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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-12-30 · Heft 52 (30.12.1910) · p. Seite 619

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 52 (30.12.1910)
Date
1910-12-30
Page
Seite 619 (sequence 7)
Language
German
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Natürlich ist Kain nicht in allen Zügen gelungen: nie hat ein Jude nach Macht gedürstet, wie es hier Kain tut; der Jude lebte stets durch die Macht seiner Ideale. Richtig aber ist es, .daß der Jude ungern gesehen wird und daß man ihn überall los werden will. — — In einer anderen charakteristischen Erzählung schildert Gorky die Judenkrawalle. „Diejenigen," so schließt er seine Erzählung, „die noch soeben das Tier, die Bestie im Menschen walten ließen, dieselben Plünderer werden jetzt von' der Knute der Polizei heimgesucht und zeigen sich als Feiglinge." Ob nicht hier ein Gericht, ein Tribunal angedeutet wird? Die Themida hat trotz ihrer verbundenen Augen auch dies Unrecht auf die Wagschale gelegt .... und verhüllt in tiefer Trauer, nichtan den Strömen Babylons, sondern den Ufern des Rheins, des Mississippi, der Seine, der Wolga und der Newa -sitzt die verwitwete Tochter Zions und wartet auf die Verwirklichung der Ideale der Liebe, Brüderlichkeit und Gleichheit. Syltemstilche Theologie des Judentums. (Schluß.) ohler ist zu diesem.Werke, wie wenige unserer Zeit, durch sein Wissen und besonders durch seine langjährige Forscherarbeit auf den einschlägigen Gebieten, berufen. Hauptsächlich jedoch ist es die philosophische Erudition, der er die Kraft verdankt, dieses Werk geschaffen zu haben. Der Verfasser betont es wiederholt, daß die Reformbewegung im Judentum von der mittelalterlichen Philosophie möglich gemacht und wesentlich vorbereitet worden ist, daß besonders H allen? i und Maimuni die moderne Lehre von den messianischen Hoffnungen, dem Hauptsatz der Reform von heute, klar formuliert haben. Er weiß ferner, daß die Grundlehre des Judentums, orthodox oder reformiert, die Geistigkeit des göttlichen Wesens nicht anders als eine philosophische Errungenschaft genannt werden kann; und ferner, daß das religiöse Gefühl stets unter der Kontrolle der Vernunft gehalten werden muß, soll es anders nicht zum Heidentum zurückführen. Cr weiß alles das, bringt es zu sicherem Ausdruck. Ebenso sicher aber ist es, daß er irgendwie unter den Einfluß der R itschlschen Schule geraten ist und glaubt, daß es irgendeine Art, religiös zu denken, gibt, die zwar innerhalb der logischen Denkgesetze bleibt., dennoch aber etwas anderes ist als eben philosophisches Denken. Dementsprechend ist auch die Stellung des Verfassers zur Kabbala weder klar noch bestimmt?) Der Grundgedanke der Darstellung kann in zwei Sätzen zusammengefaßt werden, die dann wieder in eine höhere Einheit auslaufen: 1. Das Judentum ist in erster Reihe Religion der Gerechtigkeit. Erst in zweiter Reihe, als Regulativ und Korrektiv, korümt die Liebe. 2. Das Judentum besteht aus einem nationalen und einem universellen Element, doch so, daß auch die nationale Exklusivität von vornherein auf die universelle Weltreligion, das Gottesreich der Menschen auf Erden, gerichtet war. l) Vgl. dazu S. 3—6, 18. 19, 21, 26, 29! 34, 36! 37, 49! 50! 52, 53! 56, 61, 63, 65, 66! 73, 97, 103! 107, 122! 127! 128, 129! 133, 140 f., 146, 154! 163, 174, 176, 179, 192, 202, 204, 213, 221 f., 230, 232, 270, 273! 289, 300 f.! 313! 320! 332! 340! 