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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-12-02 · Heft 48 (2.12.1910) · p. Seite 568

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 48 (2.12.1910)
Date
1910-12-02
Page
Seite 568 (sequence 4)
Language
German
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Wahrheit), diese Aktion ohne Vorbehalt unterstützt. In beiden Blättern wird das Judentum als blutdürstiger Vampyr dargestellt, der dem polnischen Volke alle Kräfte aussaugt. Um den Charakter dieses eigentümlichen „fortschrittlichen" und „freidenkerischen" Verfahrens besser zu beleuchten, führe ich hier in wörtlicher Uebersetzung folgende Sätze aus einem Artikel der Nr. 150 der „Mysl Niepodlegla" an: »Ich stelle hiermit fest, daß die Juden während der Revolutions- Periode einen Pogrom gegen die Pole«: veranstaltet haben . . . Wer weiß, vielleicht veranstaltet auch jetzt noch die eine oder die andere Gruppe der Juden einen neuen Pogrom gegen das polnische Volk." Damit soll behauptet werden, daß die ganze revolutionäre Bewegung der Jahre 1905 und 1906 in Polen von den Juden nur zu dem Zwecke hervorgerufen worden sei, um blutige Unterdrückungsmaßregeln der Regierung gegen das polnische Volk herbeizuführen. Die Blätter der äußersten Linken geben ihrer Empörung über solche Niederträchtigkeiten Ausdruck. „Odrodzenie" (Wiedergeburt) meint, daß niemals vorher die polnische Presse zu solchen abscheulichen Mitteln im politischen oder wirtschaftlichen Kampfe gegriffen habe. Auch die Organe der Arbeiterschaft, „Mlot" (Der, Hammer) und „Nowe Zycie" (Neues Leben) protestieren energisch gegen solche verleumderische Unwürdigkeiten. * Recht humoristisch mutet eine Nachricht an, die wir der „93. 3. a. M." entnehmen: „Tie Studenten der Theologie an der Universität in Athen haben jetzt an den Rektor und an den Kultusminister eine Eingabe gerichtet, in der sie die Aufhebung desLehrstuhls sürHebräisch verlangen, da die Kenntnis dieser Sprache für sie überflüssig sei. Sie wünschen an seiner Stelle einen Lehrstuhl für biblische Exegese auf Grund der Septuaginta. Die resormsüchtigen Akademiker in Athen scheinen eine recht naive Auffassung von wissenschaftlicher Methode zu haben." Sollten die jungen Herren wirklich nicht wissen, daß zur Kritik und Erklärung der Septuaginta der Vergleich mit dem Urtext notwendig ist, oder sollte dieser Vorschlag nicht aus jugendlicher Unkenntnis, sondern aus Antisemitismus gestellt sein? So verbohrt ist noch kein deutsch-theologischer Studentenverein gewesen, daß er die Unterdrückung des hebräischen Lehrstuhls verlangte und auf den Gedanken kam, der Erklärung der Bibel ausschließlich Luthers deutsche Uebersetzung zugrunde zu legen. * Aus London wird berichtet: Die jüdische Gemeinde hat den 150. Jahrestag der Gründung des Board of Deputies (Repräsentanten - Kollegiums), der im Jahre 1760 von der sephardischen Gemeinde in London ins Leben gerufen wurde, gefeiert. Der Board besteht aus 119 Vertretern, von denen 43 die Synagogen in London und 72 die Gemeinden der Provinzstädte und der britischen Kolonien vertreten. .Der Hauptzweck dieser Körperschaft besteht darin, die Interessen der Juden in England bei neuen Gesetzentwürfen zu wahren und für den Fall, daß diese verletzt werden, einzugreifen. Zusammen mit der Anglo-^ervisb Association ist der Board of Deputies auch tätig in Fällen, wo es sich um Bedrückung der Juden im Osten handelt. Der jetzige Präsident des Boards ist Rechtsanwalt Dr. L. Alexander, K. C., Vizepräsident ist Mr. Leopold Rothschild, ein Bruder von Lord Rothschild. Ein Dankgottesdienst fand am 20. November in der sephardischen Synagoge statt, wobei der Chacham Dr. Gaster die Festpredigt hielt. Anläßlich dieser Feier hat Board eine Geschichte seiner Tätigkeit herausgegeben, die aus der Feder seines Sekretärs Mr. Charlel Emanuel stammt. Zionistische Blätter melden von dem Aufblühen der Kolonien in Palästina, von dem Anwachsen des Nationalsonds, von der Errichtung von Wohltätigkeits- und