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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-12-02 · Heft 48 (2.12.1910) · p. Seite 572

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 48 (2.12.1910)
Date
1910-12-02
Page
Seite 572 (sequence 8)
Language
German
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aller Anwesenden konnte man tiefen Ernst und die feste Entschlossenheit ablesen, für das hohe Ziel das Leben zu wagen und bis zum letzten Atemzuge zu kämpfen. Schon am frühen Morgen, dichter Nebel umhüllte den Kriegsschauplatz, und ein feiner Sprühregen fiel zur Erde, rief Hauptmann Walter Marücineanu — deutscher Abkunft — Kommandant des I. Bataillons vom 8. Infanterieregiment, in welchem Brociner diente, diesen zu sich ins Zelt und überreichte ihm die Offizierstressen, welche Brociner im Drange der Ereignisse noch nicht erhalten hatte mit der Bemerkung, er möge diese vorläufig an seine Soldatenmontur anheften lassen, um im Falle einer Verwundung oder Gefangennahme als Offizier agnosziert werden zu können, gleichzeitig schenkte er ihm seinen Dienstrevolver als Beweis seiner besonderen Zuneigung. Die Truppen erhielten zur Ehre des Namenstages des Zaren doppelte Rationen sowie Wein, wahrscheinlich auch in der Absicht, die gedrückte Stimmung der Mannschaft zu heben. Gegen zwei Uhr setzten sich die rumänischen Truppen, elf Bataillone, bei dem gewaltigen Feuer der rumänischen Batterien gegen Grivita in Bewegung, das mit seinen starken Redouten als Schlüssel der türkischen Stellungen gegen Norden galt, während drei russische Bataillone gleichzeitig vom Nordosten vorrücken sollten- Während einer kurzen Rastpause richtete der schon erwähnte Hauptmann Walter Maracineanu in Gegenwart mehrerer Offiziere, welchen er den Brociner vorstellte, an diesen folgende Ansprache: „Brociner! Deine Ehre, die Ehre Deiner Familie, die Ehre Deines ganzen Stammes liegen jetzt in Deiner Hand, der Kampf beginnt, sei Du der erste auf der Redoute, und das Vaterland wird Dir Deine Aufführung zu lohnen wissen." Brociner von dieser herzlichen Ansprache tief bewegt, erwiderte: „Seien Sie sicher Herr Hauptmann, daß ich meine Pflicht gewissenhaft erfüllen und bemüht sein werde, stets an Ihrer Seite zu kämpfen." (Fortsetzung folgt.) Jakobowski: öArrthrr der Jude." ieses Werk des früh verstorbenen deutschen Dichters jüdischen Glaubens ist beinahe 20 Jahre alt. Es erschien zuerst 1891, wurde 1898 in dritter Auflage verbreitet und liegt nun in der sechsten vor. Das ist ein Erfolg, der wohl wenigen deutschen Erzählungen jüdischen Inhalts gegönnt worden ist. Ich hatte das Werk, so viel ich auch davon gehört, bisher nie gelesen, habe das Versäumnis nun, nachdem mir die sechste Auflage zur Rezension eingeschickt worden, nachgeholt und gebe meinen Lesern einen kurzen Bericht. Leo Wolff, Sohn eines Bankiers in einer kleinen Stadt, studiert Philosophie in Berlin und wird tätiges Mitglied einer Burschenschaft, in der er bis zu dem Zeitpunkt, da ein Adliger eintritt, keinerlei Unbill erleidet. Nachdem er sich schon anderweitig die in der Residenz leicht erhältlichen derberen sinnlichen Genüsse verschafft hat, verliebt er sich in ein hübsches, anständiges Mädchen, Helene Eruesti, verführt sie, vernachlässigt sie aber dermaßen, daß er vor seiner plötzlichen Abreise nach seiner Heimat das Geständnis ihrer Mutterschaft, das sie längere Zeit scheu vor ihm zurückhält, nicht mehr erfahren kann. Jene Vernachlässigung entstand infolge seiner sinnlichen Leidenschaft zu der jugendlichen, sehr koketten zweiten Frau h Sechste