Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 51 (23.12.1910)
- Date
- 1910-12-23
- Page
- Seite 603 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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603 wichtigen Artikel, die wir in der „Vossischen Zeitung" finden, wird für viele Leser von höchstem Inter esse sein, sie lautet so: Es handelt sich um die persönliche Kundgebung des Führers einer religiösen Gemeinde aus der zweiten Hälfte des ersten Jahrhunderts nach Christi, die er an seine Anhänger richtet, und durch die er die Prinzipien des Glaubens und der Anschauungen, die für sie maßgebend sein müssen, darlegt. Dabei wendet er sich zugleich scharf gegen gewisse Gegner der von ihm verfochtenen Lehre. Was aber sind das nun für religiöse Anschauungen, die hier vertreten werden?' Von drei Persönlichkeiten ist des näheren die Rede. Zunächst von zwei großen Führern des jüdischen Volkes, die ausgesandt sind, es zu stärken und zu erleuchten. Ter erste von diesen ist ein Messias ^aus der Fa milie Aarons und von Israel"; der zweite wird genannt „der Lehrer der Rechtschaffenheit" und ebenfalls als Messias bezeichnet. Diese beiden Messias waren tot, als das Dokument geschrieben wurde; aber von beiden wird erwartet, daß sie in späteren Tagen wiederkehren werden. Die dritte Persönlichkeit, die einmal „ein Mann des Spottes" und ein andermal „Belial" genannt ist, wird als Feind der Lehre betrachtet, der das Volk von Grundsätzen der Sittlichkeit abwenden will. Die Deutung Schechters geht nun dahin, daß er aus den deutlich als zwei Personen Gezeichneten Messiasgestalten ein einziges Wesen macht und darin einen gewissen Zadok sehen will, der nach der Tradition als Gründer der Sekte der Zadokiten oder Sadduzäer galt. Unter Belial, dem „Mann des Spottes", will er kein Individuum verstanden wissen, sondern eine Bezeichnung für die hellenistischen Judenverfolgungen nach dem Aufstande der Makkabäer. Margoliouth aber weist nach, daß unter dem Messias aus dem Stamme Aarons niemand anders gemeint sein kann, als Johannes der Täufer. Wenn aber diese Identifizierung richtig ist, wenn der am Anfang des Dokuments erwähnte Priester-Messias der Täufer ist, dann muß der „Lehrer der Rechtschaffenheit", der als sein Nachfolger hingestellt wird, Jesus selbst sein. Das Dokument, das sicherlich sadduzäischen Kreisen entstammt, gibt für die Erwähnung Jesu selbst die beste Handhabe in einer Stelle, die dem Herausgeber dunkel geblieben ist. Es heißt da nämlich, daß „in der Erklärung seines Namens (d. h. des Namens des Messias) auch ihre Namen sind." Der englische Gelehrte erklärt diese schwierige Stelle dadurch, daß es sich hier um eine bestimmte Sekte der Sadduzäer, die Boethusianer, handelt, die ihre Bezeichnung, von einem Priester namens Boethos, d. h. Helfer, herleiteten. Dieser Name, der unter den damaligen Juden keineswegs selten war, bedeutet nun ganz dasselbe wie der hebräische Name, der „Jesus" lautet. Der Teil der Zadokiten oder Sadduzäer, die. sich dem Glauben an den Täufer und an Jesus zuwandten, war also niemand anders als die Boethusianer, die den Namen ihres alten Gründers in dem des neuen Messias wiederfanden. Den Mann des Spottes deutet Margoliouth auf den Apostel Paulus, der von einem strengen judenchristlichen Standpunkt aus als einer der schlimmsten Feinde des Glaubens angesehen werden mußte. Die Sekte der Sadduzäer stand zu dem Hellenismus durchaus im Gegensatz und hielt mit äußerster Strenge an dem besonderen Charakter ihres Kultus fest. Die schroffe Ablehnung des großen Hellenenchristen Paulus ist daher von ihrem Standpunkt aus wohlverständlich. Paulus, der zu seinen Lebzeiten einer der am meisten mißverstandenen auch am bittersten bekämpften unter den großen Männern der, Weltgeschichte war, wird hier mit Vorwürfen überschüttet, die auch im Neuen Testament noch ab und zu hervortreten. Er wird in dem sadduzäischen Dokument angeklagt, die Unsittlichkeit zu fördern, dem Reichtum nachzugehen und die Reinheit des Tempels zu verletzen. Alles dies läßt sich aus dem durchaus judenchristlichen Milieu erklären, dem die Dokumente entstammen. Es handelt sich iim eine Gemeinde von Judenchristen, die aus Priestern und Leviten der boethusianischen Sekte der Sadduzäer bestand und von einem beträchtlichen israelitischen Laienelemcnt verstärkt war. Bei dein „Ende der Zerstörung des Landes", wie es in dem Dokument heißt/ also nach der vollständigen Eroberung des Landes durch die