Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 48 (2.12.1910)
- Date
- 1910-12-02
- Page
- Seite 573 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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eines ehrlichen Kaufmannes gesehen, muß er in dessen Gründung unlautere Maßnahmen erkennen und kann ihm nicht verzeihen, daß durch diese Spekulation sparsame kleine Leute, die ihm ihr Geld überlassen haben, im Vertrauen auf die Solidität des Unternehmers, ihre Ersparnisse eingebüßt haben. In der Beurteilung der Handlungsweise des alten Wolff stehe ich Persönlich ganz auf dem Standpunkt des Herrn Jakobowski und habe vor Jahren; an dieser Stelle bei der Besprechung des Herzlschen Stückes diese Meinung sehr entschieden ausgesprochen. Ich mußte freilich erleben, daß ein solcher Tadel mir sehr verdacht wurde und von einem der ehrenwertesten Bankiers, die ich je kannte, als unberechtigt erklärt worden ist. Aber wie dem auch sei, mag man das Verfahren des alten Wolff als erlaubten Geschäftskniff oder als unehrliche Handlungsweise charakterisieren — ist dieses Verfahren für Leo wirklich die Ursache eines grimmigen, jede Lebenslust ertötenden Schmerzes? Hat er, der von dem sauer ersparten Geld seines Vaters gut lebt, der sorglos, ohne sich irgendwie zu beeilen, sich mehr seinem Müßiggänge als seiner Beschäftigung hingibt, ein Recht, den Enttäuschten zu spielen? Ist er, der Genußmensch, der in frivolster Weise seine Studienzeit — freilich mit Ausnahme des letzten Semesters, in dem er ein klein wenig Ernst zeigt — mit Sausen und Liebeshändeln verbringt, wirklich ein solcher, der das Zeug zum Reformator in sich hat und der sich daher das Recht anmaßen darf, über Kaufleute, die ihrer Art "von Moral folgen, sich vom erhabenem Standpunkte aus zu entrüsten? Und dann, wenn er nicht als Mensch, sondern als Jude urteilt, was hat er denn schließlich durch sein Judentum gelitten? In der Schule wenig oder nichts, denn er ist von den Lehrern bevorzugt worden und hat unter seinen Mitschülern einen intimen Freund erworben, den nichts ihm zu entreißen vermag. Als Student nicht viel, denn er ist ein vollberechtigtes Mitglied seiner Burschenschaft und erst zuletzt hat er durch einen adligen Fuchs ein paar Anrempelungen zu stehen, die aber von der Mehrheit seiner Verbindungsbrüder getadelt werden. Nahrungssorgen hat er, kraft der durch seinen sorglichen Vater aufgespeicherten Schätze, nicht zu befürchten, und für seine Oberlehrerstelle nach abgelegtem Examen will der gute Direktor sorgen, der den befähigten Jüngling schätzt, wie er den fleißigen Schüler vorgezogen hat. Und was leidet er denn sonst? Ist das wirklich ein, Leiden, daß er manchmal auf der Straße hinter sich den Ausdruck „Judenjunge" hört? Und verdient er nicht wirklich den heftigsten Tadel, den sein Schätzchen Helene ihm berichtet, die Beschimpfungen, die über ihn in ihrem Elternhause fallen? Ja diese würden noch viel ärger sein, wenn die Mutter jenes Mädchens erst die ganze Wahrheit wüßte. Ist denn seine Moral nicht viel brüchiger als die des alten Wolff und dessen Vertrauensmannes, des Vetters Königsberger, freilich eines recht widerwärtigen Gesellen, des bösen Geistes, der den Alten leitet und lenkt? Diese schädigen durch ihre rücksichtslosen Maßnahmen — denn sie selbst haben vor dem Zusammenbruch ihr Schäfchen ins Trockne gebracht — vertrauensselige Christen um ihr Geld; er aber betrügt, weil er