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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-12-30 · Heft 52 (30.12.1910) · p. Seite 615

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 52 (30.12.1910)
Date
1910-12-30
Page
Seite 615 (sequence 3)
Language
German
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615 überdies, als von einem nicht legal zusammengesetzten Zentralkomitee gefaßt, rechtlich nicht verbindlich. Vor allem aber erscheint er geeignet, das große Werk der „^llisnee Israöllte Universelle“ und insbesondere deren universellen Charakter zu schädigen, deren Ausrechterhaltung das eifrigste Bemühen der Deutschen Konferenz-Geweinschaft gewesen ist. II. Die Deutsche Konferenz-Gemeinschaft erklärt sich daher als fortbestehend auf Grund des bisherigen Statutes von 1906. III. Alle deutschen Bezirks-,Landes- oder Lokalkomitees haben daher nach wie vor ihre Einnahmen an Beiträgen und Spenden sowie ihre Abrechnungen, nach Abzug der notwendigen Kosten, und ihre Berichte dem deutschen Bureau in Berlin zu übermitteln. IV. Die Deutsche Konferenz-Gemeinschaft fordert das Zentralkomitee auf, die seit 1908 statutenwidrig unterbliebenen Neuwahlen zum Zentralkomitee auszuschreiben." Diese Resolution wurde einstimmig angenommen, nur Herr Rabbiner Dr. Porges-Leipzig dissentierte in einigen Punkten, bekannte sich aber rückhaltlos ausdrücklich zu dem Punkte II, der ja fundamentale Bedeutung hat. Die Annahme dieser Resolution bildet das Hauptergebnis der Tagung. Es sprachen noch zunächst Herr Gumpertz- Hamburg, der dem Wunsche Ausdruck lieh, Paris möge seine intransigente Haltung aufgeben, die moralisch wie juristisch nicht aufrecht zu erhalten sei. Ferner nahm noch Herr Rabbiner Dr. Rosenthal- Breslau das Wort zu einer Anfrage über die praktische Durchführbar» keit des Beschlusses, ferner Herr Dr. Dezialoszinsky, der die Anfrage beantwortet, Herr Rabbiner Dr. Werner, der nochmals unter Betonung des guten Willens der deutschen Mitglieder der Alliance an die Friedensliebe und Versöhnlichkeit der Pariser Herren appellierte, und schließlich Herr Picard- Frankfurt, der erklärte, daß die brüske Art, mit der man in Paris behandelt worden sei, es ihm unmöglich mache, seine Demission zurückzunehmen. Herr Rabbiner Dr. Vogelstein-Stettin stellt trotzdem den Antrag, der auch zur Annahme gelangte, daß die fünf Herren, die aus dem Zentralkomitee und der Deutschen Konferenz- Gemeinschaft ausgetreten sind, nämlich die Herren Timendorfer, Philipp Schiff, Schlesinger, Gumpertz und Picard gebeten werden sollen, und zwar namens der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft, ihre Demission zurückzunehmen. Einstweilen ist ihre Amtsniederlegung deswegen noch keine definitive, weil, wie der Vorsitzende mitteilte, das Zentralkomitee die Demission nicht angenommen hat. Das aber ist notwendig, ehe sie als ausgeschieden gelten können. Hierauf wurde nach vierstündiger Sitzung die interessante Tagung geschlossen, deren Hauptcharakteristikon die hocherfreuliche Wahrnehmung war, daß einmal die sämtlichen Mitglieder der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft einmütig waren in dem festen Willen, die Deutsche Konferenzgemeinschaft sortbestehen zu lassen, und dann darin, im vollen Licht der Oeffentlichkeit ihre gute Sache zu vertreten. Dir Woche. Berlin, den 26. Dezember. ie letzte Nummer des Jahres kann leider in der Wochenübersicht nicht von erfreulichen Dingen berichten. Obgleich die Reichstagswahlen noch im weiten Felde stehen rüsten sich alle Parteien zum Wahlkampfe, der diesmal mit besonderer Heftigkeit geführt werden soll. Von sehr starkem Eifer scheinen unsere Feinde, die Antisemiten, erfüllt zu sein. Von ihnen melden verschiedene Zeitungen folgendes: Die deutschsozialen Antisemiten haben nunmehr außer ihren bisherigen Abgeordneten als Reichstags-Kandidaten aufgestellt: für Marburg-Frankenberg-Kirchhain: Schneidermeister Rupp; Eisenach- Dermbach: Landtagsabgeordneter Landwirt Kaiser; Schwarzburg- Sondershausen: Oberamtmann Landwirt Keil; Lauenbnrg: Schriftleiter Alfred Roth; Flensburg-Apenrade: Graf Ernst Reventlow. In