Römer im Jahre 70 n. Chr.. war die Gemeinde nach Damaskus ausgewandert/ Nach der Vernichtung des Tempels durch Titus wollten sie nicht länger, in der Heimat bleiben, sondern gründeten eine neue Gemeinde, deren Mittelpunkt Damaskus : war und die sich von dort.schon nach den verschiedenen Teilen benachbarten Landes ausgedehnt hatte. An diese im Land verstreuten Gemeinden ist das durch Schlechter aufgefundene Manifest des Führers der Bewegung gerichtet. Diese Judenchristen erkannten Johannes den Täufer als einen Messias aus der Familie Aarons an und glaubten an Jesus als an eine Art zweiten, aber über den ersten hinausragenden Messias, dessen besondere Aufgabe es war ein „Lehrer der Rechtschaffenheit", des rechten Lebens zu sein. Paulus und seine Lehre verabscheuten sie: sie strebten mit aller Macht danach, die strenge Beobachtung des mosaischen Gesetzes, wie sie es verstanden, mit den Prinzipien des in dem Schriftstück öfters hervorgehobenen „neuen Bundes", wie sie sie verstanden, zu vereinigen. So sehen wir in diesem Dokument, das noch eine Fülle von Einzelheiten umschließt, gleichsam hinein in die gärenden Anfänge, in die Kindheit des Christentums. Von großer Bedeutung ist sodann ein Artikel von I. Köhler, dem bekannten Rechtslehrer der Berliner Hoch^ schule, „Die Juden", in der letzten Nummer der „Deutschen Montagszeitung". Nachdem der Verfasser ausführlich seinen indo-germanischen Ursprung nachgewiesen und von den Nationen gesprochen hat, die in fremden Ländern mehr leisten als in ihren eigenen, gibt er folgende bemerkenswerte Darstellung, die auch unsere Leser mit Vergnügen genießen werden: Zu diesen Bevölkerungen gehören auch die Juden- und zwar sind sie eine der begabtesten Nassen, welche die Menschheit erzeugt hat, weniger schöpferisch in großen Genies, aber gesättigt durch eine Ueberfülle von Talenten, außerordentlich rührig, fähig, sich in die schwierigsten Verhältnisse einzuleben, vor allem aber von einer ungeheuren dialektischen Gewalt, die es ihnen möglich macht, im abstrakten Denken die Gründe für und wider mit einer Virtuosität ohnegleichen zu entwickeln; Personen, die darum für den Handel wie für den advokatischen Beruf wie geschaffen sind, die zu Parlamentsrednern und Journalisten wie vorbestimmt erscheinen; Personen mit starker Begabung für die Theologie und für eine gewisse Richtung der Philosophie, soweit sie sich in formalen Kreisen hält; führende Geister in Mathematik und Schachspiel, aber auch in anderen Berufen hervorragend befähigt, das aktuell Lebensfähige herauszufinden und die zugkräftigen Seiten des Daseins zu erfassen, zugleich mit außerordentlicher Suggestivkraft ausgestattet, weshalb ein Hauptkontingent der reproduzierenden Künstler Juden sind. Es gibt auch Fälle, wo diese Talente sich bis zum Genie gesteigert haben; was Spinoza gegenüber Descartes, was Heine gegenüber Lord Byron geschaffen hat, muß als genial bezeichnet werden, und Heines petulanter Prosastil hat die Schranken des großartigen, aber etwas prätentiös vornehmen Goetheschen Stils durchbrochen und ist der Ausgangspunkt des modernen Journalismus geworden, in dem sodann jüdische und keltische Geister sich so gewaltig hervorgetan haben. Daß eine Bevölkerung mit diesen Eigenschaften allüberall eine große Bedeutung erlangen mußte, ist begreiflich'; und daß eine große Nation, wie die deutsche, welche gerade im Gegensatz dazu in der intuitiven Schöpfung, in der konkreten Lebensanschauung und in den blühenden Bildern des Daseins sich wohlfühlt und in sinniger Betrachtung der Welt ihre Größe erlangt hat, daß eine Nation weltdurchleuchtender, genialer Geister und Schwärmer, eine Nation von einer Phantasiekraft ohnegleichen, wie die deutsche, in ihnen ihre Ergänzung finden wird, ist offensichtlich. Ein Zusammenwirken des Germanentums mit dem Judentum, kann darum unsere geistige Macht nur stärken und uns diejenigen Talente geben, welche es vermögen, die ökonomischen Kräfte der Nation durch großartige Kombinationen zu steigern, welche imstande sind, das, was unsere gewaltigen Geister in Umrissen geschaffen haben, in tausend Einzelheiten durchzuführen und allen genialen Gedanken germanischer Schöpferkraft eine Fülle brauchbarer Einzelgebilde zu entlocken. Wenn, diese Ansichten in unseren Kreisen allgemeine Billigung finden dürften, so sind die auf die mitgeteilten Erörterungen folgenden Sätze leider völlig geeignet diese Sympathie zu untergraben. Köhler sieht in der Synagoge ein