Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 50 (16.12.1910)
- Date
- 1910-12-16
- Page
- Seite 599 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228907-3228958--67064-3279234- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
5M Bastian mitleidig an. Natürlich haste Gregor das Mienenspiel gemerkt und seine Stirnadern schwollen fingerdick an. Bastian schien endlich genügend Mut gesammelt zu haben, und nun sing er an, seinen Bericht zu erstatten: „Bald nach Ihrer Abreise, Herr, hatten die Spinner aus dem Dorfe das Garn gebracht; ich ging zu der lieben, guten Herrin mnd meldete es ihr, und sagte ihr auch, daß ich die Leute für ein anderes Mal bestellen wollte, doch die Herrin gab es nicht zu; sie dachte eine Weile nach, blickte sich wie suchend im ganzen Zimmer um, und befahl den Spinnern zu warten, sie werde gleich zu ihnen kommen; vorher habe sie jedoch noch etwas Wichtiges zu erledigen. — Als. ich bereits im Hofe war, fiel mir ein, daß ich der Herrin auch noch von dem Kalbe berichten wollte, das die Kuh zertreten, weil ja der Weg zur Flachsscheune bei dem Kuhstall vorbeiführt. Ich ging daher wieder zurück, und — und — als ich die Türe leise öffnete. . Bastian hielt inne und bedeckte das Gesicht mit beiden Händen, als falle es ihm ungemein schwer, fortzufahren und das Grausige zu berichten. Gregor versetzte ihm einen heftigen Rippenstoß und sprach, ohne den Blick von ihm zu wenden: „Höre auf mit Deinen jämmerlichen Faxen und erzähle weiter." Bastian seufzte hörbar und gehorchte scheinbar widerwillig. „Als — als — ich die Türe wieder öffnete, da — da — stand sie .... Ach, Herr, erlassen Sie es mir, weiter zu erzählen!" Gregor knirschte hörbar mit den Zähnen, und seine blutunterlaufenen Augen rollten wild in ihren Höhlen. Bastian fuhr daher schnell fort: „Da stand die Herrin, den Rücken mir zugekehrt, über die Wiege gebeugt, ihre Arme in der Luft hin- und herbewegend, unheimliche, fremde Worte murmelnd. Ich bemerkte noch ein kleines-blaues Flämmchen aus der Wiege aufsteigen, und ein übelriechender Rauch erfüllte das ganze Zimmer. Vor Schreck wäre ich fast zu Boden gesunken, und in meiner großen Angst lief ich in meine Kammer und schloß mich dort ein, denn ich glaubte, daß sie mit ihrem Zauber hinter mir her sei, weil ich ihr schreckliches Geheimnis, wenn auch unfreiwillig belauscht. Und dieser gräßliche Anblick wird mich bis in den Tod verfolgen und vielleicht auch länger nachher." Ohne mit einer Wimper zu zucken, hatte Gregor diesen Bericht angehört; jetzt riß er das silberne Kreuz von der Wand, daß der starke Haken geräuschvoll zur Erde fiel, und dicht vor Bastian hintretend, preßte er es ihm in die Hand und riet mit heiserer Stimme: „Hier, knie nieder und schwöre!" Bastian wich entsetzt zurück Das hätte er nicht erwartet. Was, einen Meineid sollte er jetzt leisten, und die ganze Seligkeit einbüßen? Das war doch nicht so einfach — Was war da zu tun? Die Wahrheit eingeftehen — —? Da könnte er wohl bald sein letztes „Vaterunser" beten. Der Herr würde ihn mit eigenen Händen erwürgen-. Nein, wirklich; das können selbst die Heiligen nicht von ihm verlangen. Im Gegenteil, das ist eine sehr gute Ausrede auch im Himmel——; zumal wo es galt, eine verruchte Ungläubige zu vernichten — — Das kann als zweite Entschuldigung angeführt werden, und das wird schon genügen, sich vom Teufel loszuschwindelm Uebrigens- - wozu gibt es denn geweihte Kerzen und Ablaß" zettel? — —- Und Bastian schwur bei dem heiligen Kreuz' daß es die reine Wahrheit sei, was er eben dem gnädigen Httrn berichtet: Mit einem kräftigen Fußtritt und einem heisern „HinäuS!" wurde er von Gregot verabschiedet ' Ohne seine Mutter eines weiteren Blickes zu würdigen, die jede seiner Bewegungen mit gespannter Aufmerksamkeit verfolgte, verließ Gregorebenfalls das Zimmer. Er war furchtbar erschüttert.