Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 49 (9.12.1910)
- Date
- 1910-12-09
- Page
- Seite 581 (sequence 5)
- Language
- German
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—— SSI überlieferten Judentums, der Verein selbständiger Handwerker jüdischen Glaubens, denen sich „noch einige demselben Ziele zustrebende Vereine anschließen wollten". Und gar erst alle die Zionisten Berlins, die den Mund so voll genommen haben? wo ist ihr Gefolge bei der Wahl geblieben? Alle diese sechs Organisationen zusammen haben 3800 Wähler zur Urne gebracht, und jeder dieser Vereine hat demnach nur etwas über 600 Stimmen erhalten. Das ist ein klägliches Resultat! Am allerschlechtesten hat der Zentralverein bei der Wahl abgeschnitten. Es ist augenscheinlich, daß höchstens 500 Wähler die Liste dieses Vereins benutzt haben und das bedeutet die Bankrotterklärung des Zentralvereins. Es hat ihm nicht einmal der Vorspann der fünf liberalen Kandidaten, die gegen ihren Willen und ohne daß sie überhaupt um die Genehmigung gefragt worden sind, auf die Liste des Zentralvereins gesetzt worden sind, — etwas geholfen. Der Zentralverein hat das Schicksal, das ihn betroffen, reichlich verdient. Er ist nach dreijährigem Schlafe mit zwei Flugblättern auf den Plan getreten, die eine Flut von fälschen Verdächtigungen, ungerechten Beschuldigungen über die liberalen ausgoßen — und sie eine „kleine Gruppe reformsüchtiger Männer" nannten. Und ist es nicht der reine Hohn, daß derselbe Zentralverein dann den Wählern vorschlägt, von den ausscheidenden 13 liberalen Repräsentanten 5 wiederzuwählenvon denen 2 der Reformgemeinde angehören! Wo sind auch bei der Wahl die vielen Tausende geblieben, die den Versammlungen des Neuen Jüdischen Gemeindevereins beigewohnt haben, die in ein Wutgeheul ausbrachen, wenn sie das Wort „Radikalismus" hörten und die ein Triumphgeschrei anstimmten, wenn das Wort „Zionismus" ausgesprochen wurde? Es war eben alles Flunkerei, und die Besucher dieser Ver, sammlungen waren zum größten Teil nicht Wähler, sondern nur Neugierige und unreife Jünglinge. Am schlimmsten ging es in den Residenz-Sälen in der Landsberger Straße in eiver von den Liberalen einberufenen Versammlung her. Auch dorthin waren die Zionisten in hellen Haufen gekommen und störten die Verhandlungen in unverantwortlicher Weise. Selbst dem verdienstvollen Vorsitzenden des Liberalen Vereins — Herrn Justizrat Plonsker — gelang es nur mit großer Mühe, sich Gehör zu verschaffen. — Und als gar der Zionistenführer einen Vertrauensmann des Liberalen Vereins „Ehrabschneider" nannte, erreichte der Tumult eine unbeschreibliche Ausdehnung. Nur mühsam gelang es, ein Handgemenge zu vermeiden, — und infolge dieser Vorkommnisse beschlossen die Liberalen, die Versammlungen der Gegner nicht mehr zu besuchen und zu ihrer eigenen Versammlung nur ihre Parteifreunde zuzulassen. So haben sie es bewirkt, daß die letzte Versammlung der Liberalen einen überaus würdigen Verlauf nahm. Der Festsaal in der Loge, Joachimsthaler Straße, war bis auf den letzten Platz gefüllt, und Herr Justizrat Bernhard Breslauer, der Vorsitzende der Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland, verstand es durch seine Meisterhafte Rede, die Anwesenden zu begeistern. Sein Glaubensbekenntnis eines liberalen Juden löste einen Sturm detz Beifalls bei den andächtig Lauschenden aus und verdient die weiteste Verbreitung. Von den Kandidaten sprachen Direktor Minden, Professor Blaschke, Professor Türk, Benas Levy und Siegfried Sachs sowie der Vorsitzende, Herr Justizrat Plonsker. Voller Erwartung sah man dem Wahltage entgegen. An allen 14 Wahllokalen zogen die Zettelverteiler sowie die Vertrauensmänner aller drei