Auflage. Berlin. Verlag Berlin-Wien 1910. seines ehemaligen, nun nach Berlin übergesiedelten Schuld ' direktors und der gleichzeitigen Schwärmerei zu der spröden, aus der ersten Ehe des Direktors entstammenden Tochter Grete. Diese Abreise wird verursacht durch die Kunde von dem Zusammenbruch eines von dem alten Wolff gegründeten Aktienunternehmens, bei dem auch der Direktor seine Ersparnisse verloren hat. Die furchtbare Aufregung, teils der Schmerz über den Ruin und die infolge davon eingetretene schwere Erkrankung seines hochverehrten Lehrers, die sein Herz zerreißende Enttäuschung über den Charakter seines Vaters, den er bisher für einen vollkommenen Ehrenmann gehalten hatte, und in dem er nun einen Betrüger sieht; die Qual, die er durch das von ihm geahnte Schicksal seines Mädchens erleidet, alle diese Aufregungen werfen ihn aufs Krankenlager. Kaum genesen, erfährt er, daß Helene sich ins Wasser gestürzt hat, und er macht durch einen Schuß seinem Leben ein Ende. Hätte ich nur als literarischer Kritiker das Buch zu besprechen, so würde ich sagen: ein gutes, flottgeschriebenes Werk. Das Berliner Milieu ist trefflich gezeichnet, die Schilderung der Helene in ihrer keuschen Hingabe, ihre schweren inneren und äußeren Leiden, letztere namentlich hervorgerufen durch die Strenge ihrer rohen Mutter, die Darstellung mehrerer Gefährtinnen Helenens, des Direktors und seiner Familie, der Burschenschaft — alles ist gut angeschaut und wird unterhaltend berichtet. Das Werk baut sich folgerichtig auf. Der erschütternde Schluß ist das notwendige Ende. Aber da ich in diesen Blättern das Wort ergreife, so tue ich es nicht nur als Literarhistoriker, sondern als Jude, und als solcher habe ich die Frage zu beantworten: entspricht das Buch seinem Titel? Zunächst: Werther? Der Held des Goetheschen Romans ist ein Kranker, der, zurückgestoßen durch die Menschen, verzweifelnd am Leben, dessen Wirrnisse er nicht zu bestehen vermag, erfolglos in seiner Liebe, die er einer Verlobten zuwendet, einer Jungfrau, die ihm zwar eine edle Neigung schenkt, aber von ihrer Pflicht nicht abzuweichen vermag, der, also alles Guten beraubt, das er vom Leben erwartet, zur Pistole greift, die ihn von seinen Qualen befreien soll. Goethe hat bekanntlich Erläuterungsverse zu seinem Buche geschrieben, die mit den Worten beginnen: Jeder Jüngling sehnt sich so zu lieben. Das heißt: so keusch, so rein, so entsagend. Ich spreche keineswegs als Sittenrichter und will mich nicht darüber auslaffen, ob jedem Jüngling solche Liebesart eignet oder eignen soll. Aber das müssen wir fragen: ist Leo Wolff wirklich ein Werther? Statt eines Kranken, eines Schwärmers, ein recht robuster Genießling, der auf der Kneipe wie auf der Mensur seinen Mann steht, der in den Frauen so wenig ein unantastbares Ideal sieht, daß er alle Arten von Genüssen kennt und, nicht zufrieden damit, ein Mädchen unglücklich gemacht zu haben, ohne sonderliche Gewissensbisse, ja ziemlich gewissenlos die herbe Schönheit der Tochter seines geistigen Vaters genießen möchte und recht frech, nachdem er aufkeimende Bedenken kurzer Hand beschwichtigt, seine Hand nach den üppigen Reizen der Frau desselben Mannes ausstreckt. . Und Werther, der Jude? Allerdings ist Leo Wolff ein Jude. Ja, er deklamiert recht viel von der Zurücksetzung der Juden, von dem neuen Geschlecht, dem er angehört, und von dem alten, zu dem sein Vater zu rechnen ist; abet nur zum Teil geht er an diesem Gegensatz zugrunde, denn nachdem er in seinem Vater bisher das Ideal

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