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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-12-23 · Heft 51 (23.12.1910) · p. Seite 606

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 51 (23.12.1910)
Date
1910-12-23
Page
Seite 606 (sequence 6)
Language
German
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Liegt der Unterricht vormittags, so kommt ein Teil der Kinder infolge der Entfernung der Schulen voneinander zu spät und muß vorzeitig wieder entlassen werden. Liegt er — wie das häufig wegen der Unvereinbarkeit der Stundenpläne an den einzelnen Schulen der Fall ist — am Nachmittag, so kommen die Kinder erfahrungsgemäß unregelmäßig, zumal die Kontrolle der Versäumnisse sehr schwierig ist, viele Eltern sehen sich durch den doppelten Schulweg ihrer Kinder veranlaßt, sie vom Unterricht befreien zu lassen, wodurch die Lebensfähigkeit der einzelnen Abteilungen aufs schwerste bedroht wird. Nicht unerwähnt bleibe, daß durch die Vereinigung der Kinder aus verschiedenen Schulen die Aufrechterhaltung der Disziplin dem Lehrer sehr erschwert wird. Das diesen Ausführungen zugrunde liegende detaillierte Material ist in den Berichten des städtischen Lehrers und Religionsschuldirigenten, Herrn Auerbach, an den Schulvorstand vom 18. und 21. Juni und 2. Dezember 1908 enthalten. — Kann unter diesen Umständen der Religionsunterricht an den Gemeindeschulen seine für unsere Minorität besonders wichtige Aufgabe — den Kindern die Anhänglichkeit an unsere Religion ins Herz zu pflanzen und sie zu überzeugten Bekennern des Judentums zu machen — nur unvollkommen erfüllen, so tritt noch schädigend hinzu, daß die Schüler unserer Volksschulen nur selten Gelegenheit haben, sich am Gemeindegottesdienst zu beteiligen. Aber der jüdische Schüler der christlichen Gemeindeschule ist auch Einflüssen Preisgegeben, die ihn zu verletzen oder sein religiöses Bewußtsein zu schwächen geeignet sind, denn der gesamte Unterricht trägt in der christlichen Gemeindeschule, insbesondere in den sogenannten Gesinnungsfächern und im Gesangunterricht, ein ausgesprochen christliches Gepräge und wird pflichtgemäß in einseitig, christlich-konfessionellem Sinne erteilt. Man vergleiche daraufhin die an unseren Gemeindeschulen gebrauchten Lese-, Geschichts- und Gesangbücher. — Eine Rücksichtnahme auf die religiöse Minderheit kann auch kaum verlangt werden. Auch bei den täglichen Schulandachten und öffentlichen Schulfeiern ist eine Beeinflussung in christlich-religiösem Sinne zu befürchten. Aus der objektiven Darlegung der wirklichen Verhältnisse, wie wir sie in vorhergehendem versucht haben, ergibt sich für jeden, der sich seiner Verantwortung für die religiöse Erziehung bewußt ist, die unabweisbare Forderung der jüdischen Konfessionsschule. — Hier werden nicht nur die von uns erwähnten Mängel vermieden, sondern es erwachsen aus ihrer Einrichtung besondere Vorteile, über die sich nichts Ueberzeugenderes anführen läßt, als was Steinthal im Jahre 1875 in seiner Denkschrift über den Fortbestand der jüdischen Gemeindeschulen gesagt hat: „Wie erfreulich es uns auch sein mag, daß die Stadt ernstlich begonnen hat, das Prinzip der Gleichberechtigung auch in der Schule durch die Rücksicht auf die jüdische Religion zu betätigen, so ist doch tatsächlich zurzeit die Fürsorge für den jüdischen Religionsunterricht in der Volksschule noch ganz unzureichend. Auch können wir uns nicht verhehlen, daß bei der Notwendigkeit des Hebräischen für den Juden der jüdische Religionsunterricht sachgemäß einen Umfang hat, welchem die öffentliche Schule vielleicht niemals gerecht werden kann./ Außer den Bedürfnissen des Religionsunterrichts kommen aber noch andere Verhältnisse in Betracht, welche nur. in einer speziell jüdischen Schule volle Berücksichtigung finden können. Sie ist die Stätte, wo die Kinder der aus halbdeutschen Ländern