Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 49 (9.12.1910)
- Date
- 1910-12-09
- Page
- Seite 579 (sequence 3)
- Language
- German
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679 konservative Partei Hai sich inihrer großen Mehrheit davon überzeugt, daß sich der antisemitische Passus ihres Programms praktisch nicht mehr rechtfertigen läßt." Da wird der Versuch, die Zeiten der Pickenbach, Ahlwardt, Graf Pückler wieder heraufzubeschwören, kläglich mißlingen. . . Im Gegensätze dazu bringt das Hamburger Fremdenblatt einen Artikel „Der Bankrott des Antisemitismus", der in scharfer Meise die Scheingründe zurückweist, die aus Anlaß der .großen Versammlung in der Philharmonie, die das Thema „Die Zurücksetzung der Juden im Deutschen Heere" behandelte, von einem antisemitischen Blatte, der „Deutschen Tageszeitung", gemacht worden sind. Dort wurden nämlich nur die alten Einwände erhoben, die darin bestanden: die Juden eignen sich nicht zu Vorgesetzten, das Eindringen der Juden in das Offizierkorps würde dessen Geschlossenheit vernichten. D.i^ hauptsächliche Bankrotterklärung sieht das genannte Blatt ebenso wie einige Berliner Zeitungen in einer Zuschrift, die ein höherer Offizier an das. genannte Organ richtete. Ich möchte aber dieses Schreiben, in dem unter anderem ausgeführt wird, daß der Dienst des jüdischen Offiziers an 52 Sonnabenden und an den jüdischen Feiertagen äusfalle usw., nur als einen freilich höchst mißlungenen Scherz ansehen, daraus jedoch nicht weiter auf einen Bankrott schließen, obwohl ich einen solchen von ganzem Herzen Wunsche. Liegt auch augenblicklich keine betrübende Nachricht aus Rußland vor, so weiß-ein Korrespondent aus der Bukowina folgendes zu melden. ',' In keiner Provinz ' Cisleithäniens wird die Ausweisung und Abschaffung angeblich lästiger Ausländer, worunter die hiesigen Behörden fast ausnahmslos nur Juden verstehen) so rücksichtslos betrieben, wie in der Bukowina. Ohne jede Veranlassung und entgegen jeder gesetzlichen Bestimmung, ohne jede Erhebung und Untersuchung'werden Ausländer, und namentlich jüdische Ausländer aus dem Lande äbgeschoben, welche, seit Jahren hier' leben, obgleich sie vollständig unbescholten sind, Vermögen besitzen und einen ehrlichen, erlaubten Erwerb betreiben. Bei den Bezirkshäuptmännschaften des Landes und bei der Polizeidirektion in Czernowitz ist ein gleichlautender amtlicher Stempel für Abschiebungserkenntnisse vorrätig und vervielfältigt, es wird nur einfach die amtliche Zahl und das Datum sowie der Name des Unglücklichen eingesetzt, und die Abschiebung ist von „Gesetzes wegen" erfolgt! Die Begründung ist immer dieselbe stehende, ob sie zutrifft oder nicht, nämlich „Ausweislosigkeit" oder ins Deutsche übertragen, Nichtbesitz eines sogenannten Gouverneurpasses der russischen Staatsbehörden. Dies wäre nach dem österreichischen Gesetze nur dann zulässig, wenn der betreffende Ausgewiesene oder Abgeschobene kein Einkommen besitzt.oder keinen erlaubten Evwerb betreibt. Allein diese gesetzliche Voraussetzung trifft nicht zu,Lnd so müssen diese Abschiebungserkenntniffe als direkt gesetzwidrige bezeichnet werden-. Jedes dagegen ergriffene Rechtsmittel versagt, und es scheint, daß eben diese politischen und-Sicherheitsbehörden bestimmten Weisungen folgen. Man denke, .doch. an das schwere.Unrecht, das.da.begangen.wird, an dengrenzenlosen Jammer, der : in viele Familien getragen wird. Viele hon dieser Abschiebungsmaßregel, Betroffenen wohnen zumeist seit Jahre», in der Bukowina, haben)Oesterreicherinnen geheiratet, sind Familienväter und haben sich hierländs einen ehrlichen Erwerb und eine rechtschaffene Existenz begründet. " Und nun . werden‘ diese Familien, darunter häufig mehrere im zartesten Alter stehende Kinder, erbarmungslos'aus dem Lande gejagt: Von der Gesetzwidrigkeit abgesehen,' bilden diese -zer^ störten