Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-12-23 · Heft 51 (23.12.1910) · p. Seite 612

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 51 (23.12.1910)
Date
1910-12-23
Page
Seite 612 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228907-3228959--67084-3279255
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

bi2 und mit festem Willen ihnen den Fuß auf den Nacken setze. So kämpfte sie ihren seelischen Kampf mit wahnsinniger Angst, mit zagender Hoffnung, bis — — sie sich an der Steinmauer des pochenden Gewissens die Geistesschwingen gebrochen und ermattet und entkräftet am Boden liegen blieb; alle ihre Versuche scheiterten; es wollte ihr durchaus nicht gelingen, die quälenden Gedanken zu verscheuchen; darum gab sie sich wieder dem Brüten und Grübeln hin, um wenigstens die Ursache der .Qualen herauszufinden, um ihren Ursprung zu erforschen und zu ergründen; vielleicht, daß sie dadurch ein Mittel fände sie zum Schweigen zu bringen. Mittlerweile tönte die Geisterstimme fort und fort: „Mutter, mein kleiner Schuh! Mutter, mein kleiner Schuh!" Bei all ihrem Grübeln war ihr aber inzwischen eines klar geworden, daß Gott ihr gewagtes Unternehmen damals nicht gut geheißen; daß er ihr kühnes Unterfangen, sein Helfershelfer zu sein, nicht angenommen.-Im Gegenteil.-- Gott zürnt — — Gott straft! Und er straft hart. .-Mit einem einzigen Atemhauch hatte er alle ihre Pläne und Absichten wie Spreu verweht, daß auch nicht eine Spur davon zurückgeblieben. -Durch ihr bisheriges vermeintliches Glück war ein großer Riß gegangen. Mit Gregor, das fühlte sie jetzt, konnte sie nie mehr ein Herz und eine Seele sein. Das Fremd" artige ihrer Lebensweise, das Verschiedenartige ihrer ganzen Erziehung, ihres Glaubens, es konnte nicht ohne weiteres beiseite geschoben werden; es war nur in Schlaf gehüllt worden und erwachte jetzt 41t seiner ganzen Größe; es stand riesengroß zwischen ihnen und ließ keine Gemeinschaft mehr aufkomrnen. Und wie sollte sich ihre Zukunft, ihr späteres Leben noch ferner gestalten? Auswandern? Gregor zum Judentum bekehren? Sollte sie sich noch ferner erkühnen, die Rolle der Vorsehung spielen zu wollen? War sie denn selbst entschlossen auszuwandern? Zwei Gräber hielten sie wie mit eisernen Ketten an diese Scholle gefesselt. Mit dem Grabe der Mutter hat sie selbst die Vergangenheit getötet, und in dem Sarge ihres Kindes lag auch ihre ganze Zukunft begraben;-- sie hingegen war die düstere Gegenwart mit ihren Schrecken und Aengsten; sie war das einzige Bindeglied zwischen jenen beiden und konnte und durste sich nicht von ihnen losreißen! ^Fortsetzung folgt.) Litrrsrilchr Mitteilungen. — Die Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland veisendet soeben Heft 11 ihrer Monatsschrift „Liberales Judentum". Das Heft, welches wieder in der bekannten vornehmen Ausstattung erscheint, enthält eine Reihe interessanter Aufsätze. Aus dem reichen Inhalt sind besonders hervorzuheben ein Aufsatz von Rabbiner Dr. Seligmann, der einzelne, sehr interessante Proben aus Leopold Steins „Schrift des Lebens" bringt, ein Aufsatz „Liberaler Kultus^ und ein besonders für Pädagogen wichtiger Aufsatz, der neue beachtenswerte Gedanken und Fingerzeige für den Religionsunterricht bringt. Das Heft enthalt außerdem die Fortsetzung der „Reformbewegung im Judentum" von Philippson, Kritiken und Berichte. Es ist zum Preise von 50 Pfennig vom Bureau der Vereinigung, Berlin 6. 