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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-12-02 · Heft 48 (2.12.1910) · p. Seite 566

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 48 (2.12.1910)
Date
1910-12-02
Page
Seite 566 (sequence 2)
Language
German
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Morn, der Rache nehmen will an den-jüdischen Zertrümmern * alter allrussischer Allherrlichkeit, und an der armseligen Habgier, dikmit/Säcken und/Karret zum Pogrom, kommt. Hier mag NÄr einer gelitten haben; und dort, mögen hunderte mit zer-. .schmettertem ^Schädel die Walstatt des. Hasses decken. Hier waren jüdische Burschen, Freiheittrunkene, die schon die Verschnürung mit dem alten Volkstum zerschnitten hatten, die Opfer. Dort drang die. Gier des Nordens in die stille Klause, wo Greise mit Tallis undTfillin „bewaffnet" die heilige Lade? schützten. Bald stehen wir in Verachtung vor einer Raublust, die sich an blinkendem Geschmeide letzt, bald entsetzt vor der - sadistischen Schwelgerei, die sich aus die zuckenden Leiber ' sterbender Frauen wirft und mit glühenden Augen von weiblichen Leichnamen , die Brüste reißt. Jede Stadt zeigt ein eigen Bild der Zerstörung. Jede Familie hat der Schlag besonders getroffen. Da fehlt ein Säugling, weil ihm ein Nagel durch den Schädel gehämmert wurde. Dort ein Vater, weil ihn der langjährige Freund, zu dem er flüchtete, mit dem Dreschflegel erschlug. Aber all das individuelle Leid fügt sich zusammen zu einer nationalen Tragödie. Aus dem Einzelschick sa hören wir den Schritt der Geschichte. Die Pogrome ' müßten kommen. Einsichtige hatten sie Zähre vorausgesehen. Wer die teleologische Auffassung will, könnte sagen: sie waren die Strafe für eine Selbsttäuschung. , ' Der Sturz in einen Abgrund für ein Volk, das — die goldige Zukunft küssend — im Rausch der Liebe die Augen schloß. Sie waren wahrhafte Märtyrer, die Opfer der Pogrome, weil sie für ein Ideal starben, das einmal Wirklichkeit werden muß. Es war eine. psychologische Unmöglichkeit, daß die Juden erkannten, wie sehr das Oktobermanisest verfrüht war. ' Die Juden konnten nicht nur, sie mußten hoffendaß die Herrschaft der Despotie endgültig gebrochen war. Sik> sahen den Koloß in allen Fugen beben. Der Bauer schlug ' egen die Kette des Großbesitzers. Der Arbeiter begann die cht des Kapitals zu empfinden und begriff — schien zu begreifen: — daß nur der -Zusammenschluß gedrückter Massen vorder Zermalmung rettet. Das Wort rang nach der Freiheit. Die Kunst schlug ihre Dränger in die Flucht. Und das Verlangen nach dem Frieden in Gott, nach der Freiheit des Bekenntnisseswar zu ungestüm, ' daß die Tyrannis; eines blutrünstigen, heiligen Synods es noch erdrosseln konnte. Mächtig schlug die ungebrochene Kraft Japans gegen den zermorschten Lügenbau. Zu Mukden wurde es eingeschrieben; bei Tsuschima aber wurde es besiegelt, daß die Tage der. Bedrücker zu Ende gingen. Aus dem Geröll mußte nun. das.neue Rußland sich erheben. Der Zarismus lag niedergestreckt. Aber sieghaft stand das russische Volk auf, entschlossen, der Gesittung Neuland zu erschließen. Von der großen Zahl der „Fremdvölker" hatte die Nagaika der Despotie' die Juden am ärgsten mißhandelt. Seit. den Pogromen der achtziger Jahre hatten sie keine ruhige Stunde. Der Antagonismus der Völker — von Hetzern ins'. Bewußtsein emporgehoben, von wirtschaftlichen Gegensätzen verschärft — hatte sich in mörderischen Ueberfällen entlüden.. Es fehlte noch die „patriotische" Phrase, die ethisches Bedenken aus dem Wege heulte. Es fehlte die Zentrale, die den'Mord organisierte. Auch der Regierung war^s da nicht ganz geheuer. Wie leicht fänden erregte Horden noch andere /Ziele als' die Wohnungen jüdischer Zwischenhändler und die 'Betstätten jüdisch.'"