Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 52 (30.12.1910)
- Date
- 1910-12-30
- Page
- Seite 618 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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' Aber Gott ist nicht in Stürmen zu suchen. ■ Nicht in flammen, ' - Nicht im : Donner . . . 7 Nach dem.Sturm eilet die Stille, ' Die Seele ist voll Ahnung wie das schimmernde Morgenrot; Auf den leisen Ruf flieht die Seele und atmet himmlisch. Eine-süße Stille! An. der Ferne, im wunderbaren Schlafe, erhöre ich Gott, .Gott.in der Stille! ... Das klingt wie eine Nachahmung von regum 19, 11—13. Prophet Elias läßt ein Gericht über die Götzen erscheinen. Gott inseiner vollen.Glorie und Majestät soll erscheinen! Es entsteht ein fürchterlicher Sturm; es entbrennt ein Feuer. Nicht das ist die göttliche Kraft, die ergebene Milde und Liebe, sondern die leise Stille; die Ruhe, Ergebenheit, Stille ist das Weltideal. Diese dämonisch wirkende Poesie, die vielleicht die ganze hohe Bedeutung der jüdischen Weltanschauung 'charakterisiert, mag ohne Zweifel unseren Dichter begeistert haben. Wenn die Lerche ihre bezaubernden Melodien trillert, < wenn die Nachtigall zwitschert, und das Chor in der Luft ein allgemeines Lied anstimmt, so ist es ein Zeichen für die hereinbrechende schöne Jahreszeit: wenn Dichter sich für Freiheit begeistern, so beweist dies, daß die Zeit derselben gekommen ist. 'v. . - Jetzt noch einige Worte über Puschkin. Puschkin befaßte sich wenig mit dem Alten Testament und seinen Idealen. Er ist ein echter Volksdichter, aber nur ein individueller Volksdichter, ohne Gefühl und Begeisterung für kosmopolitische Liebe; ihm ist das Ideal des allgemeinen Völkerlebens fremd; er besingt nur seinen Wein, seine Weiber und die Helden seines Volkes. Form und Stil Puschkins ist wirklich angenehm; aber nur für den Leser im Original. In der Uebersetzung sind sie vollkommen abgeschmackt. Ein kleines Gedicht: „Lied der Lieder" sei hier zitiert: Im Blute brennt der Wunsch; Die Seele ist mit Dir verflochten. Küsse mich Deine Küsse; Sie sind mir süßer als Weihrauch. Neige mir Dein zartes Haupt Und ruhe sorglos. Bis erstrahlt der helle Tag Und die finsteren Schatten der Nacht verwehen! So hat der Genius des russischen Volkes uns warten gelehrt: Bis erstrahlt der helle Tag, Und die finsteren Schatten der Nacht verwehen! Oh, daß doch dieser helle Tag bald erstrahle! Die neuelte Lomsntjk. In der gegenwärtigen russischen Literatur, vornehmlich Belletristik, ist eigentlich kein besonderer Zusammenstoß mit jüdischem Element vorhanden. Im Gegenteil. Und dies beweist eben, wie wenig Sympathie man für das jüdische Volk in Rußland hegt. Selbst solch ein hervorragender Schriftsteller wie Tolstoi hat es nicht einmal für nötig gefunden, sein Veto für das Judentum zu erheben. Die kleineren Erzählungen, die jüdische Typen teils karikaturenhaft oder ideal darstellen, konnten von uns nicht in Betracht gezogen werden. Nicht ist es für uns von Bedeutung, wenn Potopenko, Koralenko & Co., hier und da einen Juden idealisieren, oder wenn ein Tscheschoff unaufhörlich jüdische Karikaturen darstellt. Uns konnten nur solche Geistesprodukte interessieren, die ihre Epoche charakterisieren, die die Auffaffung der Wirtsvölker von dem Gastvolke abspiegeln. Daher halten wir es für unnötig, ja für überflüssig, eine ganze Anzahl von Erzählungen aus dem jüdischen Leben, die meistenteils nicht der Wahrheit entsprechen, denn so tief ist nie ein christlicher Romanzier in. die Psyche der Juden