2, Heiligegeiststraße 45 und in allen Buchhandlungen zu beziehen. Der Abonnementspreis für die Monatsschrift „Liberales Judentum" beträgt 6 Mark pro Jahr für Nichtmitglieder. Die Mitglieder der Vereinigung erhalten die Zeitschrift gratis zugestellt. Sprechssal. Sehr geehrter Herr Redakteur! 0oeben lese ich in der heutigen Nummer Ihrer geschätzten Zeitung den Bericht über den IV. Deutsch-Israelitischen Verbandstag und besonders über die Anregung des Herrn Sanitätsrat Dr. Apfel- Köln betreffs der Nachzahlungen der jüdischen Lehrer, die vom privaten in den öffentlichen Volksschuldienst übertreten. Verschiedene Angaben bedürfen meines Erachtens einer Berichtigung, wenn keine weiteren Mißverständnisse hervorgerufen werden sollen, vorausgesetzt, daß sich Ihr Berichterstatter bei der Wiedergabe nicht geirrt hat, was mir nicht unmöglich erscheint. Ich will' hier nur kurz berichtigen. 1. Der Betrag kann ratenweise gezahlt werden; die Anrechnung erfolgt dann immer für so viele Dienstjnhre, als jeweilig durch die Zahlungen gedeckt sind. 2. Die jüdischen Lehrer haben bezüglich, der Nachzahlungen bis jetzt dieselbe Behandlung erfahren wie die christlichen. Die letzteren werden nur äußerst selten davon betroffen, da sie nach ihrer Entlassung aus dem Seminar fast regelmäßig sofort in den öffentlichen Volksschuldienst eintreten; bei den jüdischen Lehrern ist es umgekehrt. 3. In dem Bericht heißt es, „daß der .... Lehrer, der aus einer privaten Religionsschule zu einer öffentlichen Übertritt, dann seiner Dienstjahre bei der Bemessung des Gehaltes verlustig gehe, wenn er nicht für jedes Jahr/ das er an einer Privatschule amtierte, 570 Mark nachzahlt." Bei dem „Ueberiritt" kann es sich doch nur um einen solchen in den öffentlichen Volksschuldienst handeln. Diese Härten durch die Nachzahlungen sind nicht neu; sie bestehen seit Inkrafttreten des alten Besoldungsgesetzes vom Jahre 1897. Seitdem ist in zahlreichen Einzelpetitionen, vor allem auch in denen des L ehrerv erb an des, an den Herrn Unterrichtsminister und an das Abgeordnetenhaus darauf hingewiesen worden. Viele jüdische Lehrer haben nach jenen alten Bestimmungen 2000 bis 2700 Mark zur Anrechnung ihrer Dienstjahre nachzahlen müssen. Es ist mit Freuden zu begrüßen, daß sich unsere großen Verbände nun der Angelegenheit anzunehmen beabsichtigen. Hattingen lRuhr), 16. Dezember 1910. - * M. Andorn. Wunsch einer größeren Anzahl von Kollegen^ die durch die JA ihnen am Chanukafest in ihren Gemeinden obliegenden amtlichen Pflichten verhindert wären, an der auf den 28. und 29. Dezember d. I. einberufenen "Generalversammlung des Verbandes teilzunehmen, hat der geschäftsführende Vorstand beschlossen, die Versammlung zu vertagen und mit dem Zentral-Ausschuß wegen Ansetzung eines anderen Termines in Verhandlung zu treten. Breslau, den 16. Dezember 1910. Der geschästsführende Vorstand des Rabbiner-Verbandes in - Deutschland. Guttmann-Breslau. Munk--Marburg. Werner-München. Maybaum-Berlin. Vogelstein-Stettin. Eschelb acher - Berlin. Cohn- Kattowitz. * Berichtigung. Vor kurzem brachte dieses Blatt die Mitteilung, daß die einklassige jüdische Volksschule in Rakwitz ausgelöst worden wäre wegen Erkrankung ihres Lehrers. Dies ist aber nicht der Fall. Der Lehrer Josephsohn — der sich übrigens auch durch Erfindung einer sehr praktischen Geschichtstabelle zwecks Einübung der Jahreszahlen — verdient gemacht hat — leidet an einem vorübergehenden Augenübel. Er ist daher bis zum 1. Januar beurlaubt. Seine Vertretung wird dadurch bewirkt, daß seine Schüler gastweise die christliche Volksschule besuchen. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.