Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 49 (9.12.1910)
- Date
- 1910-12-09
- Page
- Seite 584 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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jedoch im rechten Oberschenkel, er sah einen Blutstrom fließen und sank bewußtlos nieder; wie lange seine Bewußtlosigkeit dauerte, weiß er selbst nicht anzugeben, sie mag wohl eine Stunde, vielleicht aber auch weniger angehalten haben; Als ex wieder erwachte, war bereits der Rückzug angetreten und das Feuer eingestellt, er sand sich vereinsamt, umgeben bloß von zahlreichen Toten und Verwundeten, deren Stöhnen und Jammern sein Herz erschütterten, dabei quälte ihn der Schmerz im Beine entsetzlich, alle seine Versuche, sich Buszurichten, waren vergeblich, das rechte Bein war durchschossen und konnte den Körper nicht tragen; infolge des Blutverlustes befiel ihn eine allgemeine Schwäche und machte seine Lage zu einer furchtbaren. Umgeben von toten und sterbenden Menschen dachte er an seinen trostlosen Zustand und erflehte Gottes Hilfe; der Gedanke an seine geliebten Eltern und Geschwister, die zu Hause um ihn bangten und täglich Nachrichten von ihm erwarteten, die er verlassen hatte, um zur Ehre seines Volkes, für die Unabhängigkeit des Vaterlandes in den Krieg zu ziehen, die Sehnsucht nach diesen Teuern und die Hoffnung, sie wiederzusehen, beseelten ihn derart, daß er mit Aufwendung seiner schwachen Kräfte nochmals den Versuch wagte, unter allen Umständen das grauenvolle Leichenfeld zu verlassen und sich womöglich in Sicherheit zu bringen. Vereinzelte feindliche Kugeln spornten ihn zu großer 'Vorsicht an, die Gefahr, in Feindeshand zu geraten und von den Türken, wie es schon oft vorkam, verstümmelt zu werden, gab ihm die Kraft, sich aufzuraffen, und so schob er sich und zum Teile hinkte er unter unsäglichen Schmerzen etwa 150 Meter weit, bis er zum Glück auf rumänische Sanitätssoldaten stieß und gerettet war. Die zu Beginn des Feldzuges von der „Loge Zion"*) errichtete und dem Roten Kreuz angegliederte Ambulanz, welche im Unabhängigkeitskriege auf den Schlachtfeldern in Bulgarien freiwilligen Samariterdienft versah und sich um den rumänischen Staat hervorragende, unvergängliche Verdienste erworben hat, nahm den schwer verwundeten Brociner auf. Der Chefarzt Dr. Cociu, ein Glaubensgenosse des Offiziers, untersuchte die Wunden und fand, daß der Oberarm von einem Streifschuß verletzt, weiter keinen Schaden erlitten hatte, dagegen war die Wunde am rechten Oberschenkel schwer, die feindliche Kugel hatte diesen durchbohrt, glücklicherweise jedoch, ohne den Knochen zu verletzen; es bedurfte aufmerksamer Behandlung und sorgfältiger Pflege, um Komplikationen zu verhüten, welche für den jungen Krieger verhängnisvoll werden konnten. In nicht genug anzuerkennender Weise bemühte sich das gesamte Sanitätspersonal um den Verwundeten, alle wetteiferten in der sorgsamen Pflege ihres verwundeten Glaubensgenossen, der in so ruhmvoller Weise für das teure Vaterland gekämpft. Nach zwei Tagen ließ das heftige Wundfieber etwas nach, und Brociner war so weit gekräftigt, daß er ins Lazarett nach Turnu-Mägurele überführt werden konnte, welches von Damen der vornehmsten rumänischen Gesellschaft geleitet wurde; hier machte die Heilung Broeiners befriedigende Fortschritte, und er konnte endlich seinen besorgten Eltern ein Lebenszeichen von sich geben. In schlichter und dennoch eindrucksvoller Weise schildert Brociner die Ereignisse des Schlachttages. Am nächsten Tage schrieb Brociner seinen Eltern wieder folgendes: „Heute früh habe ich Euer Telegramm