nicht aus elementarer, jede Vernunft unterdrückender Leidenschaft, sondern aus ganz gewöhnlicher Sinnlichkeit handelt, ein unschuldiges Mädchen um ihre Ehre. Er sieht nicht, wie das Mädchen es tut, in dieser Liebe sein alles, sondern einzig und allein ein Hinwegtäuschen müßiger Stunden und leerer Abende. Das ist der große Fehler des sehr lesenswerten, ax\ interessanten Einzelheiten reichen Romans, daß die Grundvoraussetzung eine falsche ist. Dieser Leo Wolff, ein Schwäch-. ling, den wir nicht einmal bemitleiden, darf nicht den Anspruch erheben, für uns aufzutreten, denn er besitzt nur unsere Schwächen, nicht aber unsere Vorzüge; wir können ihm nicht das Recht einräumen, den großen Judenschmerz unserer Tage zu verkörpern. Und noch ein anderes: was bestimmt den Tod dieses Schwächlings? Gelegentlich spricht Leo Wolff selbst davon, und der Verlag bezeichnet es in einer dem Buche beigefügten Inhaltsangabe als eigentliche Tendenz des Werkes, das Aufrollen der Frage: „Ist ein restloses Aufgehen jüdischen Wesens in deutschen Geist und deutsche Gesittung möglich?" Mit Verlaub, davon ist in dem Roman gar nichts zu merken. Was der alte Wolff tut, sind Geschäftskniffe, die bei christlichen Gründern genau so Vorkommen wie bei jüdischen. Leo Wolff aber ist in seinem Tun und Treiben einem gewöhnlichen deutschen Studenten vollkommen ebenbürtig. Glücklicherweise ist deutsches Wesen und deutsche Gesittung etwas anderes als Sausen, Fechten, Kollegschwänzen und Schürzenjägerei; das Erlangen wirklich deutschen Wesens ist das Lebensbemühen unseres Helden nicht. Er ist ebensowenig ein Vertreter des Deutschtums, wie er einer des Judentums ist, und mit seinem Untergang wird die Lösung der brennenden Frage mit keinem Schritte gefördert. Ludwig Geiger. Ludwig Jacobowski! Zum 2. Dezember. espenstifch atmet durchs fahle Grau Des Waldes lautloses Schweigen; Nur hin und wieder sich Flocken Blau Am trostlosen Himmel zeigen. Auf dämm'rigen Fluren verschlafen haust Die Nacht und träumt vom Erwachen, Die Maschine saust und das Nad erbraust Durch Felder und sumpfige Lachen. So, Menschenherz, du entgegenbraust Voll Unrast dem Ideale, Bis niederschleudernd des Schicksals Faust Dich kreuzigt am Marterpfahle. Dann schaust du sterbend, wie weltenweit Du fern von dem leuchtenden Ziele, Und atmest müde im Todesleid Der Ewigkeit Morgcukühle. — Tief ernst klingen die Verse, mit denen Ludwig Jacobowski, der in dem Jahrzehnt, das seit seinem frühen Scheiden verflossen, schon säst der Vergessenheit anheimgefallen unter dem Titel: „Im Auge", seine erste Liedersammlung „Funken" einleitete. Und tief ernst, wie der Geist und die Sprache seiner Muse, war auch das Wollen und Streben des von heiligem Poeten - Idealismus erfüllten Kulturkämpfers Jacobowski der in Strelno, einem kleinen, in der Provinz Posen belegenen Orte, im.Jahre 1868 geboren, als Student nach Berlin kam das ihm der einzige und allein richtige Boden für seine fernere Arbeit dünkte. . Es wurde ihm, der das geistig so lebhaft pulsierende Leben der Millionenstadt mit offenem Auge und empfindender Seele erfaßte, auch bald zur zweiten, zur wahren Heimat. Hier empfing er die tiefsten Eindrücke für seine schriftstellerische Tätigkeit, die von dieser Zeit an einen stärken Einschlag sozialen Denkens aufweist. Sein leuchtendes Ziel, dem er sich in den wenigen Jahrendie ihm das Schicksal noch vergönnte, in kraftvollem Ringen und Streben näherte.