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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-12-02 · Heft 48 (2.12.1910) · p. Seite 575

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 48 (2.12.1910)
Date
1910-12-02
Page
Seite 575 (sequence 11)
Language
German
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Tochter, daß sie ja nicht erlaube, dem Offizier ihr näher zu treten. Was ist der Leutnant'für ein Charakter? Ein ungezügelter Burscheder sämtlichen Leidenschaften frönt, und der seine Tage und Nächte in allerhand Tand vergeudet. Und Sarah? Sarah ist ein naives Kind, fern von allen bösen Gedanken. 'Beim ersten Erscheinen beim Leutnant lacht und jubelt sie sie ahnt nichts von den schmutzigen Absichten des Vaterlandsverteidigers. Beim zweiten Erscheinen begreift sie die Absicht des Kornetts, sie weint bitterlich und entläuft. Hirschl erwartet draußen seine Tochter, flattert und bebt am ganzen Leibe; sie fällt ihrem elenden Vater in die Arme, und beide eilen nach Hause. Sarah liebt ihren Vater unendlich, und als sie erfährt, daß er gehängt werden soll, läuft sie ohne Atem zu dem Kornett, daß er ihn rette und fällt besinnungslos zu Boden, als sie erfährt, daß das Todesurteil unabänderlich fei. Hirschl sieht, daß sein Ende gekommen sei, und er schreit: „15 Gulden Lösegeld! 15 Gulden! Rettet! ich bin ein ehrlicher Faktor, ein armer Jude!" Elender Faktor! 15 Gulden! Für einen Heller opfert er sich auf, und jetzt will er seine ganze Habe, 15 Gulden, abgeben. Insgesamt betrachtet, ist die Szene rührend: ein verhungertes Subjekts — die Konfession sei außer Betracht gelassen — will, um sich und seine Familie vom Hunger zu retten, auf irgendeine Weise seinen momentanen Unterhalt erwerben; im Kampfe geht er verloren, seine Familie verdirbt und wird noch von aller Welt beschimpft! Eine Szene, welche jeden unbefangenen Menschen rühren müßte. In Turgenieffs „Schid" kommen das Elend und die Bedrückung der russischen Juden ganz und gar zum Ausdruck. Es soll hier nicht nur die ungünstige materielle, sondern auch die elende moralische Läge der russischen Juden gezeigt werden. Und im letzten Punkte täuschte sich Turgenieff gewaltig. Es ist ihm nicht so gelungen in das Seelenleben eines Juden einzudringen; das Wesen des Juden ist ihm noch ein Geheimnis und ein Rätsel. Der geldsüchtigeHhirschl ist ebensowenig der Wahrheit entsprechend und zutreffend wie die Personifikation des rachesüchtigen Shylocks vom großen englischen Dramaturgen William Shakespeare. Hirschl und Shylock sollen als verdorbene Menschen erscheinen, und sie entpuppensich gar als Märtyrer! Shylock ist ein Märtyrer des venetianischen Rechts und Hirschl — ein Märtyrer der Not. Aber der psychologische Hintergrund ist bei den beiden Typen grundverschieden. Während bei Shylock die Rachsucht der Juden därgestellt werden sollte, tritt hier die moralische Versunkenheit des Hirschl kraß entgegen. Die Rache beweist, daß derjenige, der nach ihr dürstet, noch ein menschliches Fuhlen empfindet; er will für sein Recht eintreten und verlangt Genugtuung. In- Shylock verkörpert sich das lebende Nationalgefühl der mittelalterlichen Juden. Shylock ist der Ausdruck der wissenschaftlichen Juden, der von allen getötet werden will und doch lebt, lebt durch die unerschütterliche Kraft seines Geistes, seiner Wissenschaft und bewährt am besten das 8uw eogitas. Solange eine Nation Rache empfindet, lebt sie noch. Shylock repräsentiert den mittelalterlichen Juden, der aber nicht nur sein