Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 48 (2.12.1910)
- Date
- 1910-12-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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74, Jahrgang. Nr. 48 Berlin, l. Dezember 191Ö Gin unparteiisches Grgan für alles jüdische Interesse Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor 9r. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46/49 Diese Zeitung erscheint wöchentlich. A banne me nts-p reis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. Alle Zuf ndungen für Red.iktion und Expedition find an die Adresse Verlag der „AUgein. Zeitung des Judentum»", Berlin SW.. Jerusalemer Straße zu rich e r. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. tTtthflit Pogrome. — Die Woche. — Die Juden im deutschen Heere. — Oberstleutnant Mauriciu Brociner. Von Ttdolf Schwarz. — Iakobowski: Werther der Jude. Von Ludwig Geiger. — Ludwig Jacobowski. Zum 2. Dezember. — Der Einfluß des jüdischen Elements in der russischen Literatur. Eine literarhistorische Abhandlung von Roubin Knoppiug. — Feuilleton: Das Judengrab in der Steppe. Erzählung von Sam. G ordon. Frei übersetzt von M. Pulvermann. — Literarische Mitteilungen.. Der Gemeindebote (Beilage zur »Allgemeinen Zeitung des Judentums*). Berlin, Aus der Provinz Posen, Hamburg, Stettin, Lübeck, Dortmund, Karlsruhe i. 23., Wien. — Von Nah und Fern. Oogrome. ie schnell wir leben! Vor fünf Jahren gab Nikolaus II., der Friedenskaiser, seinen Völkern, seinem Reiche, das bis in den Grund erbebte, das Manifest der Freiheit. Das heilige Land der Menschenrechte hatte sich um eine große Provinz vergrößert. Wie in das Geheimnis eines Wunders starrte die Stumpfheit, die seit Jahrtausenden im Tal der Finsternisse einherschlich. Mehr verwirrt als zum Lichte geführt. Aber ein Rausch des Glückes durchzog die Nüchternen unter den Trunkenen, die Wachen unter den Träumern. Sie hatten in Schmerzen die Gewißheit getragen vom Siege der Wahrheit und der Liebe. Der .jubelnde Optimismus des Märtyrervolkes hatte die Morgenröte auch im Reiche des — Ostens geahnt. Nun waren die Juden begnadet, sie selbst zu erschauen. Das war just vor fünf Jahren. Man kanns kaum noch glauben. Jsts nicht so, als läge mythisches Gewölk um die Zeiten? Fünf Jahre nur; und man möchte erzählen: „Es war einmal ein Kaiser, der wollte seinem Volke die Freiheit geben." Es ist, als wäre es ein Märchen ... Im Leben der Nationen gibt es Jahre, die sind wie Minuten. Und Minuten, die erfüllt sind mit Erlebnissen gleich vielen, vielen Jahren. So bleiben denn oft ganze Jahrzehnte lebendige Gegenwart; aber oft ballt sich schon um den gestrigen Tag der verhüllende Nebel der Vergangenheit. Zu den Inhalten mancher Dezennien, die er selbst durchlebt hat, steht der Historiker in der Gebundenheit des Interessierten, in der Beschränktheit des Horizontes, in der Kurzsichtigkeit des Zeitgenoffen. Aber manch nahes Jahr entfernt sich hastig so weit, daß es besonnener Forschung eine rechte Distanz gibt. So weit scheinen nun die blutrot-sonnigen Tage des Freiheitsmanifestes hinter uns zu liegen, daß sich die in jähem Sturze sich überschlagenden Ereignisse geschichtlich festhalten, in den Antrieben erkennen, in ihren Wirkungen sozial- und massenpsychologisch analysieren lassen. Wo die verworrenen Tendenzen dieser welthistorischen Tage sich kreuzen, stehen die Hoffnungen und die Tragödie der Juden. In den grausigen Pogromen vom 18. bis zum 29. Oktober 1905 entfesseln sich die finsteren Mächte russischer Barbarei; ist das Geheimnis enthüllt, daß jene krampfige Zeit nichts war als ein schwerer Traum. „Es war einmal . . In zwei schweren Bänden legt im Aufträge des Zionistischen Hilfsfonds in London die zur Erforschung der Pogrome eingesetzte Kommission ihre Ergebnisse nieder.*) Ein Band gibt die Einzeldarstellungen. Zunächst die Voroktoberpogrome von Kischinew (1903) bis Kertsch (1905) Dann in erschütternder Folge die Leidensgeschichte der jüdischen Gemeinden südrussischen Ansiedlungsrayons (Bessarabien, Cherson, Taurien, Jekaterinoslaw, Poltawa, Tschernigow, Kiew, Podolien). Ihnen folgen die Studien über die Exzesse in den übrigen Gouvernements des Ansiedlungsrayons und in den Gebieten außerhalb der Judenpserche. Eine Abordnung von 20 Leuten hatte die Orte aufgesucht, wo die Pogromwut am wildesten gehaust. Die Trümmer sprachen eine dumpfe Sprache. Ihre Wirklichkeit gab einen Bericht von qualvoller Objektivität, ruhiger zwar als die Aussagen der Schwergetroffenen. Aber nicht so peinigend. Denn was war der dingliche Schaden gegen die Verletzung dex Seelen, die aus festlichem Jubel in die brutale Gewalt mittelalterlicher Barbarei gefoltert wurden? Vielleicht war die einzelne Zeugenaussage durch die Schrecken bunter, durch die Enttäuschungen bitterer geworden. Aber aus der Summe dieser individuell noch so gewandelten Darstellungen ergab sich den nachforfchenden Rechtskommissionen doch das System. Von welcher Seite man immer an die Geschichte dieser Pogrome herantrat, .man stieß immer auf das gleiche Bild. Die Zeitungen der Mordstätten — ob der Haß, die Verlogenheit, der Jndifferentismus oder die Ergriffenheit sie schrieben — laffen die Silhouette jener Erlebnisse deutlich erkennen, weil der Objektivierungsprozeß der Zeit hier so seltsam hastig gearbeitet hat. Die Berichte des jüdischen Hilfskomitees zeigen bei besonnener Betrachtung schließlich nicht anders als die amtlichen Materialien zur Gegenrevolution. Das Schicksal der einzelnen Städte und Flecken des Pogromgebietes bleibt immer nur Teilerscheinung. Wir sehen die Besonderheit von Ort zu Ort, wie sie aus dem Gesetz der Zahl wird. Die nationale Eigenart der Bevölkerung nuanciert die Formen. Die viehische Brutalität der Moldauer haust anders als die geschickte Hinterlist der Griechen. Und der russische Bauer, in dessen Seele unverbrückt sentimentale Gutmütigkeit und trunkene Mordgier liegen, gibt einer Revolte ein anderes Gepräge als der täppische Tartare. Die äußeren Bedingungen wechseln. Die inneren Antriebe schwanken zwischen national-politischem *) Jüdischer Verlag (Köln 1909) XV, 404; 536 Seiten.