Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-12-02 · Heft 48 (2.12.1910) · p. Seite 576

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 48 (2.12.1910)
Date
1910-12-02
Page
Seite 576 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228907-3228956--67025-3279193
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

schließend. Sein Gesicht war kreideweiß und seine Stimme fast heiser, als ob er mit dem Anruf des Hunds die ganze Kraft verbraucht hätte. Unter Tränen und Schluchzen berichtete Nahel, was vor- , gefallen war, und je weiter sie erzählte, desto tiefer sanken seine Augenlider. Er fing an, den Zusammenhang zu ahnen- „Und wenn ich nicht einige Briefschaften vergessen hätte, würde ich Dich bei meiner Rückkehr in zwanzig Stücke zerfleischt gefunden haben," sprach er leise zu sich selbst. „Ja in zwanzig Stücke," wiederholte er gedankenlos, als ob diese Zahl eine besondere Bedeutung hätte. Sein Auge fiel auf den Hund, den er mit eiserner Kraft an der Kette festhielt. Das Tier war wieder ganz ruhig geworden, und ging , den mächtigen Kopf au Gregors Schaftstiefel reibend, zutraulich wie immer nebenher. Doch auch diese Zeichen der Unterwürfigkeit änderten nicht Gregors traurigen, ernsten Blick. „Komm Kallasch," sprach er streng. Mit der rechten Hand stützte er Nahel, die sich immer noch nicht ganz erholt hatte, während er mit der linken den Hund fester am Halsband faßte. Vor Marfas Fenster blieb er stehen. „Drehe Dich nach der anderen Seite," befahl er Nahel. Sie gehorchte schweigend, ohne zu wissen, was cs bedeute, Sie hörte bald einen scharfen Knall, und als sie entsetzt herumfuhr, sah sie Kallasch zuckend am Boden liegen, mit einer blutenden Wunde im Kopfe. „Ach Gregor, warum hast Du es getan?" jammerte sie außer fich. „Hast Du mir nicht selbst erzählt, daß er Dir das Leben gerettet?" „Ja, ich schuldete ihm meines; aber beinah hätte er dafür Deines in Zahlung genommen," antwortete er ruhig, den noch rauchenden Revolver wieder einsteckend. „Jetzt aber sind wir quitt, und ich bin sicher, er wird kein Unheil mehr anrichten." * Etwas Unangenehmes schien sich ihm bemerkbar zu machen; unruhig drehte er sich nach allen Seiten und rieb sich fortwährend die Nase. „Die Lust hier scheint ja ganz verpestet zu sein-. Sollte es vom Hunde herrühren — —,—? Nein, in Deiner Nähe, Nahel, spüre ich etwas am stärksten-." Er hob den Saum ihres Kleides empor und roch daran. Mit funkelnden Augen und knirschenden Zähnen ließ er ihn aber sofort wieder fallen. „Ich dachte bei mir --- —" flüsterte er unhörbar. Er warf einen mitleidigen Blick auf den Hund, und fuhr in seinem Selbstgespräch wehinütig fort: „Du hattest ganz recht, wütend zu werden, wenn man Blut schon dazu verwendet, um einen Weiberrock rot zu färben — — — Und dann sprach er laut, mit weithin vernehmbarer Stimme, als sollten es alle hören: „Rahel, ich werde meine Mutter bitten, Dir in Zukunft keinerlei Geschenke mehr zu machen!" IV. „Schlaf, Kindchen, schlaf. Der Vater hütet die Schaf; Die Mutter hütet die Lämmelein; Schlaf, Kindchen, schlafe ein." So sang Rahel ihrem drei Monate alten Töchterchen, das sie in ihren Armen hin und her schaukelte. Das Kindchen hörte diesen Versuchen aufmerksam zu, die seinen kindlichen Geist wecken sollten, indem es die Augen so weit als möglich öffnete, und als dieses nicht mehr weiter ging, das kleine Mündchen eigenartig verzog, daß es wie ein Lächeln aussah. Rahel faßte es als ein Kompliment ihres schönen Gesanges auf, und um die kleine Schmeichlerin zu belohnen, bedeckte sie sie