Existenzen abschreckende Beispiele rnoderner Nächsten- und Menschenliebe. - Und da vergießen viele 'hochstehende Personen blutige Tränen' über Tierquälerei und.veranstalten Mohltätigkeitsvorstellungen zu verschiedenen Zwecken, während aus der anderen Seite die größte Menschenquälerei betrieben wird! Dagegen erhalten wir aus dem Osten, der uns nicht immer das Heil bringt, aus Rumänien folgende erfreuliche Zuschrift: Der aufopfernden, zielbewußten Arbeit unseres ehrwürdigen Oberrabbiners Dr. Niemirower ist es gelungen, einen großen Erfolg in der Frage des sogenannten Judeneides ,/möre judaico" für die gesamte rumänische Judenheit zu erwirken. Der vereinigte Kasfationshof. die höchste Instanz, hat sich im Prozeß Niemirower nach glänzenden Reden der gewesenen Minister Dissescu und Ariou als Advokaten und des mit ihnen übereinstimmenden Generalstaatsanwaltes Popescu gegen den Eid „mors judaico" ausgesprochen. Sollte es noch nötig sein, so werden die Notabeln und Rabbiner des Landes jetzt eine ministerielle oder legislatorische Verordnung gegen den sogenannten Judeneid hoffentlich erreichen können, nachdem der. 40jährige Kampf durch einen gerechten Sieg beim gesamten obersten Gerichtshof gekrönt wurde. Was tapferen Männern in Focsani Braila usw. lokal, gelang, ist jetzt fürs ganze Land durchgesetzt worden. Dr. Niemirower und die ihn unterstützende „Lnsi-öritd", welche die durch den.Großpräsidenten Dr. A. Stern gesammelten Gutachten in dieser Frage herausgegeben, werden allgemein gefeiert. Man hofft allgemein, bqß die Formen, die ungesetzlicherweise durch eine Verordnung .1844. zur Isx Obröja geworden sind, jetzt gewissermaßen duxch ^die- Iqx Niemirower des hohen Gerichtshofes endgültig ausgehoben wurden. * Wie in Berlin, so haben auch in Wien, und zwar am 27. November Kultuswahlen staltgefunden, über deren Resultat die österreichische Wochenschrift folgendes meldet: . .. Abgegebene Stimmen 4446; davon erhielten: .Die ausgetretenen Vorstandsmitglieder: Dr. Markus Spitzer 3031 Stimmen, kaiserlicher Rat Sigmund. Kaüders 2970 Stimmen, kaiserlicher-Rat Leopold Langer 2864 Stimmen. : - : Neugewählt wurden die Herren: Richard .Bettelheim mit 2876 Stimmen, Dr.; Jakob Engel mit. 2994 Stimmen, Karl rLemberger mit 2867 Stimmen, Architekt Jakob Gärtner mit 2831 Stimmen, Installateur S. Brad mit 2772 Stimmen. Vorstehende acht Herren wurden für eine Mandatsdauer, von sechs Jahren gewählt. Mit vierjähriger Mandatsdauer wurden gewählt die Herren; Dr. Heinrich Schreiber mit 2776 Stimmen, Emanuel Grünwald mit 2351 Stimmen. . .; Mit zweijähriger Mandatsdauer: Herr Dr. Anselm Halpexn mit 2777 Stimmen. . - Die Kandidaten der. Minorität .vereinigten auf sich.-;.zirka 1580 Stimmen. . . . - ..; , . Bei den Kultuswahlen, vor zwei Jahren war die Anzahl der abgegebenen Stimmen 4997. Die offiziellen Kandidaten erhielten zwischen 3187 und 3961. .Die Oppositionskandidaten A. Brecher.1139, Dr. Zipfen 1013. Was die Situation -des Zentralwahlkomitees in diesem: Jahre -ungünstiger gestaltet hat, war zunächst die außergewöhnlich große Zahl von Mandatswerbern. Angemeldet wurden gegen 30 Kandidaturen, zum großen Teil Männer von anerkannter Tüchtigkeit, von bedeutender Intelligenz, in angesehener sozialer Stellung, von welchen überdies jeder einzelne über einen ausgebreitetey Anhang und Freundeskreis zu verfügen, hat. .Da. nur acht Kandidaturen, berücksichtigt werden konnten, so gab es selbstverständlich-viele Verstimmungen mit: allen Konsequenzen. Ueb.erdies wurden ganze Bezirke, welche auch die Nominierung ihres Vertreters zürn Kand? baten mit Recht forderten, in daß Lager der Opposition-gedrängt. So hätte man denn auch im voraus in diesem Jahre mit dem Änschwellen der oppositionellen Stimmen rechnen müssen. Der günstige Ausgang der Mahl war demnach ein offenkundiges Vertrauensvotum für Den Vorstand... . , - : : -