Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 51 (23.12.1910)
- Date
- 1910-12-23
- Page
- Seite 602 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Du für die Erde starbst, und Rat bei uns gehalten wurde, ob Du zu uns gehörst, 7 da waren wir alle einmütig für Deine Aufnahme. Zwar wurde es scharf gerügt, daß Du Trugbilder der Jugend vorgespiegelt, sie irre geführt hast. Herzl (will auffahren). "Juda: Nur gemach, mein junger Freund. Hier im Paradies ist vornehmstes Gesetz: Wahrheit und Wahrheit vertragen .... Aber ein Manu, der Heimatlosen eine Heimat schaffen wollt", hat seinen Platz bei uns. H-erzl: Zur Jugend wußt" ich keinen anderen Weg als , den der nationalen Begeisterung. . Juda: So hast Du sie hineingezerrt in nationalen Hexensabbat und törichten Rassenrummel. Das war Deine Sünde. Du hast zu wenig auf das Herz vertraut, mein lieber Herzl. Mit Deinem Feuer, Deiner Kraft hättest Du hintreten sollen vor die Jugend und sie ausrusen zum ehrlichen Kampf für sich und sür die ihren. Nicht fahnenflüchtig Recht und Gleichheit sich erbetteln, sondern sie erstreiten in langem, unermüdlichem Kampf, mag er auch Generationen lang sich hinziehen: Israels Ideale sind nicht an Zeit und Raum gebunden. Ein unentwegtes „hier bin ich und hier bleibe ich". Und mit derselben Herzensglut den Bedrückten eine Heimat suchen, ihnen dienen mit Leib und Seele, im. Land der Väter ihnen Boden geben und das Recht des freien Menschen. Das wäre edel, groß und-wahr gewesen. Herzl: Ich fürchtete, die Härte des modernen Daseinskampfes hätte den Menschen den Weg zu solchen Gefühlen längst verlegt. Juda: Das war Dein Irrtum. Herzl: Nicht zu ändern. Juda: Doch. Geh" hin zum Herrn und fleh" ihn um Erlaubnis an. Deinen von Menschenschwäche nun befreiten Geist zu Deinen Brüdern hinzusenden. Herzl: Ich wag" es kaum. Juda: Fürchte nicht. Bekenne offen Deinen Fehler und sage Deinen Zweck. Schmeichle nicht der Zeit und ihrem Wahn. Laß Deinen Geist die Fahn" entrollen, aus der mit goldenen Lettern prange das große Ziel: Statt halber Rechte volles Recht, da wo wir sind, im Lande, das wir lieben als seine treuen Kinder; den Heimatlosen, den Rechtlosen in der Väter Land ein neues Heim! Herzl: Komm" mit mir, sei mein Fürsprecher. Heute, an Deinem Jubeltage wird Dir der Herr gewogen sein. Und laß dann Deinen Geist mit meinem sich vereinen zu einem neuen Zuge durch die Welt. Juda: Es sei. Ich. gehe mit. X. Y. Die Mache. Berlin, den 20. Dezember. Unter den bedeutsamen, politischen Vorgängen der letzten Zeit ziehen vier die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich. Zuerst die englischen Wahlen. Im ganzen hat durch diese die Gruppierung der einzelnen Parteien keine wesentliche Aenderung erfahren. Liberale und Unionisten haben je einige Sitze gewonnen. Für uns als Deutsche und Juden haben .daher die Wahlen ein verhältnismäßig geringes Interesse, denn sie besitzen weder eine ausgesprochen deutsch-freundliche, noch weniger irgendeine den Juden feindliche Tendenz. Das zweite beachtenswerte Ereignis sind die Reichstagsersatzwahlen in einzelnen deutschen, namentlich ostpreußischen Bezirken. Diese, in den 60 er Jahren des 19. Jahrhunderts und auch noch später eine Hochburg der alten Fortschrittsparteiwurden später für Landtag und Reichstag' zumeist von Konservativen erobert; der Uebergang dieser Mandate auf freisinnige