Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 49 (9.12.1910)
- Date
- 1910-12-09
- Page
- Seite 587 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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- „Weil — — well —Du magst mich auslachen, so viel -Dü; willst — — weil -71 — weil — — ich — — ich — — mich fürchte. Ich habe in den drei letzten Nächten hintereinander. geträumt, baß ich wieder das rote Kleid anhatte und daß Kallasch sich wieder von der Kette losgerissen . . ." Seine Stirn furchte sich. „Träume sind Schäume," sprach er mit einem schwachen Versuch zu scherzen. „Uebrigens ist es eine häßliche Angewohnheit, zu träumen und noch mehr, an Träume zu glauben; und mein Weibchen soll gar keine schlechten Gewohnheiten haben." „Ich: werde nie mehr träumen, Gregor," sprach sie mit der früheren Schüchternheit. Ihr Mann hatte etwas barsch zu ihr gesprochen. War es ihm Peinlich, an den Hund erinnert zu werden, den er auf dem Gewissen hatte? — Draußen wieherten die Pferde und stampften ungeduldig - den hartgefrorenen Boden. ' „Also, bis morgen abend," sprach er jetzt wieder mit der alten Zärtlichkeit, sie zum Abschied umarmend; „und wenn Du ganz artig bist und auf Baby gut auspassest, dann bringe ich Dir.vielleicht auch etwas Schönes mit." „Das beste Geschenk kannst Du mir ja schon hier lasten," lächelte sie unter Tränen. ' „Das soll aber nur eine Abschlagszahlung sein," rief er, sie wieder und wieder herzlich küssend. Lange noch, nachdem das Wagengerassel schon längst verklungen war, saß Rahel noch nachdenkend vor dem lustig prasselnden Feuerihr Kind vor sich im Schoße liegend. Sie dachte daran, wie unendlich glücklich sie doch sei — -. Wie glücklich sie war, konnte sie ja am besten daraus entnehmen, daß sie daran denken konnte, ohne die geringste Beunruhigung zu verspüren. In all den Monaten, seitdem sie den Plan gefaßt, ihren Mann zu ihrem Glauben zu bekehren, -hatte sie kein einziges Unbehagen mehr gefühlt, keinen einzigen Augenblick'der Reue über das, was sie getan ... . Und das ckoNnte als sicherer Beweis gelten, daß Gott ihr vergeben — und dafür wollte sie ihre Dankbarkeit dadurch bekunden, daß -sie ihr gewordenes Glück freudig hinnahm und voll und ganz auskostete. Selbst Marfas feindliche Stimmung, die, wie ■ sie instinktmäßig fühlte, in der letzten Zeit sich vielleicht Noch verschärft hatte, machte ihr nicht die geringste Sorge; im Gegenteil, es war ihr ganz recht so; wenigstens war etwas vorhanden, um den Neid der bösen Geister abzuwenden. — Mochte daher Marfa grollen, so viel sie nur wollte; mochte sie ihre Waffen noch so sehr schärfen — es hatte nichts zu bedeuten — so lange sie damit nur die Luft durchschnitt-. -Das Oeffnen. der Tür unterbrach ihren Gedankengang. Bastian betrat ohne Gruß das Zimmer. -„Die Spinner aus dem Dorfe sind da," verkündete er knurrend, ' „Warum kommen sie denn nicht, wenn mein Mann da ist?" „Sie wußten nicht, daß der Herr verreisen wird. Söll ich sie für ein anderes Mal bestellen?" Rahel war in Verlegenheit. Das Abnehmen des geponnenen Garns, das Abwiegen des neuen Flachses, die Auszahlung des Lohnes, würden mindestens eine Stunde in Anspruch nehmen; das Kind allein lassen, konnte sie nicht, es nach der kalten, zugigen. Ftachsscheune mitnehmen, wollte sie auch nicht. Anderseits wollte sie die armen Leute nicht unverrichteter Sache fortschicken; zumal sie den Lohn sicherlich nötig -brauchten. Außerdem wußte sie auch, welche Freude, es für Gregor, sein würde, wenn sie