Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-12-09 · Heft 49 (9.12.1910) · p. Seite 586

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 49 (9.12.1910)
Date
1910-12-09
Page
Seite 586 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228907-3228957--67042-3279211
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Was bei anderen Frauen einenWonnenschauer erregt, das wurde ihr zur- Seelenqual — — denn nicht nur bedeutete dieses einen Aufschub ihres Vorhabens, sondern es stiegen auch noch Zweifel in ihr auf/ob Gregors freidenkende Nachsicht, die er ihr gezeigt, sich' auch aufsein eigenes Fleisch und Blut erstrecken, ob seine Liebe ln ihr stark genug sein würde, all die religiösen Empfindungen,/ die er gleichsam mit der Muttermilch eingesogen und die sich durch, alle Scheingründe der Welt nicht ausrotten; ließen, bei seinem Kinde von vornherein für überflüßig zu halten./ Sie brauchte sich ja nur ihren eigenen Abscheu, zu vergegenwärtigen, den sie beim Gedanken empfand, durch ihr Kind Pie Zahl derer zu vermehren, die ihrem Volke fluchen. Um auch bei ihm den Widerwillen vorauszusetzen, seine Nachkommen dem. verachteten Stamme einverleibt zu sehen. Und 3 wenn es. gar ein Knabe sein sollte! Ihr Herz wurde, schwer, wenn sie Vergleiche anstellte zwischen dem Pomp und Aufwand bei der russischen Taufe eines Erstgeborenen und der für den Laien scheinbar körperlich-schmerzlichen Aufnahme eines jüdischen Knaben in den Bund Abrahams. Sie wußte im voraus, wohin das Vaterherz sich neigen würde. Und wenn ihr Knabe erst im Schoße der Kirche ausgenommen, dann werde Marfa, mit Hilfe des orthodoxen Popen, der ihr, Rahel, ohnedies noch immer ein gewisses Mißtrauen entgegenbrachte, schon Mittel und Wege finden, um ihn dem mütterlichen Einflüsse zu entziehen; zumal auch.Gregor in ihm den Stammhalter, den Erben seines altadligen'Namens sehen werde, den er vielleicht denn doch nicht ohne weiteres der angestammten Scholle, mit all den verbrieften Vorrechten und Privilegien, werde entziehen wollen.; Ein eisiger Schauer überlief ihren Körper, wenn sie daran dachte, daß ihr leibliches Kind als Jüngling und Mann seiner Mutter sich schämen oder gar sie verachten sollte! Ihr einziges, inniges Flehen war daher jetzt, daß es ein Mädchen sein möchte; .denn nicht nur wird bei der untergeordneten Stellung der russischen Fraudie noch lebhaft an die Leibeigenschaft erinnert, die Geburt eines Mädchens weniger freudig begrüßt, sondern es würden bei Gregor viele Schwierigkeiten wegfallen und auch der spätere Uebertritt zum Judentum viel leichter sich gestalten. Und ihr heißes Sehnen ging in Erfüllung --es war ein Mädchen, für das sie darum nicht nur die natürliche Mutterliebe, sondern auch eine gewisse Dankbarkeit empfand, weil sie in dem winzigen Geschöpfchen jetzt schon eine Bundesgenossin erblickte, ihr Vorhaben zu erleichtern. Das einfache Liedchen, das sie eben gesungen, führte ihr wieder das erhoffte trauliche und patriarchalische Familienleben im Farmhause lebhaft vor Augen, und in dieser seligen Erwartung überhäufte sie das kleine Wesen immer wieder mit ihren leidenschaftlichen Küssen. - .Gregor hatte das liebliche Bild von Mutter und Kind eine ganze Weile stillvergnügt angeschaut und sprach jetzt lächelnd: /,Und wann komme ich endlich daran?" „Da hast Du es, Du Neidhammel," scherzte,Rahel, ihm das Kind hinhaltend, „aber nur einen einzigen — — —; sie liebt Deine Küsse? nicht besonders — — tzsie schmecken zu sehr nach dem stachlichen Schnurrbart." „Die Mutter denkt in dieser Hinsicht anders als die Tochter," gab er frohgelaunt