Parteien auf. Der Neue jüdische Wahlverein hatte meterlange gelbe Plakate angebrachtaus denen nächst der Aufforderung, nur ih r e n Kandidaten dieu Stimme zu geben, die Namen der von ihm Vorgeschlagenen in großen Lettern prangten. Während der Börsenzeit, von 12 bis 3 Uhr, stand vor der Börse eine Kraftdroschke bereit, in der ein zionistischer Jüngling das eben erwähnte gelbe Plakat als Banner emporhielt und die Börsenbesucher aufforderte, mit ihm zu fahren und Kandidaten des Jüdischen Gemeindevereins zu wählen. — Die Passanten amüsierten sich über das seltene Schauspiel, — aber sie gingen zu Fuß nach den Wahllokalen und wählten die Liberalen. Es ist interessant, einen Blick aus die Zusammenstellung der in den einzelnen Wahllokalen abgegebenen Stimmen zu werfen. Es fällt hierbei sofort in die Augen, daß der Westen, Charlottenburg und Schöneberg, die Hochburgen des Liberalismus sind, denn in der Joachimsthaler Straße erhielten von 17 939 abgegebenen Stimmen die Liberalen 80 Prozent, nämlich 14326, die Gegner 3613. In der Bismarckstraße erhielten von 6177 Stimmen die Liberalen 3924, die Gegner 2259. In der Motzstraße wurden abgegeben 6920 Stimmen, für die Liberalen 80 Prozent --- 5474, für die Gegner 1446 Stimmen, in der Speherer Straße, im ganzen 3627 Stimmen, für die Liberalen 70 Prozent ----- 2492, für die Gegner 1135; Stimmen. In der Potsdamer Straße erhielten von 17 198 Stimmen die Liberalen 80 Prozent ----- 13 568, die Gegner 3630 Stimmen. Der Nordwesten war ebenfalls günstig, von 9414 Stimmen, die am Holsteiner Ufer abgegeben wurden, gehörten 70 Prozent den Liberalen 6530, den Gegnern 2884. In der Lindenstraße erhielten von 16552 Stimmen die Liberalen ebenfalls 70 Prozent, nämlich 11 748, die Gegner 4804. In der Oranienburger Straße wurden 19169 Stimmen abgegeben, davon gehörten 60 Prozent --- 11456 den Liberalen, 7713 den Gegnern. In der Burgstraße fielen von den abgegebenen 20 367 Stimmen 65 Prozent auf die Liberalen 13 544; auf die Gegner 6823 Stimmen. Ferner wurden gezählt: in der Blücherstraße 2643 Stimmen, für die Liberalen 65 Prozent 1781, für die Gegner 862; in der Luckauer Straße 6726 Stimmen, für die Liberalen 60 Prozent---4037, für die Gegner 2689 Stimmen. Nur in drei Bezirken haben die Gegner die Mehrheit er* langt — im Norden, im Osten und in Rixdorf, aber selbst in diesen, den Liberalen stets ungünstigen Gegenden, haben diese es zu einer ansehnlichen Stimmenzahl gebracht. In der Kaiserstraße wurden abgegeben 22 026 Stimmen, für - die Liberalen 9152, für die Gegner 12874; in der Schönhauser Straße im ganzen 14 726 Stimmen/'für die Liberalen 5284; für die Gegner 9442 und schließlich in Rixdorf 1600 Stimmen, für die Liberalen 635, für die Gegner 965. Das Gesamtresultat stellt sich hiernach solgendermaßen. Im ganzen wurden abgegeben 165090 Stimmen und hiervon gehören den Liberalen 103951 Stimmen, den Gegnern 61139 Stimmen. Die Liberalen haben daher mit einer Mehrheit von 42812 Stimmen gesiegt und besitzen nunmehr bis zum Jahre 1914 die 2/g-Majorität. Außerdem gehören alle 10 Stellvertreter ihrer Partei an. Wenn trotzdem die Zionisten diesen glänzenden Sieg einen' „PhrrhM sieg" nennen, so beweist das nur, wie'blind sie die Erbitterung über die erlittene Niederlage gemacht hat. Jetzt aber gestehen sie endlich ein, daß sie den jüdischen Wahlverein für ihre zionistischen Zwecke begründet und geleitet haben, denn alle' die für den Wahlverein abgegebenen Stimmen rechnen sie für die Zionisten und behaupten kühn, „unsere d. h. die zionistische Wählerschaft. hat sich in sechs Jahren verzehnfacht^ und H schließen den Artikel mit der wertvollen Enthüllung: ^Äächdein wir dem Zionismus die Gleichberechtigung neben "den aüdertn