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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-12-30 · Heft 52 (30.12.1910) · p. Seite 614

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 52 (30.12.1910)
Date
1910-12-30
Page
Seite 614 (sequence 2)
Language
German
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614 Paradoxon, nämlich damit, daß die deutschen Mitglieder der Alliance ihrem eigenen Besten und ,nur ihrem Interesse dienen würden, wenn sie sich nicht nur auf die Seite der Pariser Beschlüsse stellten, sondern sich für diesGäuch einsetzen würden. Herr Geheimrat Professor Landau, der nächste Redner, konnte daher nicht ohne Grund feststellen, daß die Rede Professor -Levis lediglich bestätige, daß es einen sachlichen Grund für das'Verhalten der Pariser Herren nicht gebe. Das Wort von der Desorganisat ion, wie der angeblichen Gefährdung des universellen Charakters der Alliance, seien nichts als „Schlagworte". Niemand denke an Separation, niemand an Desorganisation. Man habe doch nicht aus Separationsgelüsten gerade in jener Zeit, als die Begründung des Hilfsvereins erfolgte, den Gedanken der universellen Alliance hier aufrecht erhalten und mit aller Kraft eine Renaissance der Alliance-Idee in Deutschland heraufgeführt. Der Beschluß des Pariser Zentralkomitees sei zudem unklug, weil es keine Möglichkeit gebe, ihn zu realisieren. Eine noch schärfere Charakterisierung des gegenwärtigen Regimes und des Pariser Beschlusses unternahm Herr Rechtsanwalt Dr. Hantke. Wir wollen nur Juden sein und auf dem Standpunkt der allgemeinen jüdischen Alliance stehen. Die Herren in Paris wollen das aber nicht. (?) Wir haben nichts dagegen, wenn die Unterrichtssprache in den Alliance-Schulen, oder doch den meisten, die französische ist, denn das ist lediglich eine Zweckmäßigkeitsfrage, aber die Alliance ist nicht mehr allgemein jüdisch, weil sie versucht, mit einem autokratischen Komitee zu regieren, das sich gewissermaßen in Permanenz erklärt hat. Regieren mag das Zentralkomitee, aber nicht die Pariser Herren. Statut und Geist der Alliance stehen auf unserer Seite, wenn wir nicht wünschen, daß die Alliance lediglich zur Vermögensverwaltung werde. Wir haben das Recht der Wahl und der Kontrolle- und weil man uns das vorenthält, auch das moralische Uebergewicht. Herr Narcisse Leven ist Präsident gegen das Alliance-Statut. Wir wollen gewiß keine Kriegserklärung aussprechen, „jedoch hinausdrängen lassen wir uns nicht". Auch Rabbiner Dr. Vogelstein-Stettin erklärt, daß die gesamte deutsche Judenheit gewillt sei, an der segensreichen Arbeit der „Alliance Israelite Universelle“ mitzuarbeiten, wir aber nicht gewillt seien, unsere Rechte aufzugeben. Paris solle die bescheidenen Wünsche der deutschen Alliance-Mitglieder erfüllen, damit man in Frieden weiter Zusammenarbeiten könne und im Geiste der Alliance. Darauf, nichts weiter als nur eine Sammelstelle zu sein, werden wir niemals eingehen. Wenn man trotzdem darauf besteht, dann sind nicht wir die Friedensstörer. Schärfere Töne noch fand Herr Rabbiner Dr. Vogelstein- Königsberg. Wie könne man es, so führte dieser Redner aus, noch wagen, von Sonderorganisation oder Separation zu sprechen, nachdem unser bisheriger Präsident Geh eimrat Timendorfer in öffentlicher Erklärung jeden solchen Gedanken weit von sich gewiesen habe, in Uebereinstimmung mit sämtlichen Mitgliedern der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft? Welche Motive aber leiteten wohl die Pariser - Herren? Immer nur wird vom universellen Charakter der Alliance gesprochen, als ob jemand daran dächte, ihn zu gefährden. Die nationale Unterorganisation gefährde die Allgemeinheit der jüdischen Alliance keineswegs, wie das Beispiel anderer Organisationen mit Mitgliedern in allen Weltteilen beweise. Aber man wolle'doch nur die Ausschaltung sämtlicher außerhalb Paris wohnender Mitglieder des Zentralkomitees. Wir, die wir außerhalb von Paris Zentralkomitee-Mitglieder sind, können uns allenfalls auf unsere Visitenkarte den Aufdruck'machen lassen: „Mitglied des Zentralkomitees". Das ist aber auch so ziemlich alles, was wir davon haben. Das geht auch aus dem Briefe hervor, der Herrn Rabbiner Dr. Werner veranlaßt«, die beabsichtigte Reise nach Paris zur Sitzung am 30. November aufzugeben. Dort hieß es, dem Sinne nach: „Kinderchen, Euer Besuch ist uns ja ganz angenehm, aber besser ist es, Ihr bleibt zu Hause, denn Beschlüsse fassen wir ganz allein". Daher auch die Weigerung einer Reisekosten-Entschädigung für die außerhalb Paris wohnenden Mitglieder des Zentralkomitees. Angeblich sind es „finanzielle" Rücksichten, die eine Entschädigung nicht zulassen. Aber auf der anderen Seite sagt man, es schadet nichts, wenn