Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 50 (16.12.1910)
- Date
- 1910-12-16
- Page
- Seite 594 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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| tzirlch tziMkshkimer.^ inem arbeitsreichen Leben hat der unerbittliche Tod ein rasches Ende gesetzt: Dr. Hirsch Hildesheimer ist am 6. d. M. an einem Herzschlage Plötzlich verschieden! So lautete die erschütternde Kunde, die überall, wohin sie gelangte, in allen Kreisen der deutschen und ausländischen Judenheit, schmerzliches Bedauern und aufrichtige Teilnahme hervorrief. Freilich diejenigen, die dem so jäh Dahingeschiedenen im Leben nahe standen, wußten schon lange, daß seine Tage gezählt seien und waren seit Monaten auf diese Trauerbotschaft vorbereitet; aber auch sie erbebten im Innern des Herzens, als das unabwendbare Schicksal sich erfüllte, die längst gehegte Befürchtung zur traurigen Wirklichkeit wurde, und starr vor Entsetzen rangen sie vergeblich nach einem erlösenden Wort, um den ob des schweren Verlustes sie überwältigenden Schmerz zum Ausdruck zu bringen. Hirsch Hildesheimer! Wer kannte den Träger dieses Namens nicht, und wer, der ihn kannte, liebte ihn nicht? Ja, viele, sehr viele kannten ihn und liebten ihn auch, aber nur wenige wußten, was sie in ihm besaßen, und noch wenigere wissen, was sie in ihm verlieren. Wir besaßen in ihm, der in seiner Lebensführung der streng orthodoxen Richtung angehörte, ein Muster höchster Toleranz und seltener Herzensgüte, und wir verlieren in ihm ein Beispiel rastloser, aufopfernder Tätigkeit für das Wohl der jüdischen Gesamtheit, für deren Rechte, Freiheit und Ehre er bis zu seinem letzten Atemzuge tapfer und mutig gekämpft hat. Wie kaum aus einen anderen der Großen und Bedeutenden, die in letzter Zeit von uns geschieden sind, darf auf ihn das Wort der alten Klage angewendet werden: bbft b$ bfcntiP O, du Liebling Israels! Auf der Höhe Deiner Lebensaufgabe bist Du als Held gefallen. Am 2. Februar 1855 in Eisenstadt in Ungarn, wo sein berühmter Vater Rabbi Israel als Rabbiner wirkte, geboren, kam Hirsch Hildesheimer 1869 mit seinen aus Deutschland stammenden Eltern nach Berlin, besuchte hier bis 1876 das Sophien- Gymnasium und bezog dann die Universität. Er studierte Philologie und Geschichte, stand in engerer Beziehung zu Professor Mommsen, zu dessen Lieblingsschülern er zählte, und promovierte 1879 in Leipzig mit einer Arbeit über Sextus Aurelius Victor zum Doktor der Philosophie. 1880 verheiratete er sich mit einer Tochter des Herrn Sch. Hirsch in Halberstadt, trat dann in das von seinem Vater begründete Rabbiner- Seminar als Dozent ein, und bereitete zugleich viele ausländische Hörer, denen er lateinischen und griechischen Unterricht erteilte, zum Abiturium vor. Kurze Zeit darauf übernahm er die Redaktion der „Jüdischen Presse" und publizierte 1886 sein von der Kritik mit ungeteilter Anerkennung aufgenommenes Buch „Beiträge zur Geographie Palästinas". Das war seine erste und leider auch letzte streng wissenschaftliche Publikation. Die Hochflut des Antisemitismus hat den für die Wissenschaft prädestinierten jungen Gelehrten seiner Lieblingsbeschäftigung entrückt und ihn auf den Kampfplatz gegen Israels Feinde gedrängt. - Nun begann für ihn eine Zeit seelischer Erregung -und aufreibender Arbeit. In vielen Hundertenvon glänzend geschriebenen Aufsätzen widerlegte er die Lügen und Verleumdungen, welche die antisemitische Presse damals unablässig verbreitete, und verwendete zugleich ungeheuer viel Zeit, Mühe und Kräft, um unsere. Glaubensgenoffen zum geschlossenen Kampf gegen den gemeinsamen Feind zu vereinen. Der Prozeß in Neüstettin gab ihm hierzu die erste Anregung, und der darauf folgende in Xanten machte es allen Einsichtigen klar, - daß die von Hildesheimer propagierte Vereinigung zur Abwehr feindlicher Angriffe die allernotwendigste Forderung der Zeit sei. Das war für ihn, dem die Ehre des Gesamtjudentums höher stand als das enge und beengende Programm seiner religiösen Richtung, eine große Genugtuung und zugleich ein Ansporn zur weiteren Arbeit. Was er in jener Zeit auf dein Abwehrgebiete geleistet hat, ist nur den Eingeweihten, zu denen auch der Schreiber dieser Zeilen sich zählen darf, bekannt, und ich glaube auf keinen-Widerspruch zu stoßen, wenn ich sage, daß die meisten großen Organisationen, die wir jetzt besitzen, nicht entstanden wären, wenn nicht zu deren Gründung der Entschlafene direkt oder indirekt den Anstoß gegeben hätte. Sein Lebenswerk aber bildete sein von Erfolg gekrönter Kampf gegen die Gegner der Schechita. Durch die von ihm seit zwei Dezennien verfolgte Sammlung von Gutachten hervorragender Autoritäten zugunsten des rituellen Schächtens hat er ein Werk vollbracht, das auch diejenigen, die seinen religiösen Standpunkt nicht teilen, als ein zeitgemäßes, ja als ein Kiddusch haschem bezeichnen. Hirsch Hildesheimer war aber auch ein Freund der Armen und ein Fürsprecher der Bedrückten. Wo Not und Mangel ihren Einzug hielten, wo Hilfe notwendig und Trost zu spenden war, da erschien Hirsch Hildesheimer wie ein rettender Engel und ruhte nicht eher, bis es ihm gelang, die Tränen zu stillen und die Verzweifelten wieder aufzurichten. Seine aufopfernde Hilfeleistung für die russischen Juden anfangs der achtziger Jahre und 1889 für die Juden in Bagdad, sein eifriges Werben für die Kolonisation Palästinas, sein mannhaftes Eintreten für die Geschädigten in Könitz und später seine Tätigkeit im Hilfsverein der Deutschen Juden sind genügend bekannt und noch in lebendiger Erinnerung der Zeitgenossen. Weniger bekannt dürfte es abex vielen sein, daß auch viele einheimische nichtjüdische Arme in ihm einen treuen Helfer und Fürsprecher verlieren. In Hirsch Hildesheimer waren jüdisches Wissen und klassische Bildung, tiefe Religiosität und modernes Empfinden harmonisch vereint. — Der religiöse Eifer seines frommen gelehrten Vaters und die beispiellose Herzensgüte seiner edelgesinnten Mutter waren die Ideale, die ihn durch das Leben geleitetender unversiegbare Quell, aus dem er Begeisterung, Mut und Kraft geschöpft, um als moderndenkender Mensch und gesetzestreuer Jude zu leben und zu wirken. Der Name H i rsch Hildesheimer wird in der Geschichte der deutschen Juden für ewige Zeiten, fortleben. Ehre seinem Andenken und reicher Trost seinen von der Schwere des Verlustes tiefgebeugten Hinterbliebenen und allen, die um ihn trauern. Albert Katz. Dr Hirsch Hildesheimer.