- Greise? I Es mußte rasche Arbeit gemacht werden. Je wilder und weiter der Pogrom um sich griffe, um so größere Gewaltanstrengung mußte gegen die — treuen Untertanen angewandt werden. Die, Regierung gäbe sonst dem Verdachte Nahrung — judenschützerisch zu sein. . . Und „das ist ja das Traurige an allen diesen Exzessen gegen die. Juden", "seufzte Nikolaus II. an den Rand eines Berichtes hin. 60 000 Juden waren von den Pogromen betroffen .Wörden, und Güter im Werte vom 20 Millionen Mark waren vernichtet. Allein so schmerzlich diese Verluste wären, schmerzlicherwar die Haltung der Gesellschaft. Selbst die - liberalen Zeitungen schwiegen zunächst. Die Kreise von Bildung und Besitz suchten „objektive" Urteile über die Juden zu gewinnen. Selbst der Sozialismus jener Tage — soweit er bei den Narodowolzi dogmatisiert war -- „verstand" den Pogrom: er war die Auflehnung bäuerischer Jdealgestalten gegen die Bourgeoisie. Er war die Einleitung der Revolution. Während sich aber diesen Ideologen die graue Theorie /wie eine Mauer vor die Augen stellte, wurde die Bureaukratie hellsehend.- .Die Saat der Treitschke, Stöcker, Dühring, Wührmünd, Lagarde ging auf — in Rußland! Was der Pogrom in brutalen und der Regierung immerhin nicht ganz ungefährlichen Formen erreichen wollte, schuf die russische Bureaukratie in unverdrossener Konsequenz. Die Maigesetze vom Jahre 1882 säuberten die heilige Dorferde. Und nun folgen in rasender Hast Senatsentscheidungen, Verfügungen der Ministerien, Anordnungen der Gouverneure; und wo die Künste legislatorischer Akrobaten. und Jongleure, versagen, gibt ein kaiserlicher Ukas' neuen Schwung. .Immer enger wird die Grenze des Pferches gezogen. Ortschaften, in denen Wohnerlaubnis bestand, werden zu Dörfern gemacht, die Juden verschlossen sind. Die judenreine Grenzzone wird weiter gezogen. Der Wahnsinn scheint das Gesetz auszulegen. Aber es ist Methode darin. Alteingesessene Juden, die ihre Heimat auf drei Tage verlassen, dürfen nicht mehr zurückkehren, weil das eine Neüniederlässung sei, die das. Gesetz verbiete. Selbst Umzüge sind verbotene Jmmöbilienpachtung. (Fortsetzung folgt.) Die Mochr. Berlin, den 29. November. Repräsentanten-Wahlen in Berlin fanden am . 24. d. M. statt, und die Wähler atmen nun ordentlich auf, daß sie nicht mehr an jedem Morgen diezähllosen Wahlzettel und Wahlaufrufe, Erklärungen und Gegenerklärungen zu lesen haben. Am Abend des Wahltages wurden die Wahlzettel versiegelt und in die Gemeindestube gebracht. Gestern wurde die Zählung vorgenommen und dehnte sich bis in die Nachtstunden aus. Um |. 1 Uhr morgens wurde das Resultat verkündet. Danach wurden gewählt als Repräsentanten auf 6 Jahre: Moritz Manheimer mit 9092, Louis Sachs mit 6030, Emil Pincus mit 5981, S. Weile mit 5978, Dr. Georg Minden . mit 5903, Oskar Tietz mit 5615, Dr. Hermann Veit Simon mit 5521, W. Loewenthal mit 5520, Prof. Blaschke mit 5483, M. Rosenow mit 5481, Siegfried Sachs mit 5481 Stimmen. In Ersatzwahl auf 3 Jahre: Prof. Kalischer mit 5471, Dr. Weigert mit 5463 Stimmen. Als Repräsentanten- Stellvertreter auf 6 Jahre: Prof. Türk mit 5445. Benas Levy mit 5434, Emil Cohn mit 5420, Dr. H. Rosenberg mit 5345, H. Blankenburg, mit 5297 Stimmen. Von den Gegnern erhielten: Geheimrat Prof. Landau 3850, Hugo Heilmann 3823, M. Saling er 3764, Dr. A. Neumann 3740, Salti Kirschstein 3735, B. Salz 3704, H. Aron 3695, Gideon Heymann 3695^ Dr. Lewinski 3667, Rechtsa nw alt Dr. K le e 3665, Dr. I sr ael 3634, M. Silber - - berg 3636, Rechtsanwalt Schachtel 3633, Prof.; Dr. Carl Lewin 3250, Dr. Bäneth 3221, Siegbert Seckelsohn 3212 und Rechtsanwalt Lezynsky 3164 Stimmen.

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