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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-12-16 · Heft 50 (16.12.1910) · p. Seite 595

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 50 (16.12.1910)
Date
1910-12-16
Page
Seite 595 (sequence 7)
Language
German
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Sie berliner NepräkentsntenwAhltn sus der Lernvcht. ' Von Dr^-Silb erftein' Stargard (Pomm.). - ^eit mehr als sonst haben hie Berliner Repräsentanten- .^ Wahlen diesmal auch außerhalb der Reichshauptstadt die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich.gelenkt. War doch die Gruppierung der Parteien, die im Kampfe einander gegenüberstan-en, diesmal wesentlich anders als bisher. Mitden Konservativen -im Bunde waren . die Zionisten auf .dem. Plane exschienem-um.. sich einen Beuteanteil an den Mandaten der Liberalen zu holen. Aber .mehr noch als um die Mandate war es den Zionisten um eine Kraftprobe zu tun. Sie wollten den Beweis, ihrer Macht erbringen und den unaufhaltsamen Siegeszug ihrer utopistischen Idee aller Welt dartun, Um des Erfolges -auch ganz sicher zu sein, suchten sie sich der konservativen Krücken zu bedienen und entfalteten eine Agitation, die durch ihre Leidenschaftlichkeit und Demagogie einzig dasteht in der Geschichte aller religiösenParteikämpfe, unddie den Wahlkampf so würdelos gestaltete, haß das Ansehen der gesamten deutschen Judenheit schweren Schaden genommen hat. Nun denn, die Machtprobe ist kläglich gescheitert. Trotz aller ihrer Anstrengungen sind die strengen Zionswächter unterlegen und müssen es dulden, daß -die bösen Liberalen auch fernerhin ihren zerstörenden Einfluß in der Gemeindestube/ geltend machen. . Aber so berechtigt die Siegesfreude der Liberalen auch ist,, es gilt, sich nicht bloß des errungenen Sieges, zu freuen und in ihm eine Genugtuung zu erblicken für alle erfahrenen Kränkungen und Verunglimpfungen, es gilt vor allemaus diesem Wahlkampfe sich die Lehren zu ziehen und. zu beherzigen. Eine erfreuliche Tatsache ist bei diesem Wahlkämpf in die Erscheinung getreten. Die sogenannte Schinkenorthodoxie hat abgewirtschaftet. Sie kommt als Gegnerin des liberalen Gedankens und des religiösen Fortschritts nicht mehr ernstlich in Betracht. Denn nach dem Wahlergebnis zu urteilen, ist die Zahl ihrer Getreuen aus etliche Hundert zusammengeschmolzen. - Die anderen sind in das Lager der Zionisten übergegangen. Wie konnte es auch anders kommen? Wer auf eigenes Denken nicht verzichten will, der muß doch zu der Erkenntnis gelangendaß eine Richtung, welche den Stempel der Unwahrhaftigkeit und Heuchelei an der Stirn trägt, keine Berechtigung im Judentums hat, daß Männer, die selbst den Sabbat - entweihen und das Speisegesetz mißachten und Möglicherweise sich dessen noch offen rühmen, nicht befugt, sind, sich <alA die Fürsprecher des orthodoxen Judentums aufzuspielen und dir Sorge für die Erhaltung der alten Formen änderen ans.Herz zu legen. Es kann doch eben ehrlicherweise ein ' jeder nur für b a s Judentum eintreten, welches er selbst betätigt. > Von anderen eine Frömmigkeit' zu verlangen, die man selbst nicht übt, über die man sich: aus Gründen der Bequemlichkeit oder deslogischen Denkenshinwegsetzen zu können glaubt^ 'das ist ein unlösbarer Widerspruch.' Oder gar die religiöse^ Entwicklung nur unterbinden und hemmen zu wollendamilles^ja'- nichtscheineals meistere das Leben die Religiön-das heißt Mchtsanderesals es ruhig mitänfehen, wie r das Leben f. erbarmungslos . hinwegschreitet über die' Religion und sich nicht weiter darum kümmertwas aus ihr wird: - Treffmd'ist die Frivolität -dieser Retter des Judentums in -einetns Stimmungsbilds des ^Israelitischen Familienblatts (si Nr.'