eingewanderten Familien in den deutschen Geist eingeführt werden — und die einzig mögliche Stätte, wenigstens wenn diese Germanisierung mit vollem Wohlwollen und schonender Rücksicht geschehen soll. Nur vom jüdischen Lehrer in der jüdischen Schule ist zu erwarten und zu verlangen, daß er die jenen Kindern unvermeidlich anklebenden Mängel zu ' beseitigen wisse, ohne das Gefühl dieser Kinder zu verletzen Ja, auch nur dem Auge und dem Ohre des jüdischen Lehrers. ' wird es möglich sein, alle hier gemeinten Fehler zu bemerken." Und diese Gründe sind heutzutage um so schwerwiegender, als einerseits das Hebräische aus dem Lehrplan der Berliner Gemeindeschule gänzlich eliminiert ist, anderseits die Zahl der Kinder von Ausländern seitdem stark angewachsen ist. Schultechnisch ist es nicht schwierig, zunächst in dem von der ärmeren jüdischen Bevölkerung dichter bewohnten Zentrum jüdische Knaben- und Mädchenschulen zu errichten. Auch ist seitens der staatlichen und städtischen Behörden voraussichtlich . kein Widerstand zu befürchtenda sie das Prinzip der Konfessionalität für die Volksschule anerkannt haben. Zum Schluß stzi es uns als Vertretern des Lehrerstandes gestattet, auf die Bedeutung der Begründung von jüdischkonfessionellen Schulen in der Reichshauptstadt hinzuweisen. Wir hoffen umsomehr geneigtes Gehör für. diesen Punkt unserer Denkschrift zu finden, als die jüdische Gemeinde mit bedeutenden Opfern seit 50 Jahren eine Lehrer-Bildungs anstatt unterhält. Infolge der fortschreitenden Konfessionalisierung der Volksschule und des unaufhaltsamen Eingangs der jüdischen Schulen in kleinen Städten ist es dem jüdischen Lehrer immer schwieriger geworden, Anstellung zu finden. Und selbst die wenigen, denen es gelungen ist, müssen sich — wie gerade aus der Geschichte des Berliner Schulwesens ausreichend bekannt ist — eine kränkende und ihre Berufsfreudigkeit herabsetzende Behandlung gefallen lassen. So ist zu befürchten, daß bei den geringen Aussichten auf Anstellung für den jüdischen Lehrer sich immer weniger junge Leute bereit finden, diesen Beruf zu ergreifen. Und doch liegt die Erhaltung des jüdischen Lehrerstandes im Interesse unserer Glaubensgemeinschaft. Der jüdische Lehrer war und ist noch immer der Träger einer hohen Kulturmission des Judentums, und auf seine tatkräftige Mitwirkung kann nicht verzichtet werden. —-Der Antrag der „Wissenschaftlichen Vereinigung" wurde vom Vorstand der jüdischen Gemeinde aus prinzipiellen Gründen abgelehnt, und die „Wissenschaftliche Vereinigung" hätte wohl kaum Veränlaffung gehabt, sich in absehbarer Zeit noch einmal mit der Sache zu beschäftigen wenn nicht die Frage der Gründung jüdischer Volksschulen in dem Wahlkampfe der letzten Wochen eine Rolle gespielt hätte. Die „Wissenschaftliche Vereinigung" hat, lim jede'Einmischung in die Wahlen zu vermeiden, in diesem Kampfe weder offiziell das Wort genommen, noch eines ihrer Mitglieder veranlaßt, zu der Frage das Wort zu ergreifen. Nun aber, wo er vorüber ist, sieht sie sich gezwungen, sich wenigstens dem Vorwurf gegenüber zu verteidigen, der ihr in einer Wahlversammlung des „Liberalen Vereins" gemacht worden ist, und zu dessen - Abwehr sie in ihrer Sitzung vom 3. Dezember 1910 folgende Resolution gefaßt hat: Resolution In einem am 31. Oktober 1910 im Liberalen Verein gehaltenen und in Nr. 44 der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" (Jahrgang 1910) veröffentlichten Vortrage hat Herr' Prof, Dr. Türk die Aeußerung getan, daß für diejenigen Lehrer, welche die Gründung jüdischer Volksschulen in Berlin verlangt haben, in erster Linie die Schaffung eines weiteren Betätigungsfeldes für ihre Berufsgenössen maßgebend gewesen . sei, während alle anderen Gründe nur Beiwerk seien. Dieser AeußeruNg gegenüber sieht sich die „Wissenschaftliche Vereinigung

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