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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-12-16 · Heft 50 (16.12.1910) · p. Seite 596

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 50 (16.12.1910)
Date
1910-12-16
Page
Seite 596 (sequence 8)
Language
German
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—- 59$ schreien oder entrüstete Proteste auszüstoßen. Man - kann es begreifen, daß dem - besseren' Teil der Berliner Juden ein Gefühl der Scham überkommen ist, angesichts einer solchen wüsten und verheerenden Agitation.' Auchsonst wohl find bei Gemeindewahlen die Gegner scharf aneinandergeraten, aber sich durch Johlen und Lärmen zur Geltung zu bringen, das war bisher in jüdischen Versammlungen nicht Sitte. Da wußte Man bisher den Anstand zu wahren, und das gereichte uns zur Ehre. Ein Verhalten, wie es die Zionisten an den Tag legten, bei den Liberalen wahrgenommen, würde vielleicht als eine Folge der Assimilation bezeichnet werden; so aber muß es wohl unverfälschte jüdische Eigenart sein. Die Zionisten verstehenes in der Tat, den jüdischen Nationalcharakter immer schärfer? herauszuarbeiten. Und hätte sich diese häßliche und unfeine Agitation nur auf die internen Versammlungen beschränkt, man könnte noch darüber hinwegsehen. Aber selbst der Inseratenteil der großen politischen Tagesblätter wurde dazu benutzt und so die jüdische Schande der'Oeffentlichkeit preisgegeben. Wem ist nicht die Schamröte ins Gesicht gestiegen'beim Lesen der zionistischen Wahlaufrufe. Was aber allen Schmähungen und Verdrehungen die Krone aufsetzte, das war die öffentliche Denunziation, in der die Liberalen bezichtigt wurden, die Taufe und die Mischehe zu begünstigen. Wissen die Zionisten nicht, daß es liberale Juden sind, die an der Spitze aller jener Verbände stehen, welche die Taufe mit allem Nachdruck bekämpfen und bei jeder Gelegenheit gegen den Unfug protestieren, der aus die Charakterlosigkeit eine Prämie setzt?! O, sie wissen es sehr genau. Aber was kommt es ihnen im Wahlkämpfe auf eine Unwahrheit mehr oder weniger an. Dabei täten doch die Zionisten bester zu schweigen, wenn von Taufe und Mischehe die Rede ist. Oder lebt nicht ihr Meister und bedeutendster Führer noch immer in Mischehe? Zählen sie nicht noch immer auch die Getauften zu uns und leisten so der Judenmission Vorschub? Woraus gründen denn die Zionisten überhaupt ihr Recht, als Zionisten Sitz und Stimme in der Gemeindeverwaltung zu erhalten? Dort wird'doch über religiöse Fragen, über Kultusangelegenheiten verhandelt. Die Zionisten wollen doch aber lediglich als politische Partei angesehen werden, und wiederholt haben sie es ausgesprochen, daß sie sich um Fragen der Religion nicht kümmern. Wie könnten sie denn auch sonst die Täuflinge.noch als Juden betrachten! Oder glauben sie etwa, von der Gemeindestube aus besser ihre parteipolitische Agitation betreiben zu können? Dann müßten sie doch wissen, daß das gesetzlich unzulässig ist und von der Behörde gar bald inhibiert werden würde. Und haben sich denn die Männer, deren Wiederwahl von den Zionisten so wütend bekämpft wurde, nicht voll und ganz bewährt? Haben sie wirklich ihre Macht mißbraucht, um die Orthodoxie zu unterdrücken? Sind die religionsgesetzlichen Einrichtungen der Berliner Gemeinde nicht mustergültig? Wo endlich sind die das Judentum in seinem Fundament erschütternden Reformen, welche die Liberalen eingeführt oder in Aussicht genommen haben? Oder droht dem Bestände des Judentums wirklich eine Gefahr, wenn der Liturgie einer Synagoge ein neues deutsches Gebet eingefügt wird? Ist es wirklich so unerhört unjüdisch, wenn die Liberalen den Jndifferentismus bekämpfen und den Gottesdienst in einer der vielen Synagogen so gestalten möchten, daß auch diejenigen, die dem Judentum sich bereits entfremdet haben, Gefallen an ihm finden und aufs neue mit religiösem und jüdischem Sinn erfüllt