Waldeck-Pyrmont unterstützen die Deutschsozialen den Kandidaten der Wirtschaftlichen Vereinigung Amtsrichter Vietmeyer. Aus Rache für die Aufstelluug eines freikonservativen Kandidaten für Marburg wollen die Deutschsozialen in einer Anzahl freikonservatjver Wahlkreise Vorgehen, so in Deutsch-Krone gegen v. Gamp, in Kotthus gegen v. Dirkfen, in Harburg gegen den jetzigen Vertreter Dr. Varenhorst usw. „Auch der freisinnige Abg. Kaempf soll in Berlin I einen tüchtigen deutschsozialen Gegenkandidaten bekommen" — so heißt es in.den „Deutschsozialen Blättern" mit dem Bemerken: „Ebenso werden Stettin, Bremen, Pinneberg-Elmshorn und andere freisinnige Hochburgen in Angriff genommen werden." Man kann nur wünschen, daß dieser Partei rechtzeitig entgegengetreten wird, damit ihre Anstrengungen fruchtlos bleiben. 9 Auch die antisemitischen Schriftsteller sind neuerdings, wie manche in den letzten Nummern zusammengestellten Beispiele zeigen, eifrig an der Arbeit. Unserer Auffassung würde es am meisten entsprechen, literarischen Angriffen ausschließlich durch geistige Abwehr zu begegnen, aber auf solche Weise ist den Antisemiten durchaus nicht beizukommen: sie lesen jüdische! Blätter nicht, ebensowenig freisinnige Zeitungen, wenn diese sich wirklich entschließen, derartigen Artikeln Aufnahme zu gewähren. Aber selbst wenn sie gegnerische Ausführungen lesen, sie sind von ihren eigenen Anschauungen zu sehr überzeugt und lassen sich durch das Wort nicht belehren. Daher muß man ihnen mit der Tat zu Leibe rücken, und so ist die folgende Nachricht froh zu begrüßen: Der „Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" hat von neuem Strafantrag gegen den Leipziger Reformer Theodor Fritsch gestellt, und zwar nicht nur wegen angeblicher Verächtlichmachung religiöser Einrichtungen, sondern auch wegen Aufreizung zu Gewalttätigkeiten. Die Straftaten sollen durch einen Artikel über die jüdische Religion in Nr. 198 des „Hammer" begangen worden sein, in dem Fritsch scharfe Kritik an der Moral des Judentums übte. Ob die Staatsanwaltschaft dem Strafantrag Folge geben wird, darüber ist bisher eine Entscheidung noch nicht gefällt worden. * In der letzten Zeit ist mehrfach gezeigt worden, wie auch in Ungarn Willkür und Grausamkeit unter dem Schein der Gesetzlichkeit gegen die Juden herrscht. Neue empörende Beispiele solcher Behandlung werden in der „Neuen Jüdischen Korrespondenz" zusammengestellt. Es heißt darin: Seit einigen Jahren erfreuen auch wir im „liberalen" und „gastfreundlichen" Ungarn uns eines strengen Einwanderungsgesetzes und der segensreichen Institution einer Grenzpolizei, die mit Argusaugen darüber wacht, daß kein lebender galizischer Jude sich länger als ein paar Tage in Ungarn aufhalte.. Das wäre aber noch nicht das Schlimmste. Seit den glorreichen Tagen der Koalitionsregierung erläßt die Grenzpolizei in den nordöstlichen, an Galizien grenzenden Komitaten immer häufiger Ausweisungsbefehle gegen völlig /unbescholtene jüdische Familien, die schon jahrzehntelang im Lande wohnen und hier zum Teil Grundbesitz erworben haben oder Inhaber größerer Handelsfirmen sind — ganz nach russischem Muster. Wie wenig der Regierungswechsel an diesem judenfeindlichen Treiben geändert hat, beweisen die fortgesetzten Beschwerden und Wehklagen ausgewiesener Juden aus den Komitaten Märamaros, Ung, Zemplen usw., die in die Oeffentlichkeit dringen und selbst in nicht gerade judenfreundlichen Kreisen Entrüstung gegen das unmenschliche Vorgehen der Grenzpolizei Hervorrufen. So wird aus dem Grenzstädtchen Sztropko gemeldet, daß dort in den letzten Wochen zahlreiche angesehene jüdische Bürger, die den Nachweis ihrer ungarischen Staatsbürgerschaft nicht erbringen konnten, kurzerhand ausgewiesen worden sind. Gegen den Gemeinderabbiner von Sztropko, Salom Halberstamm, wurde bereits vor sechs Monatenein Ausweisungsbefehl erlassen; er zog es vor, das üngarische Staatsgebiet zu verlassen, ehe ihm die Verfügung der Grenzpolizei zugestellt wurde. — Dem Thörarollenschreiber Salomon Melamed, der seit 19 Jahren in Sztropkü wohüt

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