Wohlfahrtsanstalten. Im Anschlüsse daran sei folgende Mitteilung der „N. I. K." wiedergegeben: Baron Edmond Rothschild ist im Begriffe' nach Palästina ab? zureisen, um mit Erlaubnis der ottomanischen Regierung Ausgrabungen an der vermutlichen Stätte der jüdischen Königsgräber zu veranlassen. Sein Vertreter, ein berühmter, französischer.Archäologe, ist bereits in Jerusalem angekommen. Es ist wahrscheinlich, daß der Baron, dem die jüdischen Kolonien Palästinas so viel zu verdanken haben, die Gelegenheit seines Besuches in Palästina benutzen wird, um die Kolonien zu besichtigen und die Möglichkeiten einer Ausdehnung des Kolonisationswerkes in Palästina und anderen Teilen der asiatischen Türkei zu studieren. Die Juden im deutschen Heere. (Versammlung am 13. November 1910.) (Schluß.) eheimer Justizrat Cassel führte aus: Wenn wir gerade die Ausschließung der Juden vom Neserveoffizierstand zum Gegenstand besonderer öffentlicher Verhandlungen machen, obwohl auch auf anderen Gebieten der Staatsverwaltung in Preußen die Juden in noch empfindlichster Weise zurückgesetzt werden, liegt der Grund daran, daß eine Zurücksetzung im Heeresdienst wie für jeoen Bürger so auch für uns Juden eine uns in unserer gesetzlichen Gleichberechtigung und unserer Ehre verletzende ist und die weittragendsten Folgen in staatlicher und gesellschaftlicher Beziehung nach sich zieht. — Diese Zurücksetzung zeigt sich in der schlechteren Beförderung der Juden im Heere, insbesondere in ihrer tatsächlichen Ausschließung vom Offizierkorps. — Man hat hierfür zwei Gründe angegeben, einmal den Willen des obersten Kriegsherrn und ferner die Abneigung der Reserve- und Landwehr- Osfizierkorps gegen die Zulassung von Juden, die sich bei den Reserveosfizierwahlen kund tue. Aber beide Behauptungen sind unrichtig. Die wirkliche Quelle ist die durch die antisemitische Propaganda geschaffene Gesinnung in einem großen Teile der aktiven Offizierkorps, infolge deren die jüdischen Einjährigen in allen Etappen des Dienstes zurückgeseht und von der Beförderung ausgeschlossen werden, so daß sie fast ausnahmslos gar nicht dazu kommen, einem Reserveoffizierkorps Gelegenheit zur Wahl zu geben. Der Redner führt dann ans, wie die Einjährigen vielfach trotz guter Leistungen, die von dem Vorgesetzten ausdrücklich anerkannt werden, ohne Begründung vom Offiziersunterricht ausgeschlossen, nicht rechtzeitig zum Gefreiten oder Unteroffizier befördert werden am Schluß des Dienstjahres die Qualifikation nicht erhalten oder, wenn dies geschieht, die Uebung A oder B regelmäßig „erfolglos" abgeleistet haben, selbst dann, wenn sie im Examen gelegentlich gelobt oder gar —- wie dies vor gekommen ist — von einzelnen Vorgesetzten für die besten erklärt wurden, wie schließlich Bezirkskommandeure jüdische Offiziersaspiranten, die vom Kommandeur auf Grund des Ausfalls der letzten Uebung zum Vorschlag an das Reserveoffizierkorps präsentiert werden, zur Wahl vorzuschlagen sich weigern und sie von den Listen der Aspiranten streichen. In vielen Fällen sind solche Zurücksetzungen gegen den ausgesprochenen Willen einzelner gerecht denkender Vorgesetzter erfolgt, in vielen Fällen ist den Einjährigen von Vorgesetzten ihrer Truppenteile offen zu gemutet worden, sich die Beförderung durch einen Glaubenswechsel zu erkaufen. (Hört, Hört!) Besonders bezeichnend ist ein Fall, in dem jüngst ein preußischer Bezirkskommandeur dem Offiziersaspiranten, der sich ihm vorstellte, empfahl, doch seinen Wohnsitz — nach Bayern zu verlegen und sich dort zu.melden. Es ist weit gekommen mit der Achtung von Gesetzlichkeit und Gleichberechtigung, wenn ein Bezirkskommandeur es wagt, aus Preußen, dem Lande, in welchem ruhmvolle Fürsten der Hohenzollern die Grundsätze der Glaubens- und Gedankenfreiheit und Toleranz zu verwirklichen sich bemühten, einen Aspiranten nach Bayern zu verweisen, als wenn in Preußen für solche Grundsätze kein Hort mehr zu finden wäre. (Stürmischer Beifall.

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