- Es war aber nicht Bastians Schwur allein, der ihn das Gehörte zu glauben zwäng, sondern es war noch irgendeine Idee, die plötzlich in ihm äuszndämmern begann und die sich mit scharfen Spitzen in seine Seele einkrallte; es war, als ob ein Saatkorn lange dagelegen, das jetzt üppig emporwucherte, um sein ganzes Leben zu vergiften. Wie eine unheimliche finstere Offenbarung stürmten die Gedanken auf ihn ein: Wie denn, wenn seine Liebe ihn in der Tat bisher, blind' gemacht, oder alles/anders erscheinen lasten, als es tatsächlich war? Er erinnerte sich jetzt ihrer Worte vor seiner Abreise: „daß sie anders denke als handele." — — Freilich waren sie nur im Scherz gesprochen — — allein konnte es nicht eben so gut die wollüstige Gier der frechen Siegerin sein, das arme Opfer noch zu verhöhnen, nachdem sie . es mit ihren Netzen unrettbar umstrickt? In ihm erwachte jetzt die scharfe Empfindsamkeit, das stete Gefühl der Gefahr, das unbewußte Lauern und Spüren, wie es durch ein Lebest in der Einsamkeit erzeugt wird — — und wo gibt es ein einsameres Leben als, in der, russischen Steppe? — — — Hatte er nicht auch von Jugend auf,, in der Schule, in der -Kirche, in der Gesellschaft von der Zaubermacht, von den Hexenkünsten dieses verachteten und verstoßenen Stammes genug gehört? Sollten alle, alle sich täuschen --— sollte alles — alles Lug und Trug sein? Unmöglich! Freilich sträubte sich seine Intelligenz länge Zeit gegen diesen Wahnglauben, gegen diese hirnverbrannten Ammenmärchen; doch endlich gab er nach und ließ es geschehen, daß diese wahnwitzigen Phantastereien sich als unausrottbare Wahrheiten in seiner Seele festsetzten. Er verfolgte jetzt in Gedanken den ganzen Weg rückwärts, den er mit Rahel gemeinsam gewandelt, und bei jedem Schritt wuchs das Unkraut des Mißtrauens, trat sein Fuß gleichsam in giftige Schlingpflanzen, die ihn umklammerten. Er sann und dachte und forschte und grübelte, bis er wieder dahin gelangte, wo er begonnen. Der Zweifel wollte nicht weichen, und die Unsicherheit drohte seinen Schädel zu sprengen. Was sollte er tun, wie jetzt die Wahrheit herausfinden? -Einen Augenblick gewann sein besseres Selbst die Oberhand, und er wollte offen und ehrlich, Aug' in Aug', mit ihr sprechen; doch bald hatten die nächtlichen Spukgeister sich wieder seiner bemächtigt, und er lachte verzweifelt auf. Sie fragen! — — Sicherlich wird sie leugnen, abstreiten, mit schauspielerischer Leidenschaft widersprechen. Nein, nein! Dabei kann nichts herauskommen; im Gegenteil, sie wird dadurch nur vorsichtiger werden. — — Das beste wird sein, zu warten; dabei aber die Augen offen halten. Erst Muß sie wieder sicher gemacht werden; so schlau kann sie nun doch nicht sein, um sich nicht in einem unbewachten Äugenblick doch noch zu verraten —-dann aber wird er handeln! Dann aber, wehe ihr! Z.V . Und so wartete er geduldig von Tag. zu Tag, bis er endlich gewisse Anzeichen entdeckt zu haben glaubte, daß seine Ausdauer nicht erfolglos bleiben werde. —- (Fortsetzung folgt.) > Literarische Mitteilungen. ---.Hans v Kahlenberg. Ahasvera, Roman. Vita, Deutsches Verlagshaus, Berlin-Charlottenburg. , - , .' Ahäsvera ist kein . weibliches Gegenbild gegen ben ewigen Wanderer: der Roman führt uns nicht.in ,entlegene Zeiten, sondern