Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 48 (2.12.1910)
- Date
- 1910-12-02
- Page
- Seite 574 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3228907-3228956--67023-3279191- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
war die Ueberbrückung von sozialen und vor allen konfessionellen Kontrasten. Schlichtend und aufklärendverständnisinnig und großzügig im frohen Selbstbewußtsein aufrechten Mannesstolzes und großdenkenden Judentums,, trat er, der von Gestalt Kleine, Unansehnliche überall dort ein, wo es galt nicht nur Ansichten und Meinungen, sondern tendenziöse Vorurteile zu überwinden. Von Jacobowskis Romanen sind Werther der Jude und der einige Jahre nach diesem erschienene Loki in erster Reihe zu nennen. Jener als persönliches Bekenntnis, dieser als eigenartiger Versuch, die alte deutsche Götterwelt mit moderner Psychologie zu erfüllen. Zu dem besten, .wertvollstenwas er, der sehr verdienst-' voll und energisch für die Verbreitung. guter Literatur und in den Kampf gegen die Schmutz- und Schundliteratur eintrat, durch die Herausgabe der Zehnpfennigshefte: Neue Lieder fürs Volk veröffentlicht hat, gehören seine Soldatenlieder und der Gedichtband: Leuchtende Tage. Hinter diesen hoch poetischen, in Gedankengang und Ausdruck zum Teil starke Persönlichkeitswerte gebenden Gedichten treten seine Bücherwerke etwas zurück. Den Einakter Arbeit schrieb er uns Aufforderung des Berliner Theaters für einen an dieser Bühne bei Begehung der Jahrhundertswende herausgebrachten Einakterzyklus. Durch und durch aktuell, dem Pulsschlag der Zeit abgelauscht, wurde „Arbeit" mit dem Untertitel Eine Handlung, von Publikum und Presse mit Interesse und Anerkennung ausgenommen. Sie bildete den Schluß der Vorstellung, die mit Ernst Wicherts Festspiel Weimar begann. Das zweite kleine Stück, ein vaterländisches Spiel von Joseph Lauff, war den Befreiungskriegen gewidmet, das dritte, „Sturmglocken" von Georg Engel, dem Jahre 1848 und das vierte, „Wörth" von Georg von Ompteda, dem Kriege 1870 und der Einigung Deutschlands. , Viel zu früh, im 33. Lebensjahre, rief der Tod den auch im persönlichen Verkehr von denen die ihm nahe standen, als treuen zuverlässigen Freund aufrichtig geschätzten Dr. Ludwig Jacobowski gerade in dem Augenblick ab. in dein er einen der schönsten Erfolge seines arbeitsreichen Daseins errungen. Auf dem Krankenlager, wenige Stunden bevor er nach kurzem, schweren Leiden entschlief, ward ihm die Kunde, daß sein letztes Werk, das Schauspiel Glück vom Deutschen Theater angenommen sei. Vorahnend möchte man glauben, dichtete er die Widmungsworte hierzu: „Es war ein Sterben, als ichs lebte! .Es war mir Tröstung als ich schrieb! Wer je in. gleicher Banguis lebte, Der nehm es hin und Hab es lieb." D. S.-L. Der Einfluß öra Milchen Elements in der rnMlchen Literatur. - Eine literarhistorische Abhandlung von Roubin Knopping. _ . II. ' " ' ' eun Jahre nach der Geburt Gogols erblickte I. Si Turgenieff das Licht der Welt. Turgenieff ist eine viel edlere und gebildetere Erscheinung als Gogol. Zu Beginn seiner literarischen Laufbahn hatte Turgenieff noch mit-Sentimentalität und Zynismus, .dem- Gewürze des französischen Romans, zu . kämpfen; doch sollte in ihm der reinste und edelste Naturalismus denSieg.: davontragen. Anfang der sechziger Jahre > blickte Turgenieff auf den französischen Roman und auf dessen! Vertreter Hugo,, Dumas, Balzac recht abhold. Aber nach zehn Jahren, erscheint er in Paris als