Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 50 (16.12.1910)
- Date
- 1910-12-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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°«W Nr. 80 Berlin; 16. Dezember 1910 : Ein unparteiisches Vrgan für alles jüdische Interesse Diese „Zeitung . erscheint wöchentlich. ^Äbonnements-Preis: durch-den Büch? oder die Post (in Berlin und vor- ' orten durch unsere Vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson Unter Leitung des' Geheimen Regierungr-Ratr Professor Dn Ludwig Seiger Verlag: nuäolk ülosse, verUn» Jerusalemer Strasse 46/49 Alle Zusendungen für Redaktion - und., Expedition sind an die Adresse: Verlag der „AUgein. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalenier Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf rNosse, Berlin.?lnl^^tl^ Zeitgemäße Betrachtungen. Ban Albert Katz. — Die Woche. — Hirsch Hildesheimer. — § ie Berliner. Nepr.äsentanten-Wahlen aus der Fernsicht. Bon Dr. Silberstein-Stargard (Pommern). Der Einfluß des jüdischen Elements in 'der russischen Literatur. Eine literarhistorische Abhandlung von Ron bin Knopping. ^-Feuilleton: Das Jühengrab in der Steppe. Erzählung von Sam. Tordon. Frei übersetzt von M. Pulvermann. — Literarische Mitleilungen, —Büchereinlauf. — Sprechsaal. . / > Der Gemeindebote,(Beilage zur .Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Hamburg, München, Rosenthal (Regierungsbezirk Kassel), Frankfurt a. M. — Don Pah und Fern. - Tritgemähr Letrschtungrn. ie Juden von heute dürfen sich über Mangel an geistiger Nahrung nicht beklagen: sie wird ihnen in so reichem Ntaße geboten, daß sie sich ernstlich anstrengen müssen, um sie bewältigen, ohne Schaden in sich aufnehmen zu können. .. Fast kein Tag vergeht,der nicht Neuerscheinungen auf dem Gebiete der. jüdischen Literatur mit sich bringt, an dem. nicht.ein bisher. scheinbar verdorrter. Zweig unseres Schrifttums, neue Blüten treibt. - Berufene- und leider auch Unberufene — wetteifern miteinander, um das geistige Erbe des jüdischen. Stammes, das gleich ihm von vielen verkannt und von nur wenigen gekannt wird,, in sein. Recht auf allgemeine Anerkennung einzusetzen, es nach jeder Richtung zu heben,fortzubilden und der Vollendung entgegenzusühreN. .. Aus' her Tiefe! der Erde kommen bisher unbekannte Dokusnente. zum Vorschein, die dem Studium der alten Bibel einen, neuen Reiz Verleihern Verschollen geglaubte Handschriften werden entdeckt, seltene Erzeugnisse aufs neue ediert. Die fünf Büchev Moses., . die Straf- und 'Trostreden der Propheten, die erhebentM Gesänge der Psalmisten werden auf ihre, Authentizität geprüft, kritisch beleuchtet -und!imehr oder minder geistreich interpretiert. Die Lehrer der Mischnah, die Meister der Gemara werden aus. ihrem tausendjährigen Schlummer geweckt, aus ihrer-dunklen, mystischen Gedankenwelt hervorgezaubert unddie Ergebnisse! ihrer Geistesarbeit, ihre Lehren,j Weisheitssprüche, „Sentenzen, Sagen, Parabeln und Legenden, durch Jahrtausende verfolgt, modern geformt' der -gebildeten Menschheit mitgeteilt. Was noch in der Mitte dsss.' verflossenen Jahrhunderts für veraltet und abgetan gehalten - wurde,. gewinnt gegenwärtig! mit jedem. Tage immer mehr an Interesse und Anziehungskraft, so daß viele — ob mit Recht oder. Unrecht, wollen wir jetzt, nicht untersuchen — in•• dem Aufstieg unserer Literatur, die schönsten Hoffnungen für die.-Zukunft.erblicken^../ . Und nichtbloß Indem sind ^es, die an der Hebung der Geistesschätze Israels ihre Kraft erproben! - Auch Nichtjuden nehmen . bewußt und unbewußt regen Anteil -:■ cm . der Renaissance der jüdischen Literatur und wirken vereint mit den „Söhnen des Alten Bundes" für die Vertiefung Und wissenschaftliche Ausgestaltung unseres Schrifttums. Diese literarische Regsamkeit, dieses geistige'Ringen wirken erfrischend, aufrüttelnd und anspornend auf jung und alt, Männer und Frauen, unter denen sich sogar solche befinden, die ihr mühsam erworbenes Wissen kaum verdaut haben, die aber trotzdem mutig und tapfer in die schriftstellerische Arena treten und ziel- und selbstbewußt um den Lorbeer literarischer Unsterblichkeit kämpfen. Und wie schon vor Jahrtausenden unsere Väter neben einer geschriebenen auch einer mündlichen Lehre sich erfreuten, so besitzen auch wir neben der gedruckten noch eine Literatur, die in der florierenden Unterweisung von/Mund zu Mund besteht: in. den vielen Hunderten von Vorträgen, die besonders in den Wintermonaten in den Literaturvereinen, Logen und sonstigen Gesellschaften aus den verschiedensten Zweigen unseres - Schrifttums, nicht selten in, Verbindung mit irgendeinem Thema aus der allgemeinen Literatur, veranstaltet werden. Auch hier ist ein Riesenkampf der Geister wahrzunehmen, ein Ringen, Haschen und Jagen, das Erdachte und Erlernte in gefälliger Form zum Vortrag zu bringen, die verborgensten Schätze unseres Schrifttums den aufmerksam Lauschenden in strahlendem Glanze schillernder Farben zu enthüllen, um so die Flamme der Begeisterung für jüdisches Wissen und. jüdisches Leben immer mehr zw entfachen und zur lodernden Fackel zu gestalten'. Mit jedem Jahre werden uns neue Themata mitgeteilt, erfahren wir von der Existenz neuer Redner, unter denen auch nicht , wenig jugendliche Kräfte, Männer und Frauen, sich befinden, die mit beneidenswertem Mute sogar an die Lösung der schwierigsten Probleme sich heranwagen. Muß man da nicht mit Hutten freudig ausrufen: „Es ist eine Luft zu leben!" Muß man da nicht ganz unwillkürlich an die Worte des Propheten Joel denken: /,Jch gieße aus meinem Geist über alles Fleisch, damit Eure Söhne und Töchter prophetische Reden halten, Eure Alten deutungsvolle Träume und Eure Jünglinge anmutige Gesichte schauen? Leider können wir in der auf dem Gebiete unserer Literatur herrschenden Produktivität einen bedeutsamen Aufschwung unseres Schrifttums, nicht erblicken, und ebensowenig vermögen wir die Regsamkeit der Geister auf. dem Gebiete der' mündlichen Belehrung, die imponierend große Anzahl von Vorträgen, die jahraus,' jahrein in den literarischen Gesell-i schäften gehalten werden, obgleich wir deren Bedeutung nichk unterschätzen, als einen Gewinn. von bleibendem - Wert zu be-7 trachten. Es fehlt uns gottlob nicht an Denkern und; Gelehrten, deren Schriften unsere Literatur bereichern, deren