Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 50 (16.12.1910)
- Date
- 1910-12-16
- Page
- Seite 590 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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mündliche Vorträge Ms.einen seelischen. Senuß bereiten, aber esmängeltunswüchrncht an vouLeerheit.und Lächerlichkeit^, aufgeblasenen Mitläufern, an literarischen Schwätzern-die. die urteilslose . Menge - durch --schöne Phrasen blenden und irreführen,'' so daß wir an das Goetheschx Wort denken müssen: und lehrt man ungestört, ' n ' ■ ' ' 'Wer mag sich mit dem Narren befassen? " Gewöhnlich glaubt der Mensch, wenn er nur Worte hört, Es milfse sich' dabei auch was denken lassen/' ' ' Indessen ist für den Zuhörer das gesprochene Wort, das ebenso' schnell wie. es vernommen) dem Gedächtnis wieder entschwindet, lange nicht so nachteilig, wie für den Leser Gedanken und. Worte schädlich sind, die zu ihm aus gedruckten Büchern reden. „Schlechte Bücher sind," wie: Schopenhauer mit Recht behauptet, „intellektuelles Gift, das uns. in dem Fortspinnen unserer Gedanken hindert und unser Urteilsvermögen trübt." Schlechte Bücher bezeichnet er ferner als „wucherndes Unkraut der Menschheit, welches dem Weizen die Nahrung entzieht, um ihn zu ersticken; sie sind also nicht bloß unnütz,sondern positiv schädlich." - ))) );.): //; \ Israels alte Lehrer waren keine Pessimisten wie her von uns zitierte Philosoph einer war; wir finden auch nirgends, daß sie die aufstrebenden - Geister ihrer Zeit als Schmarotzer oder, als selbstsüchtige Individuen bezeichnet hätten. Das Verhör der Menschen vor dem himmlischen Richter beginnt, nach einem sinnigen Worte'der Alten, mit der Frage, ob sie sich mit der Wissenschaft befaßt, und ob sie aus ihr Kenntnis erworben haben; um andere zu belehren, denn die Wissenschaft ist mit einem großen Ozean zu vergleichen: Wer nicht schwimmen kann, d. h. sich keine Kenntnis aus dem Studium aneignet, um andere.belehren zu können, verschwindet von der Oberfläche. Me .der Talmud berichtet,. wurde die von Gamliel ll. aus Angst und Sorge um die Zukunft -der jüdischen Lehre getroffene Anordnung, den Eintritt ins Lehrhaus nur .solchen - Personen zu. gew ähren,. an deren wissenschaftlicher Qualifikation und lauterer Gesinnung kein Zweifel bestand, aufs schärfste mißbilligt. Trotzdem haben sie: selbst den Chachamim, .Israels berufenen. Wortführern,-die äußerste Vorsicht .beim Sprechen (Abath 1, .11). und in noch gesteigertem Maße das Vücherschreiben einzuschränken, dringend empfohlen. (Ecclesiastes 12, 12; siehe den Kommentar bc§; Abraham ibn Esra zur Stellet - , Selbstverständlich liegt. es mir . fern, den Rednern in unseren literarischen Vereinen und den. jüdischen Schriftstellern in ihrem , kraftvollen Htreben, Licht .und Wissen zu verbreiten, irgendwelche unlauteren Motivezuzutrauen. Die Mitwelt flichß dem jüdischen Schriftsteller keine Kränze, das, Judentum hat keine: Aemter. und Würden zu verteilen, wenigstens nicht. - solche,: . die : den jüdischen Schriftsteller in seinembegreiflichen : Hang zur - Unabhängigkeit befriedigen - könnten, und der materielle Gewinn, 'der durch Vorträge und jüdische Schriftstellerei zu erzielen ist, ist so minimal,' daß er selbst ver- - krachte Existenzen nicht besonders ' reizen' dürfte. Wenn aber trotzdem die Zahl' der Redner und Schriftsteller in . unserer Mitte immer mehr zunimmt, jo. ist eine Erklärung dasür ent- - weder in dem 'der Menschlichen. Natur innewohnenden Ver- langen) seine Ideen anderen, mitzuteilen oder , in der. Urteils^ .? losigkeit der großen Masse zu suchen. : In beiden Fällen aber : ist es. kein besonderer Gewinn: für unsere Literatur, -wenn sie durch. Geistesproduktebereichert wird;, die eine unparteiische Kritik imgünstigsten Fülle -als minderwertig bezeichnen müß. Der Idealismus' ist zwar das schönste Merkmal des jüdischen Stammes, und das Wort der)Alten:') )N^2p. „Der Gelehrten Eifer mehrt die' Äiffenschast," Hab auch gegenwärtig. die> ihm innewohnende: Wahrheit nicht.)