Freund Flauberts, Daudets, Goneourts, Zolas und Maupassants. Seine einzige Form war der Roman. Und in der Tat bürgerte er in Ruf land den bereits in Frankreich geläuterten Roman, ein. - „Der Roman," sagte er in der Unterhaltung mit den Vertretern des modernen Naturalismus in Paris, „ist die moderne Form der Literatur, und heute," so fuhr er fort, /,wenn der literarische Geschmack , sich zu läutern beginnt, müssen wir die früheren lügenhaften Formenverwerfen und jene Kunst bilden, die man . die Geschichte des Lebens nennen, konnte. ' Turgenieff war durch und durch vom reinsten Naturalismus beseelt; seine Parole war stets:- . . . „Greift nur hinein iws praktische Leben, Ein jeder lebt's —. nicht vielen ist's bekannt, Und wo ihr's packt — dort ist es interessant." Aber in seinen Anfangswerken spiegelt sich noch der Kamps um Freiheit und Wahrheit ab, und er ist nicht immer Meister seiner realistischen Typen. Eine derartig mißlungene Zeichnung ist „Der Schid" (Jude). Im Jahre „1823" lagert russisches Militär bei Danzig. Die höheren Militärs spielen Tag und Nacht Karten. Konrad Nikolai Jljitsch gewann eines Abends viel Geld. Jud Hirschl erfährt, davon, und warum soll solch ein armer, hungernder Jude nicht einige Gulden.von dem so leicht erworbenen Gewinne erzielen wollen? In seiner Eigenschaft als Faktor — das ist nämlich das schändlichste Metier — kaum er-dem Leutnant ein weibliches Wesen verschaffen. Aber wo im Lager ein Weib nehmen? Hirschl fürchtet, Nikolai Jljitsch könnte sein Vermögen bald wieder verlieren und will seinen Plan beschleunigen. Er eilt zum. Leutnant und verspricht ihm ein bildhübsches Mädchen zu bringen. Da er kein weibliches, Wesen findet, so schickt er ihm seine Tochter. Aber kaum nähert sich der sittenlose Offizier der jüdischen Jungfrau — Sarah ist ihr Name — so eilt sie davon, und der Leutnant, bleibt in seiner aufgeregten Leidenschaft sitzen . . . Hirschl wird in seiner Eigenschaft als Faktor mit. einem Briefe geschickt und wird als Spion entdeckt und gehängt. Wie grell, diese Züge auch geschildert sind, so hat auch Turgenieff wie sein Vorgänger Gogol feine und edle Züge des Juden durchschimmern lassen, oder deutlicher gesagt: die edlen Züge eines Juden schimmern durch die grellsten Farben durch. Bei Beurteilung dieser Typen vergesse man ja nicht, daß Gogol wie Türgeniest die niedrigsten Juden wählten: einen Schenker und einen Faktor; zwei Klassen, die der Hefe des Volkes an gehören, und. deren gesellschaftliche Stellung sie aller Schandtaten fähig .macht. Uüd dennoch! dennoch ist der jüdische Schenker und Faktor nicht gänzlich moralisch gesunken, noch nicht so gesunken wie die niedrige Kläffe mächtiger politischer Nationen, die trotz aller ihrer politischen und ökonomischen Macht nicht imstande sind, das moralisch gesunkene Niveau von der Trunksucht und dergleichen Leidenschaften und Uebeltaten zu retten. In der Seele des jüdischen Schenkers leben noch edle Gefühle, Wenn die Not und das Elend ihn zum Faktor herabgesetzt haben, so leuchtet doch . noch in seiner Seele jener Funke, der den Kern des jüdischen . Herzens ausmacht. Hirschl charakterisiert sich allein: „Ich bin ein ehrlicher, Faktor, ein armer Jude." Ja, ein armer Jude, den die . Armut zum elenden Metier eines Faktors herabgesetzt hat; er ist aber „ein ehrlicher Faktor". Wollte Hirschl wirklich seine. Tochter der Schande preisgeben? . .. . Hinter der Tür ' des^ Kornetts steht der arme, aber ehrliche Faktor, droht seiner