auch ganz Deutschland mit-seinen Tausenden an Mitgliedsbeiträgen von der Alliance abfiele. Zudem: am 30. März d. I. habe er eine Einlädung zur 50jährigen Jubelfeier nach Paris erhallen, in der stand, von der Hand des Herrn Bigard niedergeschrieben, der Vermerk: „Selbstverständlich tragen wir die Kosten“. Also bei Festsitzungen walten die finanziellen Rücksichten nicht vor, sondern nur dann, wenn .es sich um ernstere, ja vitale Interessen handelt, wie auf der letzten Novembersitzung in Paris. Daß man München das eingeräumt hat, was man der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft vorenthält, nämlich ein Drittel der Eingänge zur freien Verfügung zurückzuhalten. davon weiß Herr Bigard heute nichts, wie er in einem Zwischenruf bekundete, obwohl es Dr. Werner bereits früher einmal in seiner Gegenwart erzählt hat. Was muß das für eine Wirtschaft sein! Man sagt uns, Ihr müßt soviel Vertrauen zu uns. zu der Pariser Leitung, haben, daß wir schon alles allein gut machen werden. Das heißt doch nichts anders, als uns zur Statistenrolle zu verurteilen. Einmal freilich ist doch auch ein Wunsch der Deutschen erfüllt worden. Das war im Jahre 1902. Da hat man die Ausschreibung der Wahlen zum Zentralkomitee auf Wunsch eines Mitgliedes in Deutschland unterlassen. Aber das ist auch so ziemlich der einzige Wunsch, den man uns Deutschen — gewiß gern — erfüllt hat. (Heiterkeit.) Wie har man unseren bisherigen Präsidenten Geheimrat Timendorfer behandelt? Er erbittet von Paris für einen jüdischen Gelehrten ein Buch. Darauf schreibt man ihm, der betreffende Herr möge sich gefälligst direkt an Paris wenden. (Hört, hört!) So verhandelt man nicht mit einem Manne wie Timendorfer, der Präsident der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft war. Aber man ist ihm gegenüber von allem Anfang an mit vorgefaßter: Meinung entgegengetreten. Kaum war er zum Präsidenten gewählt, da hat man ihm gleich das Ultimatum gestellt: „Du mußt die Bude schließen!" Wir aber denken nicht daran, uns hinausdrängen zu lassen! Als die Debatte sich schon ihrem Ende zuneigen wollte, nahm Herr Flörsheim-Dortmund noch einmal das Wort, um an der historischen Entwicklung der Differenzen nachzuweisen, daß die Gerechtigkeit gebiete, zuzugeben, daß es den Anschein zuweilen hatte, Paris habe zu einem gewissen Mißtrauen der Deutschen Konferenz- Gemeinschaft Anlaß gehabt. Er erinnert an die ganze Gebahrung des deutschen Bureaus zu einem früheren Zeitpunkt. Man müsse ferner anerkennen, daß Paris für Unterstützungszwecke und das Hilfswerk für russische Juden immer schlankweg Bewilligungen eintreten ließ, und daß dies erst anders wurde, als persönliche Momente auch hierbei eine Rolle zu spielen begannen. Aber all das wäre heute doch anders. Es ist satzungswidrig, uns den Verein zu untersagen. Die Pariser Herren sind jetzt hier, sie haben gehört, wie sehr wir alle an der Alliance hängen, wie ihr niemand untreu werden wolle. Das alles müsse doch auch in Paris Eindruck machen. Wir haben nur Wünsche, die im Interesse der Alliance selbst liegen. Wir wollen uns betätigen, wollen selbst dabei sein, damit unser Rat gewürdigt werde. Wir wollen Frieden und Freundschaft. Mögen die hier anwesenden Pariser Herren entsprechende Anträge beim Zentralkomitee stellen, damit wir uns auch fernerhin in gemeinsamer Arbeit freundschaftlich die Hand drücken können. Inzwischen war im Anschluß an die Ausführungen des Vorsitzenden Justizrats Fuchs der folgende Antrag eingelaufen: „Das Lokalkomitee Berlin der „Alliance Isra61ite Universelle“ empfiehlt der außerordentlichen Tagung der Deutschen Konferenz- Gemeinschaft die nachstehende Resolution anzunehmen, die das Lokalkomitee Berlin in seiner zahlreich besuchten Sitzung vom 18. Dezember einstimmig gefaßt hat: Resolution: I. Die außerordentliche Tagung der Deutschen Konferenz- Gemeinschaft. die während ihres zehnjährigen Bestehen das Ansehen der Alliance in Deutschland in hervorragendstem Maße befestigt, die Mitgliederzahl der „Alliance Isra£lite Universelle“ in Deutschland verdreifacht, ferner im Geiste ihrer Begründer und ihrer Satzungen der „Alliance Isra£lite Universelle“ neue Aufgabengebiete erschlossen und diese Aufgaben erfüllt hat, gibt ihrem lebhaften Bedauern und Erstaunen über den die Aufhebung der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft bezweckenden Beschluß des Zentralkomitees vom 30. November 1910 Ausdruck. Dieser Beschluß beruht auf einer vollständigen Verkennung der berechtigten und maßvollen Wünsche der deutschen Mitglieder der „Alliance Israölite Universelle“. Er widerspricht ferner dem Artikel 18 der Statuten der „Alliance Israölite Universelle“ und ist

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