Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 48 (2.12.1910)
- Date
- 1910-12-02
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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74. Jahrgang. Nr. 48 Der Gemeindevote. Berlin, 2. Dezember 1910 Vellage zur „Allgemeinen Leitung deS Judentums". korrrlponden?rn und Mschrichtrn. Deutschland. Berlin, 29. November. Der Verein „M ädchenhaus Pankow" hielt am letzten Sonntag unter zahlreicher Teilnahme seiner Mitglieder, besonders auch der Damen seine diesjährige Generalversammlung ab. Auch die Pfleglinge des Mädchenhauses waren in den Hinteren Räumen des Versammlungssaales im Hause der Präsidentin Frau Landgerichtsrat Löwe, Uhlandstraße 30, fast vollzählig der Einladung gefolgt und wurden während der Tagung mit Chokolade, Kuchen und sonstigen „schönen Dingen" bewirtet, wofür sie sich dann nach Schluß der Sitzung durch einen kleinen dramatischen Vortrag, dessen Motiv dem Milieu ihres zukünftigen Berufes entnommen war. und der mit feinen harmlos heiteren Pointen vielen Beifall fand, recht dankbar erzeigten. Dem der Versammlung unter dem Vorsitze des Herrn Justizrat Makover erstatteten Jahresbericht entnehmen wir, daß die Zahl der Zöglinge zurzeit 40 beträgt, darunter sieben noch schulpflichtige Mädchen. Das Haus ist damit derart stark besetzt, daß für weitere Aufnahmen kein Platz mehr vorhanden ist. Der Bericht erwähnt weiter, daß mau im ver- - stoffenen Jahre die Freude hatte, den achtzigsten Geburtstag der hochverdienten Eönnerin des Hauses, Frau Johanna Levy, zu feiern, anderseits aber auch den schmerzlichen Verlust einer warmen Förderin des Hauses, der Vorsitzenden des Schutzdamenkomitees, Frau Kommerzienrat Eisner, zu beklagen habe, der man ein dankbares Andenken allzeit bewahren werde. Neu eingetreten in das Damenschutzkomitee sind Frau Direktor Mankiewitz und Fräulein Lotte Stiebel. Die Leitung des Hauses ist. wie bisher in den Händen des Ehepaars Stern, und als Handarbeitslehrerin wirkt dortfelbft Fräulein Meyer. — In der Art der Ausbildung der Zöglinge ist nichts geändert worden. Die Mädchen wurden in allen Hauswirtschaftlichen Dienstleistungen unterrichtet, sie niußten ihre Kleidung selbst ansertigen und in Ordnung halten und in geringem Umfange auch für fremde Haushalte waschen und plätten, woraus eine Einnahme von 1183.43 Mark erzielt wurde. Das Ergebnis der Ausbildung war befriedigend. In Dienst getreten sind im letzten Jahre neun Mädchen. Die Zahl der Vereiusmitglieder ist leider etwas zurückgegangen, sie ist von 505 im Vorjahre auf 491 in diesem Jahre zurückgegangen. Von Interesse ist aus dem erstatteten Bericht noch, daß sich die Jahreskosten für den einzelnen Zögling trotz der Verteuerung aller Lebensmittel von 448.69 Mark im Vorjahre auf 443.64 Mark in diesem Jahre zurückgegangeu stad. Allein dieser äst durch andere Faktoren herbeigeführt, denn die Kosten für Lebensmittel beliefen sich im letzten Jahre pro Kopf und Tag auf 54 Pfennig gegen 52.85 im Vorjahre. Der Rechnungsabschluß balanciert in Einnahmen und Ausgaben mit 26 830 86 Mark, das Vermögen des Vereins beläuft sich auf insgesamt 134 963.82 Mark. Bemerkt zu werden verdient, daß auch die jüdische Gemeinde dem Haus eine einmalige Zuwendung von 800 Mark gemacht hat. Die nach Entgegennahme des Jahresberichts vorgenommenen Ergänzungswahlen zum Vorstande ergaben die Wiederwahl der turnusmäßig ausscheidendeu Herren Kommerzienrat Eisner und Bankier Theodor Prncns. Unmittelbar nach der Generalversammlung fand eine Vorstandssitzung statt, in der Frau Hedwig Löwe zur Vorsitzenden, Kommerzienrat Eisner zum stellvertretenden Vorsitzenden, Herr- Direktor Grunwald zum Schriftführer und Direktor Max May zum Kassenwart gewählt wurden. Dann erfolgte nach einer wirkungsvollen warmen Ansprache des Herrn Direktor Grunwald, in der er ebenfalls mit warmen Worten der Frau Kommerzienrat Eisner gedachte, die Prämiierung von elf Mädchen, von denen fünf für dreijährige treue Dienstzeit je 30 Mark, sechs für einjährigen Dienst in derselben Stelle je eine Brosche als Anerkennung erhielten. Zum Schluffe erfolgte dann die schon erwähnte Aufführung einer