Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 49 (9.12.1910)
- Date
- 1910-12-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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W. Jahrgang. vlr.M ttiirWJ- WM: r.1 Berlin, 9. Dezember 1910 o" . Lin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse d-iiL£L >vi^se ::Zeitung erscheint, wöche,ntli-ch.. 'Ndony e ments-pr^ls: t>ürch'deir-Büchhirnbei ^o'er'vie Post' (in'Berlin 'und _Öot> . orten, durch unftre veririebsstellen) bezogen ' ' vieNeljsthi'.ich 3 M. Yegrün-et oott Rabbiner Nr. Ludwig Philippson Unter Leitung des. /' Geheimen RLgierungr-Satr Profehor Dr. Ludwig Geiger Verlag rKuctolk väosse, Verlin, Jerusalemer Strasse 46/49 Alle Zusendungen ' für-Red.iktion ' und .Expedition sind an die Adresse. Verlag der. „AUgerir. Zeitung des Iudentums"> Berlin . 8?^.. Jerusalemer Straße -46^9, zu -rich en. Verlag. uc>» Nudols 2ltosse, Berlin. Pogrome. Von Theodor Zlocisti. —; Die Woche. — IjUlJuU« Nachklänge zu - den epräsentanten-Wahlen. — Selbstver- Mümmeluug. ÄusvAbraham.Geigers greundeskreis/ Professor M. TL. Levy. OberstleükMnt'.'''/Maurkeiü Lrocmer. Von - Adolf Schwarz. — . - Ftzüillvto-n: DasJudengrabMit bfev Steppe. Erzählung von Sam. ^Gordon.- Frev übersetzt von M. PuLvermanü, — Büche re in laus. — Spr.e chsaal. 7—Berichtigung. . Der Gemeindebote (Beilage zur.Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin,. Posen, . Hamburg, Dresden, Frankfurt a. M., Straßburg i. E, Petersburg. — Von Nah und Fern. Hllgramr. .' ‘ " (Schluß.) - in Ijötteften werden die Handwerker geplagt, die im ganzen - LandeMohnrecht hatten. Da werden einfach ganze Kategorien disqualifiziert,. Setzer, Gummischuhflicker, Mechaniker, Fleischer, Klavierstimmer: das heißt, Tausende werden von der Schölle gestoßen. 1886 beginnt dann der Ausschlußvon den meisten Bildungsstätten. Die Augst vor der gesteigerten^ Jutellektualität der Juden gebiert phantastische Abwehrformen. Ein wohlabgestuftes Prozeutverhältnis bei der Aufnahme jüdischer Schüler soll die fremde Nation nicht über den Pegel russischer .Zivilisation steigen lassen. 1891 folgte daun der letzte kräftige Hieb. Ihn führte der Kaiser selbst, der nur Gott die Rechenschaft schuldet: Land und Stadt Moskau sollen von Juden nicht mehr "entweiht werden. Damit find 75 000 Menschen aus ihrer Heimat gerissen! ' 7, Die Lebensmöglichkeiten schrumpfen immer mehr zusammen: der öffentlichst Dienst bis zu den niedrigsten Schreiberstellen:. versperrt; aus der Selbstverwaltung der Städte, auch wo die Juden die Mehrheit sind, . verstoßen; . von den gelehrten Berufen abgeschnitten. Nicht einmal die . Advokatur steht ihnen mehr offen; der Handwerkerstand ent- ' wertet durch die Gehässigkeit der Umvölker außerhalb des Pferches; im Rayon verbittert durch die aufeinandergedrängte . Konkurrenz;■ der Kleinhandel durch tausend . chikanöse Bestimmungen erschwert... Das freie Land schließlich 'auch dem Willen M schöpferischer Arbeit entzogen. Fürwahr: das waren noch die Glücklichen, die das Unglück gewaltsam in die Fremde - jagtel. . v Von 1880 bis- 1905 sind, fünfviertel Millionen Juden aus Rußland gewandert. Jgnatiew hatte ihnen Mt