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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-12-23 · Heft 51 (23.12.1910) · p. Seite 609

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 51 (23.12.1910)
Date
1910-12-23
Page
Seite 609 (sequence 9)
Language
German
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die ausgesprochene Vorliebe des Verfassers für symmetrische Schemen, wohl zu vermeiden gewesen wären.1) Der Hauptgesichtspunkt der Darstellung ist der th ealogische, mr ausgesprochenen Gegensatz zum philosophischen. Immer wieder und wieder bemüht sich der Verfass er darzutun, daß die Philosophie, oder die Vernunft,- als Grundlage der Religion nicht zureicht,, daß dies vielmehr die Funktion der Theologie, oder des religiösen Gefühls, ist. Das widerspricht zunächst dem, allerdings nicht ganz konsequent durchgeführten Standpunkt des Verfassers von der ungeteilten Einheit des Menschen (vergl- S. 158, 159, 161 und 213 s). Und dann: Der Verfasser ergreift in dieser Frage das Wort so oft, daß es nicht leicht wird, sich über seine Stellung recht klar zu werden. Bald hat es den Anschein, daß der Verfasser sagen will: Es gibt gewisse Postulate des religiösen Bewußtseins, die, im Sinne K a n t s r nicht von der t h eoretischen, sondern von der praktischen Vernunft gefordert werden, wie ja besonders auch das Dasein Gottes (S. 48f., u. 52). Dagegen ist zu bemerken, daß, erstens, auch der ethisch -erkenntnis theoretische Beweis Kants ein eminent philosophisches Gedankengebilde ist, und daß, zweitens, dieser Beweis nicht ganz ursprünglich zuerst von Kant formuliert worden ist. Dieser Beweis, von den Propheten Israels angebahnt, ist vielmehr, bereits von Philo und manchen. jüdischen Philosophen des Mittelalters ziemlich klar formuliert worden. Bald wieder scheint die Stellungnahme des Verfassers dahin zu gehen, daß die Theologie dem religiösen Gemüt auch solche Zugeständnisse machen kann, welche von der Philosophie nicht gemacht werden können. Dem ist gewiß so, nur ist dieser Vorzug von zumindest zweifelhaftem Werte. Der Verfasser unterscheidet nicht ausdrücklich zwischen Postulaten, welche die Philosophie nicht zu begründen vermag, und solchen, welche sie zurückweisen muß, doch ist diese Unterscheidung in seinen Ausführungen implieite enthalten. - Oft jedoch hat es den Anschein, als ob Köhler im Namen der Theologie auch Postulate der letzteren Art zu bewilligen bereit wäre. Und da er zu allen Fragen vom Standpunkt des Reformjudentums Stellung nimmt, kommt er sehr oft in die Lage, hier einschlägige Entscheidungen zu treffen. Nur ist es mir nicht gelungen, das diesen Entscheidungen zugrunde liegende allgemeingültige Prinzip herauszufinden. Schließlich scheint das subjektive Empfinden von dem, was „unserer modernen Anschauung" annehmbar erscheint, den Ausschlag zu geben. Aber, abgesehen auch von der Unzuverlässigkeit dieses rein subjektiven Maßstabs, ist ja auch dieser zuletzt das Produkt unseres philosophischen Denkens, unserer philosophischen Erudition. (Fortsetzung folgt.) Skr Linklutz des jüdischen Elements in der rulülchen Literatur. Eine literarhistorische Abhandlung von Roubin Knopping. in nicht geringerer biblischer*) Poet ist Mersejakoff, der sich besonders bekanntgemacht hat durch sein Gedicht „Verwirrung Babylons", was in der Tat eine besondere Kunstleistüng ist. Wir wollen' hier nicht die Kunst des Dichters bewundern, ..sondern sein Fühlen für das Judentum prüfen. y Vergleiche besonders S. 131 f. mit 141 f.; Kapitel 34 mit Kapitel 44; S. 210-211 mit S. 232;. Kapitel 45 mit Kapitel 54! Wenn hier Israel nicht direkt angesprochen wird, so macht sich doch zwischen den Zeilen warmes Mitgefühl für dasselbe bemerkbar: Von des Donners und des Windes Heulen Erscholl seine Stimme: „O" schrie er auf — „Du bist böse geworden, Du hast in der Not mich der letzten Kraft beraubt. Alle Pfeile des Blitzes sendest Du gegen mich. Donnere! brülle! heule! Ich — Du siehst es --- bin allein, Aber ich fürchte Dich nicht, nicht Deinen Groll, Fürchte Dich schon deswegen nicht, weil ich Menschen liebe; Du hassest sie ... Ich sterbe, meine Liebe lebt noch über das Grab hinaus. In den Ruinen wird meine Stimme ertönen, Durch Wind und Donner. Du wirst meine Nachkommen kennen. Hör's, mir ist es eng auf dieser Erde... Es klingt ganz, als ob man Israel zu den Nationen sprechen-hören würde: ‘ Donnere! heule! brülle! Ich bin — Du siehst es — hier allein. Ich -fürchte Dich nicht, kann Dich nicht fürchten, weil: „ich Menschen liebe." Ich bin der erste, der Menschenliebe verkündet und betätigt hat: „Du hassest sie." '■ Hast Du denn nicht in der Geschichte zur Genüge bewiesen, daß Du die Menschen hassest? Wieviel Ströme von Menschenblut hast Du umsonst vergossen? ... „Ja, Du hassest sie!" Du kannst Dich nicht zum wahren Begriffe der Liebe emporschwingen. Ich sterbe, meine Liebe steigt über das Grab hinaus, Und in den Ruinen wird meine Stimme ertönen. Durch Wind und Donner wirst Du meine Nachkommen hören. Hör's! uns ist es eng auf dieser Erde... Solch eine Humanität, wenigstens Streben nach Humanität unseres Dichters ist ein herrliches Denkmal irr der Poesie und findet selten ein.gleiches in der Weltliteratur. Solch ein Herzenserguß, solch ein Redestuß, solch reicher Inhalt, begeistert von Menschenliebe, läßt den Leser ganz vergessen, daß sie ein Säugetier, das in sich eine bete bumairie trägt, gesprochen hat; es ist dies eine höhere Stimme, die durch hinreißende und bezaubernde Kraft der Gedankenfreiheit begeistert und entzückt II. Jetzt soll die Rede von einem Dichter sein, der mit Juden und Judentum wenig gemeinsam hat; wir wollen ihn doch nicht außer Betracht lassen, da er doch mit Stoffen aus der jüdischen Literatur operiert. Und übrigens ist es ja charakteristisch, zu bemerken, wie das jüdische Element im weitesten Sinne des Wortes auf. die Entwicklung der russischen Literatur gewirkt hat. Die Rede ist von Graf Kutusoff in seinem Gedichte „Nachahmung Jesajas": Mich hat Gott zur Rettung erkoren Und mit dem Schatten seiner Hände geschützt. Beschirmt vor Unglück und Verfolgung. Ebenen. Berge, Flüsse, Täler, Völker, Könige und Herrscher. Vernehmet Gottes Wort Und beugt eure Häupter! ... Wie kaltblütig diese Worte im Vergleich mit Meys Versen auch klingen, beweisen sie doch, daß der Dichter nicht umhin konnte, das Volk Israel und seine Literatur gänzlich außer Betracht zu lassen. y „Ueber die Bibel in der russischen Poesie. Vergl. „Woskhod * Jahrgang 1887 (September-Heft) S. 67 bis 93.

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