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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-12-30 · Heft 52 (30.12.1910) · p. Seite 616

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 52 (30.12.1910)
Date
1910-12-30
Page
Seite 616 (sequence 4)
Language
German
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und dort ein Haus im Werte von 6000 Kronen besitzt, wurde aufgetragen, mit seiner Familie das Land zu verlassen, sonst würde er nach Galizien abgeschoben. — Hermann Perlmann, der seit dem Jahre 1900 im Städtchen wohnt und dort im Jahre 1904 gegen Entrichtung der vorgeschriebenen Taxe die Heimatberechtignna erlangt hat, muß gemäß Verfügung der Grenzpolizei samt Familie das Land verlassen. Ebenso ergeht es dem Mayer Czigler, der seit 38 Jahren im 'Städtchen wohnt, 150 Kronen Staats- und Gemeindesteuern jährlich bezahlt, ein Grundstück im Werte von 8—IOlOO Kronen und eine große Leder- und Eierhandlung — die größte im Bezirke Sztropkü — besitzt. — Der 62jährige Rabbinatsassessor Hirsch Weinfeld wohnt seit 42 Jahren in Sztropkö und wurde im vergangenen Sommer zuerst durch den Bezirksrichter ausgewiesen. Er rekurrierte an den Vizegespan, der'im September dieses Jahres zu seinem Gunsten entschied. Trotzdem erhielt er dieser Tage wieder einen Ausweisungsbefehl seitens der Grenzpolizeihauptmannschast. Und all dies geschieht unter dein ausgesprochenen „liberalen" Regime des Ministeriums Khüen-H^dervary! Viel Gutes und Herzerheben des war unter dieser Rubrik im Laufe des Jahres 1910 nicht zu verzeichnen, hoffen wir auf 1911. Der Geschichtskundige weiß, daß Epochen der Rechtsverletzung und Freiheitsschändung abgelöst werden durch solche, in denen der Triumph des Rechts und der Freiheit in die Erscheinung tritt, der Gläubige hofft, daß eine Zeit kommen muß, in der die Wahrheit allgemein anerkannt wird, Friede und Gesetz herrschen; möge das Wissen der einen und die Hoffnung der anderen sich im kommenden Jahre bewähren! && Martin Ohilipplon. er bekannte Schriftsteller, dessen Bild wir unseren Lesern heute vorsühren, ist diesen wohl vertraut. Seitdem er von seinem Lehramt freiwillig zurückgetreten ist, frei von amtlichen Verpflichtungen in Berlin lebt, spielt er eine führende Rolle in allen jüdischen Angelegenheiten. Er ist der verdiente langjährige Leiter des Deutsch-israelitischen Gemeindebundes, der Vorsitzende der Gesellschaft zur Beförderung der Wissenschaft des Judentums, der Präsident des Kuratoriums des Gesamtarchivs der deutschen Juden, sowie eines der einflußreichsten und tätigsten Mitglieder im Verbände der deutschen Juden. Seine Tätigkeit, die von allen Parteien gleich geschätzt wird, hat die bedeutsamsten Erfolge aufzuweisen; mit rastlosem Eifer und sietem Hinblick auf die größten und wichtigsten jüdischen Angelegenheiten hat er die allgemeinen Angelegenheiten gefördert. Philippson, ist als Sohn des Begründers unserer Zeitung, am 27. Juni 1846 in Magdeburg geboren. Er besuchte die Gymnasien in Magdeburg und in Bonn und erwarb seine akademische Bildung als Historiker auf den Universitäten zu Bonn und Berlin. Eine.kurze Zeit war er als Lehrer an der Knabenschule und der. jüdischen Lehrerbildungsanstalt in Berlin tätig, mußte diese Wirksamkeit unterbrechen durch seine Teilnahme an dem Feldzuge der Jahre 1870/71 und wurde nach seiner Heimkehr aus dem Kriege Privatdozent in Bonn. Dort erhielt er 1875 die Würde eines außerordentlichen Professors und folgte 1878 einem Rufe als ordentlicher Professor der Geschichte an die Universität Brüssel, an der er während eines Jahres das hohe Amt eines Rektors bekleidete. Er gab diese Stellung freiwillig auf wegen der ungerechten Verdächtigungen, die er sich durch seine deutsche Gesinnung zugezogen hatte und lebt seit 1891 mit seiner Gattin in Berlin. Philippson hat eine große Reihe umfangreicher historischer Werke geschrieben, die einen bedeutsamen Erfolg erlebt haben. Ausgehend von dem Studium des 16. Jahrhunderts, besonders den Beziehungen zwischen Frankreich und Spanien, wandte er sich teils der Erforschung der neueren Geschichte der westeurvpäischen Mächte, teils der Darstellung der neuesten preußischen Geschichte zu. Spezialstudien über einzelne Epochen der spanischen und französischen Geschichte, ausführliche Schilderungen der neueren Geschichte überhaupt und Biographien Max v. Forkenbecks und Kaiser Friedrichs III. geben von seinem Eifer rühmenswerte Zeugnisse. In neuester Zeit hat sich Philippson auch der Geschichte der Juden mit großem Eifer hingegeben, der erste Band seines Werkes: Neueste Geschichte des jüdischen Volkes, Leipzig 1907, ist einige Monate nach dem Erscheinen von Dr. Rieger in diesen Blättern besprochen worden. Leider war es mir nicht möglich, bisher von dem Referenten eine Besprechung des zweiten Bandes, der 1910 veröffentlicht worden ist, zu erlangen. Um nicht allzu lange über dieses Buch schweigen zu müssen, habe ich einen tüchtigen jüngeren Historiker gebeteil, mir eine kurze Würdigung des Werkes zu geben und lasse diese nachstehend folgen. Diese kleine Skizze sei mit dem Wunsche geschlossen, daß es dem verehrten Manne, der in der Vollkraft seines Wirkens steht, vergönnt sein möge, durch eine reiche praktische Tätigkeit und durch fernere gediegene wissenschaftliche Arbeiten das Judentum und die Wissenschaft zu fördern. L. G. . Nachfolgende Zeilen sollen einem - ausführlicheren Hinweise auf ein Buch nicht vorgreifen, das freilich aus eigener Lektüre des näheren kennen lernen muß, wer nur immer jüdischen Dingen sein Interesse zuwendet. Im zweiten Bande seiner neuesten Geschichte des jüdischen Volkes behandelt Philippson eine Epoche, die er selbst, milleidend und mittätig, durchlebt hat. Aelteren Lesern wird die Darstellung mancherlei, einst nur zu wohl bekannten Vorgänge ins Gedächtnis zurückrufen; jüngere können aus ihr zuverlässige Belehrung schöpfen über die jüdenfeindliche Bewegung, die mit einem modernen Schlagwort als Antisemitismus bezeichnet zu werden pflegt und sich als neumodischer Rassenhaß ausgibt, der jedoch nichts weiter ist als die notwendige Folgewirkung altüberlieferter, konfessioneller Doktrinen. Philippson begleitet in Buch 5 den Antisemitismus von Deutschland (Kap. 1) über Oesterreich-Ungarn (Kap. 2) nach Frankreich Und anderen Ländern (Kap. 3). Beigesügt sind Bemerkungen über die Schächtsrage (Kap. 4) und die Judentaufen (Kap. 5), die wohl weniger noch mit ^gesellschaftlichen" Verhältnissen zusammenhängen, nachdem die sogenannte Prof. Dr. Martin philixzstou.

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