sich seinen Angelegenheiten widmete und ihn während seiner Abwesenheit, so gutes ging, vertrat. Der letzte Grund war für sie entscheidend. ' „Sage ihnen, sie möchten ein wenig warten — ich komme gleich." . Das Kind war eingeschlasen, sie legte es sorgsam in die Korbwiege, ohne zu bemerken, daß eines der kleinen Schuhchen vom Füßchen sich , abgestreift hatte, und als sie aufstand, unter den Tisch rollte. Noch einmal warf sie einen zärtlichen Blick auf die kleine Schläserin und ging dann zu den Spinnern, die auf sie warteten --. Nach zwei Minuten schlich Marfa in das Zimmer. Grausame Entschlossenheit war auf ihre Stirne eingegraben, bestialische Wut leuchtete aus ihren Augen, und die zurückgezogenen Lippen ließen die zusammengebissenen Zähne sehen. Horchend blieb sie noch einen Augenblick auf der Schwelle stehen. „Ha, Schlange," zischte sie mit teuflischer Rach gier. „Jetzt sollst du mir nicht entgehen — —!" Und kann ich Dich selbst nicht treffen, so soll es Deine Brut büßen- Entschlossen nahm sie einen brennenden Kienspan vom Herd und legte ihn dicht an die Wiege, in welcher das unschuldige Kind so friedlich schlummerte. Sie wartete, bis die Flamme ihre Fangarme nach dem dürren Korbgeflecht ausgestreckt hatte und verschwand dann geräuschlos aus dem Zimmer. Dieses Mal hatte ihre Waffe doch nicht die leere Luft durchschnitten.— Rahel beendete ihre Arbeit in kürzerer Zeit, als sie anfänglich glaubte. Als sie zurückkam, schlug ihr schon im Hausflur ein beißender, stickiger Rauch entgegen, und als sie das Zimmer betrat, und den geschwärzten, halbverkohlten Leichnam ihres Kindes am Boden liegen sah, da erhob sie kein Wehgefchrei, sie rauste nicht ihre Haare, sondern blieb mit weit aufgerissenen Augen wie erstarrt stehen; ihr Blut schien sich in Eiszapfen verwandelt zu haben, und sie war keiner. Bewegung fähig. Wie geistesabwesend öffnete sie endlich das Fenster, um den Rauch abziehen zu lassen, und als ihr leerer Blick den kleinen Kinderschuh traf, der vorhin unter den Tisch gefallen war, da hob sie ihn mechanisch auf, und verbarg ihn unter ihrem Busen. Warum sie es tat, wußte sie selbst nicht — —. (Fortsetzung folgt.) Lüchrreinlsuk. Besprechung der Bücher Vorbehalten. . Zurücksendung der Bücher findet in keinem Falle statt. Max Hochdorf: Die Leiden der Simoni. Berlin (Charlottenburg) Axel Juncker. Geschichte der freien Stadt Frankfurt a. M. (1814—1866) von Richard Schwemer. Im Aufträge der städtischen historischen Kommission. I. Band. Frankfurt a. M., Joseph' Baer & Cie. Die Masai. Ethnographische Monographie eines ostafrikänischen Semitenvolkes. Bon M. Merker. Mit 89 Figuren, 6 Tafeln, 62 Abbildungen und einer Uebersichtskarte. Zweite, verbesserte und vermehrte Auflage. Berlin. Dietrich Reimer (Ernst Bohsen). Studien zur Kritik der Mischna. Zugleich als Vorarbeit zu einer Konkordanz der Mischna. Von Sch. Ochser. (Fortsetzung.) Zeilschrist für Assyriologie und verwandte Gebiete. Bd. XXV, S. 9 ff. Stratzburg, Karl I. Trübner. Une Mission de 1’ÄlIiänce au Yemen par Yomtob Semach. Alliance Israölite Universelle. Paris. Jüdische Reinheitslehre und ihre Beschreibung in den Evangelien von Wilhelm Brandt.' Beihefte zur Zeitschrift für die alttestamentliche Wissenschaft, XIX, Gießen, Alfred Töpelmann. Jud und Christ, Christ und Jud, ein poetisches Flugblatt von Heinrich Lautensack. Berlin, A. R. Meyer. 500 numerierte Exemplare. 8 S. < Congregation Rodepln Shalom. Annual number XVIII; Philadelphia 5671, *1910/11.' 60 8. ' ' - : - :