Judentum, sondern auch sein Menschentum nicht verloren hat; sein Körper ist noch nicht gänzlich abgestorben, er empfindet noch, daß er lebt. Hirschl aber ist ein verworfener Mensch, ein Faktor, elender Jude,, der aller Schandtaten fähig ist, sein Brot zu erwerben. Shylock hat noch ein moralisches Leiden zu beklagen, wenn böse Christen seine Tochter verführen; Hirschl, der arme, abgelumpte Jude, findet eine eingehende, aufopfernde Liebe in seiner Tochter Sarah. Shylock ist ein reicher Kaufmann und hat mit den Granden von Venedig Verkehr, Hirschl ist ein elendes Wesen, von allen verachtet und verstoßen. Hirschl sucht Geld, Subsistenzmittel, Shylock hat Geld, er sucht geistige Befriedigung, Rache; Hirschl sucht materielles, Shylock geistiges Leben. Hirschl sind alle Gefühle abgestorben: er läßt sich im Hause des Offiziers wie einen Hund behandeln, er denkt nicht an Rache, ihm sind solche Gefühle nicht bekannt; er denkt nur daran, wie er sein Weib und seine Kinder ernähren könnte. (Fortsetzung folgt.) ^ggngLgggg 5^ Das Iudkngrsb in der Steppe. Erzählung von Sam Gordon. Frei übersetzt von M. Pulvermann. VH. ahel hörte, wie Marfa sich am Türschloß zu schaffen machte; 'VV allein die Türe blieb noch immer verschlossen^ — — „Schnell, schnell, um Gotteswillen!" rief Rahel in ihrer Angst. „Oeffne schnell-die Kette kann nicht .mehr lange halten!" Doch die Tür wollte sich immer noch nicht öffnen. „Mutter, öffne!" drängte Rahel. „Mein Gott!! Kallasch hat sich losgeriffen — —." „Jesus, Marie und Josef!" hörte Rahel Marfa im Hausflur stöhnen. „Der Riegel, ist eingeschnappt und hat mir noch die Hand zerquetscht. Lauf nach der Küche! Lauf schnell, oder der Hund zerreißt Dich!" Starr vor Entsetzen, halb gelähmt, blickte Rahel auf das rasende Tier, die halbe Kette am Halse nach sich schleifend, vergeblich bemüht, die Füße aus dem Strohseil zju befreien, das sich immer mehr zu einem unentwirrbaren Knäuel verschlungen hatte. Und das war die einzige Möglichkeit ihrer Rettung; wenn sie nur durch die Seitenpsorte entfliehen und diese hinter sich zuschlagen konnte, so erreicht sie vielleicht noch die Scheune, ehe der Hund Zeit hatte, ihr über die Mauer nachzuspringen. Der Weg zur Küche war ihr ja versperrt. Kaum aber hatte sie die Hälfte der Entfernung zurückgelegt, als sie auch schon das Tier hinter sich herkeüchen hörte. Sie vernahm das Klirren der Kette, das Rascheln des Strohseiles, das er immer noch hinter sich herschleifte. Sie fühlte bereits seinen heißen Atem, den er ausstieß, und sie war einer Ohnmacht nahe. Zugleich aber vernahm sie auch den Hüfschlag eines eilig herannahenden Pferdes; vielleicht war dieses bic Rettung. Mit einer Geschwindigkeit, wie sie nur die. Todesangst eingibt, stürmte sie nach , der Pforte, die sie mit Riesenkraft aufriß, um ins Freie zu gelangen. Doch Kallasch, dessen Füße jetzt frei geworden waren, war flinker als sie. Schon im nächsten Augenblick fühlte sie die haarigen Pfoten auf ihren Schultern und seine feuchte Zunge in ihrem Nacken. Schon glaubte sie sich verloren, als sie in demselben Augenblick eine Donnerstimme hörte: „Kallasch, nieder! Kallasch, hierher!" ' Und nieder gingen die borstigen Pfoten, und winselnd kroch das Tier flach aus der Erde. Schon daraus erkannte Rahel, wer ihr Retter war, obwohl sie in ihrer Angst die Stimme anfänglich nicht erkannt hatte. . „Was geht denn hier vor?" rief Gregor, mit bleichen, verzerrten Zügen zu seiner Frau hintretend und sie in die Prnw

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