erhalten, es ist nicht nötig, daß die Mutter kommen soll da ich nicht gefähr- Ein geheimer jüdischer Orden, der nationale und kulturelle Tendenzen verfolgt. lich krank bin. Sobald ich das Glück haben werde mich in Eurer Mitte zu befinden, werde ich Euch erzählen, wie vielen Gefahren ich entronnen bin. Seid also ohne Sorge, wir haben hier gute Aerzte und eine sorgfältige Pflege; bitte meine schlechte Schrift zu entschuldigen, ich schreibe diese Zeilen eben im Bette liegend.) Ich glaube, daß morgen Jomkipur ist, aus welchem Anlaß ich Euch herzlich beglückwünsche, usw." Auf eine Anfrage des besorgten Vaters, antwortete Oberst Jpatescu durch folgenden Brief: Plevna, 18. September 1877. Mein Herr! Auf Ihre Zuschrift vom 7. d. M. beeile ich mich zu antworten, um Sie zu beruhigen. Ihr Sohn Mauriciu Brociner ist zum Leutnant ernannt worden und für die gute Aufführung und den Mut, welchen er in der Schlacht vom 12. d. M. bewiesen hat, zur Auszeichnung mit dem Orden „Stern von Rumänien" empfohlen worden, ebenso wurde er zur Einreihung in das 8. Jnfanterie-Regi-. ment des stehenden Heeres vorgeschlagen, in welchem er als Unteroffizier gedient hat. Für den Augenblick befindet sich Ihr Sohn in Turnu-Mägurele in der Ambulanz des Roten Kreuzes, da er an einem Fuße verwundet ist. Nach Aussage der Aerzte und namentlich des Dr. Cociu, Ihres Glaubensgenossen, ist die Wunde eine leichte und gibt zu Besorgnissen keinen Anlaß; in zwei bis drei Wochen wird er hoffentlich in der Lage sein, den Dienst wieder aufzunehmen- Empfangen Sie usw. In der Tat nahm der Heilungsprozeß anscheinend einen günstigen Verlauf, und Brociner gelangte ins Stadium der Rekonvaleszenz, während welcher ihm Brigadekommandant Oberst Jpatescu das ihm vom Fürsten Carol I. verliehene Ritterkreuz des rumänischen Sternordens überbrachte, in überströmender Freude heftete Brociner dieses an seinen Spitalskittel an. Diese hohe Auszeichnung blieb nicht vereinzelt, Brociner erhielt kurze Zeit darauf von russischer Seite den Stanislausorden 3. Klasse mit Schwertern und von Rumänien das goldene Tapferkeitskreuz (Virtutea Militara cl. I), eine Auszeichnung, welche heute nur noch, eine geringe Anzahl von Offizieren besitzt. r Die gesamte Presse Rumäniens schilderte den Tag von Grivita, welcher so viele Opfer an hoffnungsvollen Menschenleben gekostet und der jungen rumänischen Armee großen Ruhm gebracht hat; die Waffentaten Broeiners wurden ausführlich besprochen und seine mutige Haltung allseitig anerkannt. Alexander Beldiman, ein hervorragender Publizist und angesehener Politiker, richtete an den Vater Broeiners einen herzlichen Glückwunsch. Brociner war mittlerweile soweit hergestellt, daß er ins Elternhaus zurückkehren konnte; zu Beginn des Monats Oktober trat er in entsprechender Begleitung die Reise nach Galatz an. In Bukarest, wo ihn seine Mutter erwartete, blieb er einige Tage, um auszuruhen, diesen Umstand benutzten seine zahlreichen Verwandten und Freunde, um ihm einen herzlichen Empfang zu bereiten; es war rührend anzusehen, wie sich diese um ihn bemühten und ihm allerhand Aufmerksamkeiten erwiesen; auf den Schultern hoben ihn die Freunde, da er den rechten Fuß noch nicht gebrauchen konnte, aus dem Waggon und trugen ihn zum bereitstehenden Wagen. In Galatz angelangt, wurde Brociner am Bahnhof in offizieller Weise begrüßt, es erschienen unter anderen Persönlichkeiten der Präfekt von Galatz, der Platzkommandant, der Präsident vom Roten Kreuz, Prinz Moruzzi usw. sowie eine Abordnung der jüdischen Gemeinde, welche ihren Glaubensgenoffen willkommen hieß und zur wackeren Haltung auf dem