werden? Doch was fragen die Zionisten viel danach, ob indifferent oder gar getauft! Sie sind und bleiben ja doch alle Juden, und wenn nur erst der Judenstaat in feiner alten Herrlichkeit aufs neue erstrahlen wird, so werden sie schon ckommemvon allen Enden der Erde, Blinde und Lahme?und sich laben an der Segensfülle, die der Zionismus geschaffen hat.. Doch ich sagte, daß die Liberalen selbst die Schuld tragen, wenn die Zionisten, ihnen gefährliche Gegner geworden fin^ und auf ihre Kandidaten eine Stimmenzahl vereinigt haben, die in gar keinem-Verhältnis steht zu.der geringen Zahl ihrer wirklichen Anhänger und Parteigänger. Die Liberalen, zumal in Berlin, haben sich .dem Zionismus gegenüber allezeit schwach gezeigt. Statt ihn offen und mit allem Nachdruck zü bekämpfen, haben sie ihm gegenüber eine Zurückhaltung, an den Tag gelegt, die ganz unangebracht war und sich nun bitter zu rächen beginnt. Die liberale Schwächlichkeit ging ja sogar so weit, Zionisten in die Ausschüsse jener. Verbände, zu berufen-, die den Kampf für ^unsere staatsbürgerliche Gleichberechtigung führen. Ich frage aber: Gehören, hier die An? Hänger einer Partei hinein, die unsere Gleichberechtigung nicht nur nicht wünscht, sondern sie hintertreibt, die aus jeder Zurücks etzung, die wir erfahren. Kapitalfür. ihre Sonderzwecke zu schlagen sucht, die alles daran setzt, daß die deutsche Judenheit nicht erstarke, sondern in ihrer Zerrissenheit, und Zersplitterung erhalten bleibt? Ich brauche ja nur zu erinnern an das Verhalten der Zionisten an läßlich der Beratun g über die neue Organisation der Juden in Preußen hei der letzten Tagung des deutsch-israelitischen Gemeindebundes. Es ist eine traurige Tatsache,. aber sie muß einmal.-offen ausgesprochen. werden: Die Auffassung, der Zionisten . vom Judentum ist so grundverschieden von. der unsrigen, daß eine Verständigung mit ihnen nicht möglich ist. Darum muß alles Paktieren und Zusammenarbeiten mit ihnen endlich aufhören, weil es nur vom Nebel ist. Gerade die liberalen Führer der deutschen Judenheit dürfen dem demagogischen. Treiben der Zionisten nicht mehr länger mit verschränkten Armen zusehen. Sie dürfen die Verteidigung unseres Standpunktes in öffentlichen zionistischen. Versammlungen nicht mehr dem Zufall und ungeschickten Rednern.überlassen, sondern sie müssen selbst hingehen und dort durch das Ansehen ihrer Person und durch die Macht ihres Wortes die zahlreichen Mitläufer des Zionismus wieder zur Besinnung bringen. Die Auseinandersetzung mit den Zionisten, wenn der Wahlkampf tobt, wird leichter sein, sobald ihnen bereits in der Friedenszeit der Boden zur Agitation entzogen worden ist. . Das Anwachsen der zionistischen Stimmen bei dm Berliner Repräsentantenwahlen ist eine ernste Mahnung, dem offenen Kampf gegen den Zionismus, den man bisher aus irgendwelchen Opportunitätsgründen gescheut, nicht länger auszuweichen. Denn es ist eine arge Selbsttäuschung, wenn man einen Unter-, schied macht zwischen deutschen und nichtdeutfchen Zionisten. Einen solchen Unterschied gibt es in Wirklichkeit nicht. Ein zielbewußter Zionist, ob hier oder anderwärts, steht auf anderem nationalen Boden und sondert sich von der Volksgemeinschaft ab, in deren Mitte er lebt. Wer nur - das jüdische Selbstbewußtsein heben und den östlichen Glaübensbrüdern -ein menschenwürdiges Dasein schaffen will, der braucht sich nicht Zionist zu nennen. Das haben die r deutschen Juden bereits gewollt und getan, bevor noch an eine zionistische Bewegung zu denken war, und die Erfolge, die hier zu.verzeichnen stndsind nicht das Werk und das Verdienst der Zionisten, sogernsie huch, den Schein erwecken möchten. Aber gerade darum M es Pflicht des liberalen Judentums, -über die wahren Ziele und Bestrebungen des Zionismus unausgesetzt inweitesten. Kreisers Aufklärung zu. schaffen. . . - . . .. . 7 . r

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