mit einem Schauer .von Küsten und Preßte, sie mit leidenschaftlicher Liebe an ihre Brust. Seit der Gewißheit der bevorstehenden Mutterschaft war mit. Rahel eine völlige Veränderung vorgegangen. Seit Monaten schon weilte sie als Herrin in diesem Hause in der einsamen Steppe, abgeschieden und vergessen von der ganzen Welt draußen, doch ohne Not, ohne Verfolgung. Trotzdem aber hatte sie sich noch nicht einen Augenblick sicher gefühlt. War es Marfas feindseliges Benehmen, welches, ungeachtet der Scheinheiligkeit und Katzenfreundlichkeit, Nahel förmlich abstieß, oder war cs die ungewohnte, ländliche Umgebung, in die sie sich immer noch nicht hineinfinden konnte-— sie wußte es selbst nicht. Nur das war ihr sonnenklar, daß sie ihr ganzes, langes Leben nicht so, und auch nicht hier verbringen könnte. Anfänglich, in ihrem grenzenlosen Jammer, in ihrer herzbeklemmenden, geistestötenden Verlassenheit, da glaubte sie hier Rettung zu finden, wie ja auch der Ertrinkende nach dem Stacheldraht greifen würde, um sich über Wasser zu halten, bis Hilfe kommt. Sicherlich werde auch ihr Hilfe kommen, um sie aus diesem Zwitterleben zu befreien. Sie hatte bereits einen Plan gefaßt, den sie still, aber fest und zielbewußt verfolgte. Am Gelingen zweifelte sie keinen Augenblick, Gregor liebte sie ja aufrichtig, leidenschaftlich, und würde zu jedem Opfer bereit sein-; er hatte dies ja auch bereits bewiesen, indem er das Geständnis ihrer innern Abneigung gegen die Bräuche seines Glaubens lächelnd hinnahm, und ferner dadurch, daß er, der strengorthodox erzogene Russe, sich sofort einverstanden erklärte, um nur ihre Gewistenspein zu beschwichtigen, die hebräische Trauungssormel zu erlernen und, am Grabe der Mutter, mit vollem Ernst zu sprechen. Gewiß werde er auch noch zu weit größeren Opfern bereit sein-und wenn sie ihn sehr bitte, wenn sie die ganze Macht ihrer Beredsamkeit anwenden, wenn sie ihm mit ihrer vollen Liebe umschmeicheln würde, da würde es ihr.sicherlich gelingen, ihn zum Verlassen der heimatlichen Steppe zu bewegen, und mit ihr weit, weit weg jenseits des Meeres zu ziehen, wo er, als tüchtiger Landwirt, mit Geldmitteln reichlich versehen, gewiß bald eine einträchtliche Farm finden würde, wo sie geachtet und in Frieden leben könnten- Und hat er erst mit der jetzigen Umgebung gebrochen, ist er erst diesen Kreisen entzogen, dann wird er ihr auch den letzten, höchsten Wunsch nicht versagen und — — — sich — — — — zu ihrem Glauben bekehren. Gewisse Andeutungen, die sie, in traulichen Stunden, als Fühlhörner ausgeschickt, hatte er keineswegeZ abfällig ausgenommen — — — —; seine Intelligenz, sein menschenfreundliches Empfinden; hatten zwischen ihm und seinen unkultivierten, haldasiatischen Nachbarn eine breite Kluft gebildet, und sein Sehnen nach Freiheit, nach Betätigung seiner Geisteskräfte, hatten längst seine Unzufriedenheit über die Zustände seines Dorfes und seines Vaterlandes erregt. (Fortsetzung folgt.) Literarische Mitteilungen. — Toynbee, eine soziale Novelle von Fritz G oldschmidt, Selbstverlag des Verfassers. Gedruckt bei N. Giebler, Königshütte, O.-Schl., 40 Pfennig. Eine gut gemeinte Geschichte, die von einem jungen Mann handelt, der seine Menschheit-Veglückungs-Theorien in die Praxis umsetzt, und sich im sittlichen Leben rein und keusch.verhält. Ein anmutiges Bild, nur schade, daß die Mächte der Welt die Dinge im allgemeinen nicht so friedlich und glücklich gestalten. . L. G. Druck und Verlag von Rudols Mosse in Berlin, verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.