-48) 'illustriert. Danach sollen sie-, nach seiner stürmisch? verlaufenen Wahlversammlungen der sie sich selbstverständlich mit aller Kraft und mit dIrnWrnstton der Ueberzeugung gegen alle Reformen ausgesprochen hatten,-von den Liberalen in einem Lokale bejm Verzehren von Butterbrot mit Schinken überrascht worden...Jein..—, J2Bal)rtidö^ ift. der ehrlichen Orthodoxie, der niemand die Berechtigung bestreitet, weil Wort und Tat bei ihr im Einklang stehen, nur dringend zu raten, .sich von - diesen, ihren scheinkonservativen .Freunden endlich koszusagenstatt- Schulter an Schulter/mit ihnen im blinden Fanatismus die Liberalen zu bekämpfen.- Sie setzt sich sonst der Gefahr aus, mit diesen ihren Freunden verwechselt zu werden, und sie . darf sich-schließlich'.nicht wundern, wenn auch sie nicht mehr ernst genommen wird. - In der Tat, wenn man erwägt, was diese Scheinkonservativen alles aufgeboten haben, um ihrer schlechten Sache zum Siege zu verhelfen, so ist ihre Niederlage nur noch um so ausfälliger: Sie halten nicht nur. die alten verrosteten Waffen aus ihrer' konservativen Rumpelkammer hervorgesucht, nicht nur mit den schändlichsten Schmähungen und gröbsten Unwahrheiten um sich geworfen, -sondern sie suchten sich auch im. Gegensatzzu den Radikalen, als die einzig und wahrhaft Liberalen auszugeben, die alle Richtungen und Parteien in der Gemeindeverwaltung vertreten wissen wollen. Aber die Wähler glaubten? ihnen dieses Mal nicht. Estrat ja auch dieses Mal zu offenkundig zutage, daß dieses Paritätsprinzip, gegen das an sich nichts einzuwenden wäreimmer nur dann betont wird, wenn es sich um eine Ergänzung der liberalen Gruppeder Repräsentanten Han Steht hingegen die konservative Gruppe zur Wiederwahl, dann hört man von diesem Paritätsprinzip nichts- -dann schließt-man mit den-verlästerten und ketzerischen Liberalen ein Kömpromis; auf dem Status quo. Dazu kömmt noch, daß man offenbar bei der neugegründeten „Freien jüdischen Vereinigung" Wahlhilfe gesucht und auch gefunden hat. Öder sollte es in der Tat nichts weiter, als ein reiner Zufall gewesen sein, daß die Vereinigung unmittelbar vor den Wahlen eine große Propagandaversammlung abhielt, in der ihre größte Leuchte, ihr Licht leuchten ließ, um den Liberalen das Lebenslicht auszublaseN? — Nach dem ganzen Verlauf dieser Versammlung muß man diesem Zufall recht skeptisch gegenüberstehen. Wahrlich, das Geschrei von konservativer Seite hätte man hören sollen, wenn ein liberaler Rabbiner es für schicklich gefunden haben würde, in einer fremden Gemeinde mitten in der Wahlbewegung einen öffentlichen Vortrag über Zweck und Ziel des liberalen Judentums zu halten Und dadurch Oel ins Feuer zu gießen!. Aber es war ganz gut so. Das Vorkommnis, das in weiten Kreisen peinliches Aufsehen erregt und Verurteilung gesunden hathat Klarheit geschaffen. Die --Freie jüdische Vereinigungweiß nun hoffentlich, wer und wie groß ihre Gefolgschaft ist, und , welche Werbekraft das Programm besitzt, mit dem sie den religiösen Fortschritt totzuschlagen wähnte. - - Aber hat auch der Liberalismus die Schinkenorthodoxie wegen-ihrer inneren Unwahrhaftigkeit nicht mehr zu fürchtenso ist ihm durch eigene Schuld in dem Zionismus ein'weit gefährlicherer Gegner entstanden: Denn der Zionismus - ist gefährlich, nicht durch die Kraft seiner Ideen, sondern weil' er in der Wähl seiner Mittel vor nichts-zurückschreckt Und in seiner Rücksichtslosigkeit nicht auf den Schaden achtet- -den er durch sein Gebühren der Gesamtheit zufügt. - Diezionistischen Führer haben erkannt, daß, wer die geiftesträgeN- Mässeusür'-sich gewinnen will, die? Leidenschaften -der Massen entfesseln- und daher mit demagogischen-SchlägMorten arbeiten Muß:- JMdeM- - oben erwähnten Stimmungsbilddas aus eigener AnschäuuE gezeichnet Ist-- wird mit offenkundigem' Hinweis aufdie'; Zionisten von einer Gävdö gesprochen, 4M eingedriMist-'chMv Winke ejnes^ Führers K gehorchett:und5uus Befehl Hurva p:

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