! eingebüßt. Wenn. aber, der - Jdealismus^in Hchwärmerei artet, und der Gelehrten-Eifer-sein,..Ltzl-ßK.e^.äge^-r^rlLertz,)zuM Gelehrten- Neid wird, so richten sie. nur Verwirrungen uyd; tragen zur Trübung der Wissenschaft bei. ,.Warum wurden: die alten jüdischen Schriftsteller: . genannt?., Weil sie die Worte, bevor, sie sie) niederschrieben, zu.zählen pflegten. In unserem täglichen Hebet bitten wir den lieben Hott um-. Einsicht, „zu lernen und zu:lehren." -Wie das -Wasser, den hohen Stellen .ausweicht und in. die Niederungen fließt^, :sokann die Wissenschaft nur. dann gedeihen, wenn deren Jünger und Träger den. Weg der Bescheidenheit .nicht -verlassen. (Taanith ,7 a). . ..... . . Seitdem die. Jünger Schammais und Hillels, die in den Geist der Lehre nicht genügend eingedrungen warenan Zahl- Zunahmen, nahmen auch die Streitigkeiten in Israel zu- und die eine Lehre nahm die Gestalt zweier an (Sänhedrm 48 b). Ich überlasse es anderen, diese Gedanken - weiter.-zu spinnen und etwaige Vergleiche zwischen -einst und jetzt anzustellen. Für mich wie für alle, die die sich geltend machende literarische Regsamkeit mit wachsamem Interesse verfolgen, ist es zweifellos, daß unsere Literatur in den letzten zwei Dezennien nicht , wesentlich vorwärts gekommen ist. Trotz der nicht zu. leugnenden geistigen Kräfteanspannung weiter Kreise und des eifrigen Wettbewerbes unserer Literaten auf dem Büchermarkt und der Rednertribüne, zehren wir noch immer von den Vorräten, die die Begründer der Wissenschaft des Judentums uns hinterlassen haben. „Es ist doch merkwürdig" — schrieb mir erst kürzlich Professor Strack — „daß eine zusammenfassende Einleitung in das Alte Testament von jüdischer Seite noch immer nicht geschrieben ist. Geigers, Vorträge nehmen immer noch eine beachtenswerte Stelle ein." Ja, es ist nicht allein merkwürdig, sondern im höchsten Grade bedauerlich, wenn auch ganz natürlich. Das literarische Schaffen der deutschen Juden während der letzten Jahrzehnte stand unter dem Zeichen des Kampfes gegen den Antisemitismus. Von einigen wenigen, zum Teil durch den Tod Uns entrissenen Geistesgrößen abgesehen, die unbekümmert um die politischen Kämpfe des Tages ausschließlich der Wissenschaft lebten, hielt sich jeder für berechtigt, ja für verpflichtet, sein Wiffen und Können in den Dienst der Verteidigung des Judentums gegen seine äußeren Feinde zu stellen. Und jeder wurde auch willkommen geheißen, von der bedrängten, nur ihre staatsbürgerlichen Recht e ban gen den urteilslosen Menge als. Helfer in bsx... Not angesehen, und. wenn er über einen einigermaßenguten; deukschen Stil verfügte uud geschicktzu kompilieren verstand, in oston - Tonarten als ein Gelehrter in Israel gepriesen. Ja,: die fluche würdige; antisemitische Bewegung hat nicht bloß unsere besten-l, geistigen Kräfte absorbiert, indem sie ihnen für ernste wissenschaftliche Arbeit Zeit- Sammlung und Muße geraubt, sie hat auch eine ) Literatur im Galopp geschaffendie nur durch den. Lärm dev' Beteiligten, durch ihre und ihrer Freunde „Selbstberäucherüng" ) und Anpreisung itt der jüdischen;wch gai^ besöndW der) Tagespresse, in Vereinen und Logen, die Aufmerksamkeit her,) großen Oeffentlichkeit auf sich , gelenkt')'Hat. ,Jch könnte^eiiH - stattliche Anzahl von den ün letzterer. Zeit erschienenen .Public kationen namhaft machen, die won der jüdischen Preffe wohl A nach ihrem richtigen Wert^ eingeschätzt, vonder TÜgespressev aber als Meisterwerke gepriesen worden-sind? Anderseits sirid) mir unzählige> Schriften 'bekannt- Me i tbotz' ihres gediegenen; I Inhalts wederin der' jüdischen noch Inder nichtjüdischerr) :PreM eine gebührende Würdigung gefünden haben. Frei-., lich kann man dem Schriftsteller ebensowenig wie dem .