zurück. V Das bildest Du Dir uur ein, mein Herr Und Gebieter! Nein, die Mutter denkt auch nicht anders — — — sie handelt nur anders." '. . '„Um so schlimmer für sie, wenn Gedanken und Taten nicht bei ihr überernstimmen." : : Rahel erschrack heftig. Hatte er ihre geheimsten Gedanken erraten) unp sollte es eine verstechte Ablehnung im voraus sein? - Ein Blick, auf sein lächelndes Gesicht jedoch' beruhigte st bald wieder; denn es überzeugte sie, daß er nur, wie immer, gedankenlos, in liebenswürdiger Weise ein verliebtes Wortgeplänkel beabsichtige. Marfa saß inzwischen am entferntesten Ende des Zimmers, scheinbar bei der Unterhaltung gänzlich unbeteiligt. Die Hornbrille auf der gekrümmten Vase gab ihr das Ansehen einer Eule, was durch das hervortretende Kinn noch bedeutend verstärkt wurde/und der verbissene Zug um die dünnen Lippen trug keineswegs zur Erhöhung ihrer Schönheit bei. Als es zur Kuß-Episode kam, da begannen die Stricknadeln in ihrer Hand mächtig zu klirren und zu zittern; sie stand geräuschvoll auf und verließ wortlos das Zimmer. Ein langes Schweigen trat ein. Gregor starrte gedankenvoll in das prasselnde und flackernde offene Kaminfeuer, im stillen sich wundernd, warum sein verstorbener Vater von dem altgewohnten Heizapparat abgewichen war und anstatt des üblichen Kachelofens diesen offenen Kaminherd hatte errichten lassen. . . Zufällig streifte sein Blick die Neben ihm sitzende Rahel, und ihm kam unwillkürlich der Gedanke, daß ja auch er von der alten Tradition abgewichen war. — — — Hoffentlich hatte er auch das Glück von seinem Vater ererbt, der ja nie Ursache hatte, sein neues Experiment zu bereuen. — —- Nun bis jetzt hatte auch er noch keine Ursache gehabt! Rahels Gedanken wiederum waren inzwischen mit Marfa beschäftigt. „Deine Mutter will mir immer noch nicht ihr Herz zuwenden," war das Resultat ihres Nachdenkens, das sie jetzt leise aussprach. Gregor antwortete nicht; hätte er' es getan, so hätte er eigentlich vorher erst fragen müssen, ob feine Mutter überhaupt ein Herz besaß. „Ein einziges Mal nur," fuhr Rahel sinnend fort — „war sie freundlich zu mir — an dem Tage, als sie mir das rote Kleid gab. — Aber Du hattest damals so laut und barsch zu ihr gesprochen, daß sie sicherlich nur darum wieder so kalt und unfreundlich zu mir geworden ist;-." „Ich weiß es nicht — — ich habe, sie nicht danach gefragt — —" war seine kurze. Antwort. m „Ich tat es einmal — —; doch ihre Antwort war derartig, daß ich es seitdem nie wieder gewagt habe." „Ich höre Theodor Vorfahren," unterbrach er sie,, schnell sich erhebend und froh, diese Unterhaltung abbrechen zu können. . / -, „Mußt Du durchaus heute fahren/Gregor?" fragte sie schüchtern. „Ja, Kind. Ich habe die Reise aufgeschoben, so lange es nur irgend ging, aber'mit jedem Tage, den ich noch länger zögere, sinkt der Preis für die Schaffelle immer mehr, und warte ich noch eine Woche, dann muß ich sie umsonst weggeben, um sie nur los zu werden." „Ja, Du hast recht," seufzte sie hörbar; „natürlich mußt Du fahren." „Siehst Du, Olga," beschäftigte sie sich wieder mit dem Kinde, „Väterchen muß jetzt von dem schönen warmen Ofen Weggehen in den kalten, häßlichen Schnee draußen und läßt Mama und Kindchen allein zurück. Aber, nicht wahr, es schadet nicht; Mama wird Olga hübsche Geschichten erzählen, und da wird die Zeit schnell vergehen..— — Doch immer noch nicht/schnell genug für die Mama," rief sie wieder aus- : geregt, Gregor ängstlich ansehend. „Ja, tue es, Gregor, denn . . ." sie brach plötzlich üb. „Nun?"

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.