Abgeordnete ist in deutschem und jüdischem Sinne gleich freudig zu begrüßen. Nicht nur, weil dadurch manche Stimmen, die für antisemitische Anträge abgegeben werden konnten, dieser Partei verloren gehen, sondern weil durch die neue Gestaltung die Gewähr geleistet wird, daß die neuen Träger der Mandate Mitwirken, in echt nationalem und verfassungsmäßigem Sinne zu arbeiten.' Solange die Juden nicht die volle Gleichberechtigung im Deutschen Reiche besitzen, müßten sie alle, was auch sonst ihre Ueberzeugung sein mag, sich der Partei anschließen, die ihre Rechte verteidigt. Das dritte Ereignis ist die große allgemeine politische Debatte, die bei der ersten Lesung des Etats im Reichstage mehrere Tage in Anspruch nahm. Bei dieser Debatte wurde von den Vertretern der Negierung und von je einem Mitglieds der verschiedenen Parteien die auswärtige und innere Politik behandelt. Große wichtige Gegensätze traten zutage. Steuer- und Handelsfragen, Rechtsangelegenheiten, selbst schwebende Prozesse wurden berührt, nur eins wurde nicht besprochen: die Angelegenheit der Juden. Man hätte bei der äußeren Politik Anlaß nehmen können, auf die schmähliche, jedem Rechtsgesühl Hohn sprechende Behandlung der Juden in Rußland, bei der inneren die Rechtsverkümmerüng der Israeliten, die Ungleichheit bei Ausweisungen und Naturalisation, die Zurücksetzung bei der Besetzung von Lehrstühlen der Universitäten und Schulämtern, die prinzipielle Ausschließung von den Osfiziersstellen eindringlich zu erörtern. Dies geschah jedoch nicht. Nur ein einziger freisinniger Redner machte mit Bezug aus den letzten Punkt eine kleine Anspielung. Er sagte: Vor allem ist es Zeit, die Bevorzugung zu beseitigen, die heute bei der Besetzung der Offiziersstellen besteht. Standesvorrechte dürfen nicht bestehen. Auch um des Glaubens willen dürfen Zurücksetzungen im Heere nicht erfolgen. Ich verweise in dieser Beziehung auf die Protestresolutionen unserer jüdischen Mitbürger, die jüngst wieder die Zurücksetzung im Reiche als versassungs» und reichsgesetzwidrig bezeichnet haben. Aber es erfolgte außer dem Beifall seiner Parteigenossen keine weitere Begründung und ebensowenig eine Widerlegung, es bleibt eben trotz aller Proteste alles schön beim alten. ' Das vierte Ereignis, vielleicht das bedeutsamste, ist eine Stelle in dem jüngst veröffentlichten Berfassungsentwurf für Elsaß-Lothringen. Danach soll eine zweite und erste Kammer gebildet werden. Jene soll aus allgemeinen und direkten Wahlen mit geheimer Abstimmung hervorgehen; diese soll außer den vom Kaiser Berufenen aus Vertretern der Universität, der Städte, Gerichte, Gewerbe- und Handwerkerkammern sowie der Geistlichkeit und religiöser Gemeinschaften bestehen; unter ihnen befindet sich ein Vertreter der israelitischen Konsistorien. Das ist eine Bestimmung, die mit großer Freude zu begrüßen ist.. Eine Anerkennung der jüdischen Gemeinschaft, von der man nur wünschen möchte, sie würde ans andere deutsche Länder, z. B. Preußen, übertragen.. Vivat seguens! ,; * Unter den literarischen Ereignissen darf auf zwei besonders hingewiesen werden. Das' eine ist ein Artikel Schechters, behandelnd die Aeußerungen eines Zeitgenossen über die Anfänge des Christentums in bei; Cambridge CJhiv'ersity Press, zu der eine Erklärung von B. Margoliouth im Athenäum hinzutritt. Eine Analyse dieser außerordentlich