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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-12-09 · Heft 49 (9.12.1910) · p. Seite 578

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 49 (9.12.1910)
Date
1910-12-09
Page
Seite 578 (sequence 2)
Language
German
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gefügiger Troß wußten, daß die Revolution nur eine ganz dünne Oberschicht in Bervegung brachte, daß aber die große Masse innerlich dem neuen Werden verständnislos gegenüberstand. Bis Lief in dem Massiv der Arbeiterschaft war der Absolutismus verankert. Die Grubenarbeiter von Jusowka hatten im Frühling 1905 einen grandiosen Streik siegreich durchgeführt. Im Oktober metzeln sie die jüdischen Jünglinge nieder, die ihnen die Freudenbotschaft des Manifestes bringen und zum Feste der Freiheit laden. Dem Zaren konnte hysterische Verängstigung die Gleichberechtigung der Juden diktieren. Die Bureaukratie-—ihreHelden führen zumeist deutsche Namen!.. hatte eine eiserne Stirn. Die Gleichberechtigung der Juden war für die gesamte Beamtenschaft im Ansiedlungsrayon wirtschaftlicher Ruin. 25 Millionen Rubel zogen sie alljährlich für die milde Handhabung roher Gesetze ein. Das läßt man nicht ohne Kampf fahren. . . — Seit Jahrhunderten strebte die russische Despotie vergeblich nach der Fundierung einer starken Zentralregierung. Es gab einen Alleinherrscher und viele hundert Despoten, die je nach ihrem Interesse mit der Regierung oder mit einer zwar unsichtbaren, aber um so wirksameren Nebenregierung gingen. Die Pogrome waren eine Machtprobe dieser unterirdischen Mächte. An der Spitze der „Regierung" stand der liberal /schillernde Witte. Für das Ausland; für die Finanzwelt. Im Innern herrschte der Terror der Bureaukratie, die ihren Trumpf in der Hand behielt, um ihn zu guter Zeit auszuspielen. Das Manifest war eine Ueberraschung für die Welt. Nicht für sie. Sie waren gerüstet! Durch die Erklärungen der Ministergehilfen Uruffow, des Chefs des Polizeidepartements Lopuchin, vor allem aber durch die Feststellungen der Pogromersorschungskommisston ist zwingend erwiesen, daß alle Vorbereitungen sorgsam getroffen waren. In den Räumen des Polizeidepartements stand eine Druckmaschine, auf der Ermunterungen zu Judenkrawallen gedruckt wurden. Schon zeitig wurden an die Bauern Gewehre, Pistolen, Aexte verteilt. An einzelnen Orten wurden unter der Form von freiwilligen Feuerwehren Pogromtruppen diszipliniert und ausgebildet. Beamte zogen im voraus Schutzgelder ein. Andere waren ehrlich genug, dererlei Geschenke abzulehnen, weil sie nicht stark genug fein würden, „morgen" jüdische Häuser vor der andrängenden Dorfbevölkerung zu schützen. Vieler Orten wurden sämtliche Schutzleute beurlaubt, damit sie nicht bei den Unruhen Schaden litten (man fand sie nachher in bürgerlicher Tracht unter den Plünderern). In die Dörfer gingen Sendboten, die Lügenmären verbreiteten: Die Juden beabsichtigten ein Pogrom auf die Christen! Viele hätten sie schon erschlagen. Zarenbilder hätten sie überall zerrissen, Zarenbildsäulen und Embleme zerstört. Eine südrussische Republik sollte begründet werden, und man wußte schon die Namen der Juden, welche die Zaren werden würden. Je wilder die Lüge, um so williger fand sie Glauben. Väterchen war in Gefahr und die heilige Religion, und außerdem gabs noch etwas zu rauben: mußten da nicht echt russische Herzen zu tatenfreudiger Begeisterung erglühen! Das Manifest der Regierung kam. Die prompte Antwort, welche die Bureaukratie gab, waren die Pogrome. Die Antwort war brutal. Aber überzeugend. Die gesellschaftlichen Erscheinungen der Pogrome, wie sie A. Linden in dem klassischen „Allgemeinen Teil" des 'zitierten Werkes festhält, zeigen, wie richtig die Bureaukratie die Machtbreite