liebenswürdiger Geste den Weg.gewiesen: „Die West- ' grenze steht den Juden offen." Die fünfzehn Jahre administrativen Pogroms schienen zu dem Ziele zu führen, das dem heiligen Bluthunde Pobjedonoszrw. als Lösung der Judensrage I vorgeschwebt hatte : Ein Drittel muß auswandern, ein Drittel muß zugrunde gehen, ein Drittel muß restlos im Russentum. verschwinden."; '; Aber es schien nur so: riß auch (trotz der Ideologie gewisser jüdischerUeberpatrioten, Auswanderung.sei Vaterlandsverrat),' der Zug nach dem Westen immer größere Massen fort, ins Russentüm tauchten nur wstnige Unter. Schwächlinge, Feiglinge, Bequemlinge. Die anderen aber führten ein Leben .in Bitternis und Qual, im Kampfe mit geldgieriger Bureaukratie,. in physischer Not erstickend in der Stickluft des Ghetto, die Arme gefesselt vom Zwang der Gesetze, die Seele Zerwühlt von den andrängenden Kulturen, welche die Geschlossenheit jüdischer Art zu sprengen drohte; ein Leben der Angst vor dem Pogrom, mit dem die Peiniger die Alten folterten für das Freiheitsehnen der Jugend —: mußte dieses Geschlecht nicht auf das Wunder der Erlösung hoffen?! Mußten ihre fiebrigen Sinne selbst in den kleinen Zeichen nicht die. Vorboten der Messiastage sehen? Mußte ihr Jubel nicht bis zum Wahnsinn schwellen, als die grandiose Improvisation des Eisenbahnerstreiks'—nicht nur dem Hof, den Eisenbahnern selber eine Ueberraschung — alle Räder des Staatsbetriebes zum Stehen brachte und das Manifest der Freiheit und Gleichheit dem Zaren entwand? '. Wenn selbst die erschreckte Negierung die Gewalt der 'revolutionierenden Tendenzen überschätzte, wenn sie den harten. Schritt der Arbeiterbataillone hörte; wo nur die Lackschuhe einiger Intellektuellen trippelten, wie konfite da die zerschundene Judenheit die Freude bis zur kritischen Wertung der Dinge kühlen?! In dem Ueberschwang ihrer Seelen sahen die Juden nur den Sieg der Gerechtigkeit. Die Macht der Bedränger, der Peiniger war gebrochen; So mußten die Juden glauben. Aber sie konnten es kaum einen. Tag!. Die Gewißheit, die der Regierung erst die Dumawahlen brachten, hatten die Juden schon am 19. Oktober: Zehn Tage währte das Schlachten. Durch 690 Orte raste der Pogrom 1000 Juden wurden erschlagen. 8000 Juden wurden Krüppel. Werte von 180 Millionen Mark wurden zerstört. 300000. Juden suchten im Auslande Rettung! ... ' •* Schon der , erste Pogrom in Kischinew — 1903 — hatte gezeigt, daß die Regierung gewillt war, die Judenmassakres als ein Gewaltmittel gegen die Revolution zu verwenden. Auch , den russischen Freiheitskämpfern gegenüber wurden die Juden als Geißeln bezeichnet, „Falls eine. Demonstration stattfindet, garantieren wir nicht, daß kein Pogrom stattfindet." Und es war ein Ausspruch Plehwes, der unwidersprochen geblieben ist: „Wir werden die Revolution im Blute der Juden ersticken," Kischinew wär eine glänzend gelungene Probe- Sie gab der Bureaukratie die Gewißheit, daß sie die Massen im Ernstfälle hinter sich Hatte,, und daß die Volkswut sich von der- Gesamtheit leicht, auf die Juden ablenken. ließe. * Möchte die Zentralregierung sich über Hie Stimmung, der Massen täuschen, die Satrapen der einzelnen Gouvernements und ihr