342! Dem ersten Satze entsprechen die Grundkehren: Das Wesen Gottes ist Gerechtigkeit, Liebe dessen Beziehungsattribut zu Welt und Mensch, die ohne Gnade nicht bestehen könnten. Der Wille des Menschen ist fr er, daher die volle ungeminderte moralische Verantwortlichkeit, die ungeschmälerte Wirksamkeit und Gültigkeit der sittlichen Weltordnung. Doch kommt die Liebe als Regulativ hinzu, nicht die Gnade der Willkür, durch welche in der christlichen Kirche (gegen die der Verfasser sehr oft polemisiert) die. Gerechtigkeit aufgehoben wird, sondern jene Gnade, die dem Menschen die Besserungsfähigkeit nach dem Falle garantiert, um ihn wieder in die Wirkungssphäre der Gerechtigkeit zurückzuführen. Auf dieser Grundlage baut sich das gesamte jüdische Lebenssystem auf, und auch der Verlauf der jüdischen Geschichte bringt diesen Hauptsatz zur Offenbarung und Verwirklichung. Dem zweiten Satze entsprechen die verschiedenen Strömungen in der geistigen Entwicklung des jüdischen Volkes. Wie im israelitisch-jüdischen Altertum die Priester mehr das natio nale, die Propheten mehr'das universelle Element darstellen, so nehmen wir die Wirksamkeit der beiden Elemente in allen Perioden der jüdischen Geschichte und Literatur wahr, bis auf unsere Tage. Und auch die Institutionen des Judentums bringen diese beiden Tendenzen zur Darstellung.. Das gilt besonders von jenen, die man die kirchenpolitischen nennen kann, und denen das meisterhaft konzipierte letzte Kapitel gewidmet ist. (Unverständlich aber ist es, warum der Verfasser, der die P r o - selytensrage mit so viel erschöpfender Sachkenntnis behandelt, der kirchenpolitischen Stellung des Judentums zum Austritt auch nicht ein Wort widmet.) Besonders lehrreich sind jene Abschnitte, in denen diese beiden Elemente in den eschatologischen Hoffnungen des Judentums beleuchtet werden.? Diese beiden Hauptsätze finden dann ihre höhere Einheit in den tief durchdachten und zum klaren Ausdruck gebrachten Gedanken: Das nationale Element in der jüdischen Religioü entspricht dem Wesen derselben, der Gerechtigkeit. Die jüdische Religion quillt aus. der jüdischen Volksseele: Doch ist es ein Gebot der Liebe, ohne welche die Gerechtigkeit aufhört, Gerechtigkeit zu sein, daß die gewonnene Erkenntnis zum Gemeingut der gesamten Menschheit gemacht wird. In diesen höheren Regionen fließen Gerechtigkeit und Liebe in eins zusammen. Die Gerechtigkeit als das Wesen Gottes ist die kosmische Potenz der Schöpfung, der Aktivitätsweise Gottes, durch welche die Kreatur in jedem Momente erzeugt und'erneuert wird. Diese Aktivität an sich aber ist der Ausfluß der Gnade, des Allergenügsamen, der für sich selbst der Kreatur nicht bedarf. Man merkt es dieser Konzeption des Judentums leicht an, daß sie von einem Manne herrührt, an dessen wissenschaftlicher Arbeit die jüdisch-griechische Literatur den Löwenanteil hat?) Von allgemeiner Bedeutung wäre noch die Bemerkungdaß der Verfasser, der den christlichen Gelehrten gegenüber daraufhinweist, daß die Aussprüche der A gada nicht als autoritative Lehrsätze angesehen werden dürfen, in der Frage, was denn in der jüdischen Literatur wenigstens. y Zum ersten Satze: S. 15, 25! 48, 77, 81, 86, 87! 89, 90 f.! 93! 95 f.! 97; 98. 100! 152, 203, 218, 224, 231, 247, 277! 279, 290, 296, 302, 321, 324, 337; zum zweiten: S. 6, 7, 8, 11, 13, 14, 20, 35 f.! 38, 44, 47, 83, 101! 105! 118! 190, 194, 201, 225, 236, 240, 242! 247! 249! 252, 271, 275, 282—283! 291! 293, 294; Kap. 55 S. 305! 312, 324. 326, 334, 342.

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