der Revolution einschätzte, zeigen die so psychologisch wohl begründete, wie verhängnisvolle Verblendung der Judenheit. Sie gingen lärmend und jubelnd durch die Straßen und sahen nicht, daß sie vereinzelt waren. In Balta verschoß die jüdische Selbstwehr ihre Patronen als Freudenschüsse; und sah nicht. daß sich die Massen schon rotteten, üm in die Häuser der Juden sengend und mordend zu dringen. Aus dem tiefen Rassenantagonismus und den nationalen Gegensätzen hätten auch Ungeübtere leicht Feuer schlagen können.. Und wie leicht waren Kleinbürger zu überzeugen, daß die Gleichberechtigung der Juden sie wirtschaftlich vernichten müßte. So mußte es denn kommen: in der Not der Krawalle standen die Juden allein! .Nur jener wundersame jüdische Typ, der blutend und zerschunden nicht vom Träumen lassen kann, mochte sich trösten mit jenen seltenen Beispielen edler Menschlichkeit. Die anderen sahen — brutal aus süßem Rausche geschreckt — ringsum nur den Haß. Lehrer hetzten die Massen. Advokaten peitschten die Rachsucht. In den Spitälern verweigerten fromme Schwestern die Hilfe. Ein Arzt weigerte sich, die Münden der Juden zu verbinden. Und die das Wort Gottes im Munde führten, Hüter der christlichen Liebe, sahen höhnend, wie Synagogen entweiht, heilige Rollen geschändet, wehrlose Kinder aus den Fenstern geworfen wurden. Die Antwort der Bureaukratie war überzeugend. Und Zar und Regierung ließen sich gern und schnell überzeugen. Nikolaus nahm die Ehrenmitgliedschaft des Verbandes der echtrussischen Leute an und schmückte sich mit ihren Zeichen. Die Mörder, welche die Gerichte verurteilte, wurden nach und nach alle begnadigt. Beamte, die es vor der Oeffentlichkeit gar zu arg getrieben, wurden — nach kürzerer Pause — in höhere Stellungen für intimere Dienste gebracht. Die Finsternis — einst nur, ein natürlicher Zustand in Rußland — ist jetzt gar ein Regierungsprinzip geworden. Von der Freiheit und Gleichheit aber: wer spricht davon, wer kann es wagen, davon zu sprechen. Das war wohl vor fünf Jahren! Aber es ist schon so ewig lange her. Es ist wie ein Märchen. Es war einmal ein Kaiser. .. Theodor Zlocisti. Die Woche. Berlin, den 6. Dezember. ^^^m Lager der Antisemiten wird es wieder rege. Ein \ Artikel der Vossischen Zeitung enthält darüber folgende merkwürdige Betrachtung: Für eine neue allgemeine Judenhetze glauben die Antisemiten die Zeit gekommen. Die „Staatsbürger-Zeitung" veröffentlicht eine lange Zuschrift, in der unter der Ueberschrift: „Juda und Hohen» zollern" die Kaiserdebatte im Reichstag als Beweis für die Richtigkeit der Ansicht hingestellt wird: „Die ganze Judenschaft von Ballin bis Singer betreibt ohne Unterlaß vom rechten bis zum linken Flügel mit klug überdachtem und geheim gehaltenem Feldzugsplan nichts anderes als die „Ersetzung" des Hauses Hohenzollern durch das Haus Jakob." Die Zuschrift schließt mit der Zumutung an den Kaiser, sich an die Spitze einer allgemeinen Judenhetze zu stellen: Möchten die deutschen Fürsten sich warnen lassen! Und möchten sie bedenken, daß in einem offenen, energischen Kampfe gegen. Juda noch das deutsche Volk hinter ihnen stände. — Und sollte es dann nicht gelingen, die alte Verheißung der Juden in Erfüllung gehen zu lassen: „Es wird ein Volk kommen von Norden her, das wie ein Adler flieget, und wird dich zurückbringen aus deinen Schiffen nach Aegypten!?" In dieser Hoffnung beschließen wir unsere Zeilen mit dem Zuruf an den Kaiser: „Schweige und — handle!" Bismarck hat den Antisemitismus als den Sozialismus der dummen Kerle bezeichnet. Caprivi nannte den Antisemitismus „eine Vorfrucht der Sozialdemokratie". Selbst das Hauptorgan'der Konservativen, die „Kreuzzeitung", hat vor kurzem gestanden: „Die

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