Küchenlehrszene durch die Zöglinge des Hauses. — Berlin, 29. November. Der bekannte und geschätzte Publizist Dr. Isidor Käst an, beging am 24. d. M. seinen siebzigsten Ge burtstag. Dr. Kastan ist seit etwa vierzig Jahren in Berlin als Schriftsteller und Journalist tätig, und nach und nach hat seine publizistische Wirksamkeit so stark das Uebergewicht gewonnen, daß er, ein hervorragend begabter Arzt, seine medizinische Tätigkeit völlig aufgab, um ganz im Dienste der Presse auszugehen- In politisch bewegten Zeiten bewährte sich Dr. Kastan als ebenso überzeugter, wie unermüdlich eifriger und opferwilliger Anhänger der fortschrittlichen bzw. freisinnigen Partei. Bei der Abwehr der antisemitischen Exzesse stand er kämpfend in vorderster Reihe, und den Führern der liberalen Parteien, denen er nahestand, hat er in treufreundschaftlicher Verbindung wertvolle Dienste geleistet. Man sah ihn vielfach neben Richter, neben Laster und Bamberger bescheiden aber nützlich sich betätigen. In gleicher Weise nimmt er seit einer Reihe von Jahren regen Anteil an den Arbeiten des Vereins für jüdische Geschichie und Literatur, dem er seit der Begründung als treues Mitglied angehört. Vor kurzem ehrte ihn die jüdische Gemeinde dadurch, daß sie ihn in die Kommission der Gemeindebibliothek berief. Die Vielseitigkeit seiner Begabung ist auch den Lesern unseres Blattes, das ihm so manchen wertvollen Beitrag verdankt, nicht unbekannt. Mit allen seinen Freunden vereinigen auch wir uns in dem Wunsche, daß ihm die geistige Frische und eifervolle Liebe für alles Schöne und Wahre noch viele Jahre erhalten bleiben mögen. — lieber die Feier im Hause Dr. Kaftans berichtet das „Berliner Tageblatt": Das trauliche, blumcngeschmückte Heim unseres verehrten Freundes und Mitarbeiters Dr. I. K a st a n sah heute an seinem 70. Geburtstag eine Schar von Gratulanten um den Jubilar versammelt. In aller Frühe erschien eine Deputation der Redaktion des „Berliner Tageblatts", die ihrem langjährigen Kollegen die herzlichsten Glückwünsche übermittelte und ihm ein Oelgemälde überreichte. Der Verleger des „Berliner Tageblatts" sandte eine wertvolle Geburtstagsgabe. Von der großen Freundesschar des Siebzigjährigen gingen hunderte von Telegrammen und zahlreiche kostbare Geschenke und Blumenspenden ein. Gegen mittag erschien eine Abordnung des Vereins Berliner Presse, in deren Auftrag der zweite Vorsitzende, Chefredakteur Karl Vollrath, eine Ansprache hielt, in der er die großen Verdienste Dr. Kaftans würdigte. Im Laufe des Vormittags fanden^sich besonders aus medizinischen und literarischen Kreisen zahlreiche Damen und Herren ein, die dein rüstigen Jubilar ihre Glückwünsche darbrachten. Von den vielen Freunden und Bekannten, die telegraphisch ihre Wünsche darbrachten, seien genannt Julius Nodeuberg, Karl Frenzel, Dr. Paul Goldmann, Albert Traeger, Chefredakteur Wachmann, Geheimer Kommerzienrat Jacob, Freiherr v. Biedermann, Leo Blech, Professor Albert Fraenckel. Max Kretzer hatte folgendes Poem gesandt: Leb so weiter mit Humor, kehr die Jugend stets hervor; glaub es mir, es macht sich, bleibst frisch dann noch mit achtzig! *** Berlin. 29. November. Am 18. d. M. ist in Hamburg Frau Lea Hirsch, eine Tochter des Rabbiners Dr. Israel Hildesheimer seligen Angedenkens, nach kurzer Krankheit, im Alter von 57 Jahren verschieden. Die edle Entschlafene, wegen ihrer vorzüglichen Charaktereigenschaften und außerordentlicher Begabung in weiten Kreisen geschätzt und geachtet, war die Witwe des vor zirka 12 Jahren verstorbenen bekannten Herrn Gustav Hirsch, Besitzers vom Messingwerk. Vor etwa.10 Jahren, als ihre zweite Tochter nach Hamburg heiratete, zog sie auch dorthin, wo sie sich in außergewöhnlicher Weise im Hamburger Vereinsleben betätigte und bald eine anerkannte Führerin auf den verschiedensten Gebieten des sozialen Lebens wurde. So war sie Begründerin und Hauptstütze der Toynbee-Halle, dort „Gesellschaftsheim" genannt; sie war die Leiterin des israelitischen Humanitären Frauenvereins, sie begründete innerhalb der Hamburger Loge einen Schwesterubund, in der Frauengruppe der zionistischen Ortsgruppe nahm sie eine leitende Stellung