eingedrungen, zu analysieren. Die Meinung eines Christen über Juden und Judentum ist meistenteils vorurteilsvoll; denn ist sie arg, so ist sie zu arg; ist sie ideal, so ist sie zu ideal. Jedenfalls fehlt selbst in der idealsten Darstellung jenes innige Lebensgefühl, jene tiefdurchdrungene Ueberzeugung, die das Dargestellte als Tat wirken laffen sollten, woran überhaupt die moderne europäische^Literatur leidet, ich meine die Aufrichtigkeit, die Innigkeitdie Verschmelzung seines Gefühls, seiner Ueberzeugung mit seinen Idealen. Wo finden wir heute jene Männer, welche mit so unerschrockenem Mute und solcher Tapferkeit ihr Ideal verteidigen sollten, wie es ehemals jene antiken Charaktere zu tun pflegten? Wenn die Schriftsteller, die Handhaber der Feder in ihren Werken mehr Innigkeit hineingeflochten hätten, so hätten sie beim Volke mehr Gehör gefunden, denn Worte, die aus dem Herzen kommen, gehen zu Herzen!" Zudem ist sie — um auf die russische Literatur zurückzukommen! — zu aristokratisch gehalten, als daß sie auf eine bedrückte Klasse herabschauen wollte. Einzelne Männer begannen freilich mit der niedrigen Klasse sich zu beschäftigen an; sie nannten sich „Naradniki" (Volksleute), sind aber mit ihren Idealen nicht durchgedrungen. Niedere Typen, Parias, verbummelte Genies und Konsorten zu schildern begann Dostojewsky („Memoiren aus einem tobten § Hause"); ihm folgten Pompalowsky, Lewitow, Melzschtschhn und Maksimow. In der letzten Zeit brach sich in dieser Richtung ein Talent Bahn, nämlich Maksym Gorky (Pseydonim für M. Pleschkow). Gorky brachte wenn nicht eine vollständig, so doch neue Richtung in die russische Literatur hinein. Er charakterisiert selber seine Richtung in seiner Erzählung: „Der Leser". „Das Ziel der Literatur", so läßt er dort eine Heldin reden, „sei, . dem Menschen behilflich zu sein sich selber zu verstehen, seinen Glauben an sichzu heben) und in ihm das Streben nach Wahrheit zu entwickeln, zu kämpfen mit dem Ueblen in dem Menschen, verstehen das Gute in ihm zu suchen, in seiner Seele das Gefühl der Scham, de^ Zornes und des Mutes zu erwecken, alles dies zu tun, daß die Menschen edler und stärker werden und ihr Leben mit dem heiligen Geiste der Schönheit ergötzen zu lassen." In einer Reihe von Erzählungen, in denen Parias, „gewesene Menschen", Unterdrückte,'Verbummelte und dergleichen geschildert und idealisiert werden, hat es Gorky für nötig gefunden, auch dem Paria der Weltgeschichte, dem jüdischen Volke, ein gutes Wort zu widmen. Das tut er in" seiner Erzählung „Kain und Artem", wo buchstäblich typisch das Judentum mit dem Christentum konfrontiert wird. Kain und Artem find die beiden Helden der Erzählung; der erste personifiziert das Judentum, der zweite das Christentum. Kain ist elend, arm, schwach und von allen verfolgt, genau so, wie das Judentum. Artem dagegen ist stark, schön und von aller Welt gefürchtet, ganz wie die Welt, die sich dem Judentum als stärkere feindlich gegenüberstellt. Der Zufall bringt die Erscheinung, den Schwachen mit dem Starken zusammen; der Starke bedarf der Stütze des Schwachen, und so stellte Kain den schönen, starken Artem auf die Füße. Artem dankt nicht mit Gutem ab, sondern wütet gegen seinen Wohltäter, ganz genau, wie die Welt es getan hat. Was tyj Artem: er vertreibt den Kain von seinem Angesichte, er kch^ Nicht sehen, er will ihn fort wisien. „Ich kenne kein Erbarmen," sagt Artem zu Kain, „Du tust mir nicht leid, ich kenne kein Erbarmen! . . . ." Das ist das tragische Ende des verfolgten JüdeN!