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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-12-23 · Heft 51 (23.12.1910) · p. Seite 607

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 51 (23.12.1910)
Date
1910-12-23
Page
Seite 607 (sequence 7)
Language
German
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jüdischer Lehrer und Lehrerinnen zu Berlin" veranlaßt, zu betonen, daß sie für die Gründung jüdischer Volksschulen vornehmlich aus Rücksicht auf die jüdische Volksschuljugend eingetreten ist, und daß, wenn in ihrer dem Gemeindevorstand eingereichten Denkschrift auch darauf hingewiesen wird, von der Gründung jüdischer Volksschulen die Erhaltung des jüdischen Lehrerstandes abhängt, zu diesem Hinweise nicht die Rücksicht auf die Mitglieder des Lehrerstandes geführt hat, sondern die Erwägung, daß die Erhaltung des jüdischen Lehrerstandes im Interesse unserer Glaubensgemeinschaft liegt, indem nämlich auf die Tätigkeit des jüdischen Lehrers als des Trägers einer hohen Kulturmission des Judentums nicht verzichtet werden kann. Iultisrst Johannes Behrendt. n Justizrat Johannes Behrendt zu Danzig hat die deutsche Judenheit eine jener führenden Persönlichkeiten verloren, die ihr in heutigen Tagen das charakteristische Gepräge geben, einen Mann, der freigesinntes Denken mit tiefer religiöser Wärme, hochstehende Bildung mit lebhaftem Interesse für die Sache des Judentums und unermüdliche, uneigennützige Wirksamkeit für das öffentliche Wohl mit dem unverhohlenen treuen Bekenntnis zu seinem Väterglauben"in vorbildlicher Weise zu verbinden wußte. Am 20. August 1859 in einem schlichten Bürgerhanse der alten Ordensstadt Marienburg geboren, überkam er von den Eltern leiblich und seelisch deren beste Gestaltung: einen reckenhaften Körper, scharfe Intelligenz, ein impulsives Gemüt, feurige Schaffenskraft und einen unbeugsamen Charakter, der, ein Feind aller Pose, bis zur Herbheit offen und gerade war. In der Heimat, in der jeder Stein Geschichte redete, öffnete sich dem Jüngling schon frühzeitig der Sinn für die Fragen, welche die Allgemeinheit bewegten, die Vaterland und Politik angingen. Aber auch die Sorgen und Nöten der kleinen jüdischen Gemeinde fanden lebhaften Widerhall im Vaterhause und führten dem Sohn religiöse Kenntnisse und Interessen zu. Der enge Zusammenschluß im bürgerlichen Leben endlich, das. frei von konfessionellen i Gegensätzen noch'war, stärkte die Freude an herzlicher Geselligkeit und frischem Lebensgenuß im Verkehr mit allen Ständen. So legte der Schüler und Student nicht bloß mühelos feinen Bildungsweg an den Schulen zu Marienburg und Strasburg und an den Hochschulen zu Berlin und Königsberg zurück, sondern fand und gewährte Anregungen aller Art und bewegte sich ununterbrochen in einer. Schar treuer Freunde und Kameraden, selber der treueste in Ernst und Frohsinn. Auch in Danzig, wo er seine Referendar- und Milftärzeit verbrachte und sich nach bestandenem Assessor- Examen 188$ als Rechtsanwalt niederließ, rückte er schnell in den Mittelpunkt aller Kreise ein, mit denen ihn sein Beruf in ständig wachsender Praxis, wie sein persönlicher Verkehr in Fühlung brachte. Es machte sich rasch bemerklich, daß er einer jener Männer war, die stets ihrer Umgebung etwas von dem eigenen Gepräge aufzudrücken wissen. Die Ehe mit der ältesten Tochter Hermann Baerwalds, des vielgerühmten Direktors des Frankfurter Philanthropins, schuf ihm zugleich ein eigenes glückliches Heim; die feinfühlige, würdige Tochter des trefflichen Vaters ward freilich im blühendsten Frauenalter hinweggerissen, und in bewundernswerter Gefühlsstärke führte der Schwiegervater selbst eine Freundin seines Hauses und der Verstorbenen dem Schwiegersohn und den verwaisten Kindern als ebenbürtige zweite Gattin und Mutter erst vor wenigen Jahren äit. Auch sonst wirkte die abgeklärte Lebensanschauung Hermann Baerwalds stark auf das impulsive Wesen Johannes Behrendts ein und wies ihn vor allem zur persönlichen lebhaften Betätigung an den Interessen, welche das Judentum im allgemeinen und in der eigenen Gemeinde berührten. Schon 1892 zur Stellvertretung in das Danziger Gemeindekollegium berufen, stand er bereits nach vier Jahren mit an dessen Spitze, der hervorragendste und geistig bedeutendste Mitarbeiter Gustav Davidsohns, des verdienstvollen Neubegründers und Vorsitzenden der Danziger Gemeinde, unermüdlich in feiner Schaffensfreude, unerschrocken in seiner Kritik, sorgsam bedacht bis ins kleinste hinein, doch immer erfüllt von großen und weittragenden Ideen. Noch zu Lebzeiten Davidsohns und erst recht nach dessen Tode der berufenste Führer der Gemeinde und der gesamten Judenheit Westprenßens, steigerte er seine ersprießliche und jederzeit opferwillige Tätigkeit in rastloser Weise, um der Gemeinde, dem Verband der Synagogengemeinden Westpreußens und dem von ihm Persönlich eröffneten Provinzial-Waisenhaus in Graudenz eine dauernde und segensreiche Entwicklung zu sichern. Seine Jahresberichte geben ein beweiskräftiges Bild der Fülle von Arbeit, die er leistete, und der Fülle von Ideen, die er verwirklichen wollte. Nicht minder bedeutsam durch Reichtum des Stoffes, Schärfe der Gedankenführung, Größe des Ausblicks waren die Vorträge, die er bei den westprenßischen Verbandstagungen, im Danziger Literaturverein bei der Gedenkfeier für Gabriel Rießer hielt, und noch kürzlich, als er endlich im April d. I. auf allgemeines Drängen auch äußerlich die Leitung der Danziger Gemeinde im Amte des ersten Vorsitzenden übernahm, hat er in einem klassischen Expose das Programm seiner Tätigkeit und die Grundzüge einer weit ausgreifenden Gemeinde-Entwicklung dargelegt. Hand in Hand mit diesen lokalen und provinzialen Arbeiten ging sein Eintreten für die Ideen der großen jüdischen Organisationen, denen er wohl/ allen vorübergehend oder dauernd in führender Stellung ängehörte. Vor allem in der deutschen Konferenzgemeinschaft der Alliance, in deren Vor. stand er an. die Stelle seines verdienten Schwiegervaters berufen worden war) hat er nicht mit bloßer Hingebung nur seine Aufgaben wahrgenommen. Sein Wort hätte da vielmehr, wie überall, dank seiner Intelligenz und Arbeitsfreude gewichtige Bedeutung, und für die Lösung der augenblicklichen Iustizrat Behrendt.

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