten Widerspruch gegen die mahnende Stimme aus. Durch ihn hatte sie die ewige Seligkeit eingebüßt, darum wollte sie mit ihm das Erdenglück genießen! Darum fort mit der Erinnerung-das Gewissen sollte und durfte keinen Spielball aus ihrem Herzen machen. — — Nur noch die eine Tat wollte sie dem alten Glauben zugestehen-und dann — — fort mit der Vergangenheit und allem, was dazu gehört!-Es war der kleine Schuh, der das ganze Unheil in ihrem Gehirn angestiftet, der diese wahnsinnig machenden Ideen in ihr erzeugt! — — Nun, sie weiß sich Rat-sie wird ihn begraben, wo ihr Kind ruht-wie es die alte Vorschrift verlangt-dann hat die kleine Schläferin ihre Grabesruhe und sie ihre Herzensruhe, und dann ist sie auch die Gespenster los, die in ihrem Geist herumspuken. — — Ja, ja; begraben tief, tief unten — — daß er nie wieder zum Vorschein kommen kann!!! — — Und so kam es, daß Marfa nach kurzer Zeit, als Gregor von einer zweitägigen Reise heimkehrte, ihm eine eigentümliche Geschichte auftischen konnte.- „Ich hörte sie in der Stille der Nacht aus dem Hause schleichen," so berichtete sie mit allen Anzeichen der Furcht, „und darum holte ich Bastian und Sascha, und wir alle drei folgten ihr nach. Zuerst ging sie nach dem Gerätschuppen und versuchte die verschlossene Tür zu öffnen. Als ihr aber dieses nicht gelang, ging sie nach der Holzkammer und holte sich ein dünnes, flaches Holzscheit, mit dem sie den Hof durch die Seitenpforte verließ. Vorsichtig und leise folgten wir ihr bis zum-Kirchhofe. Sie ging. direkt zum Grabe ihres. Kindes und fing nun an, mit dem mitgebrachten Holzscheit die Erde aufzuwerfen. Doch bei dem hartgefrorenen Boden