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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-11-25 · Heft 47 (25.11.1910) · page 13

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 47 (25.11.1910)
Date
1910-11-25
Page
– (sequence 13)
Language
German
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74. Jahrgang. Nr. 47 Der Gemeindevore. Berlin, 25. November 1910 Beilage zur „Allgemeinen Leitung deS Judentums". Lorrrkpondrn-rn und Kgchrichtm. Deutschland. Berlin, 22. November. Im „Verein für Jüdische Geschichte und Literatur" sprach gestern Abend Herr Chefredakteur I. La ndau in überaus geistvoller Weise über „Die Bibel in der modernen Kultur". Er streifte zunächst-den Einfluß der Bibel auf unser gesamtes jüdisches Leben, das von ihr völlig durchdrungen sei, und entrollte dünn ein überaus fesselndes Bild der allumfassenden Einwirkungen dieses Buches der Bücher, das zugleich „das Buch der Bücherlosen" sei, auf das gesamte Geistes- und Kulturleben fast aller Völker der Welt. Was ist Kultur? Der Begriff derselben wurde vielfach, selbst von Größen des Geistes verkannt. Leo Tolstoi, dessen Tod die Welt zurzeit in Trauer versetzt,- erblickt in der Kultur nur die Abkehr von der Wahrheit und Natürlichkeit und ist darum ihr gegnerisch gesinnt, auch Strindberg erblickt in der Kultur den Feind der Wahrheit und verkennt somit das eigentliche Wesen der Kultur, die doch nichts anders sei, als die Umwandlung des Wissens, in Charakter. In dieser Richtung hat das Judentum aber viel für die Kultur geleistet, und es ist nicht wahr, daß, wie von den Gegnern desselben behauptet wird, es nur wenig zum Kulturbesitz beigetragen habe. Es würde zu weit führen, einen Spinoza, einen Mendelssohn, einen Heine und die große Fülle der Gelehrten, der großen Denker und Dichter aller Perioden der jüdischen Geschichte hier aufzuzählen. Die Bibel aber ist Trägerin der Kunst, der Literatur durch die Jahrhunderte gewesen. Museen, Kirchen. Sammlungen bergen die Schätze der Bildhauerei, Malerei usw., die ihre Motive von der Bibel empfangen haben. Vom ersten bis zun: letzten Blatt der Bibel ist jedes Ereignis, manches hundertfach, von Klassikern aller Zeiten und Länder behandelt worden, selbst die Anfänge des Dramas wurzeln in biblischen Stoffen. Die Bibel ist somit Halt und Unterlage vieler unserer Kulturgüter. Die Bibel ist auch die Quelle des Humors, der Zitate und Sprüche und die Stammütter einer ganz ungeheuren Literatur, sie begleitet uns von der Wiege bis zum Grabe und ist vermöge ihrer Verbreitung aus dem ganzen Erdball oft die einzige und' alleinige Verbindung vieler Stämme mit der Kulturwelt. Die moderne Sozialpolitik, die Hygiene finden wir bereits in der Bibel. Eine interessante Statistik der Verbreitung der Bibel, kurze Streiflichter auch ihres Einflusses auf Goethe und eine Reihe weiterer interessanter Einzelheiten ergänzten die von lebhaftestem Beifall begleiteten Ausführungen des Vortragenden. Die Bibel werde auch das Testament genannt. Mit Recht. Wir Juden sind zwar keine Universalerben,. wohl aber Testamentsvollstrecker, welche die Wohltaten, Reichtümer und Geschenke der Bibel allen zuteil werden lassen müssen, der Bibel, die den stärksten Beitrag zur Weltkultur beigetragen habe. V5 Berlin, 22. November. Der Verein „Freunde der Taubstummen — Jedide Ilmirn" (Erziehungsanstalt Berlin-Weißenfee), richtet an Private und Gemeinden folgende im Interesse der seinem Schutze unterstehenden Armen und Unglücklichen beherzigenswerte Bitte: „Das Wohlwollen, welches uns bisher vielseitig anläßlich unserer Gedenktage entgegengebracht wurde, veranlaßt uns, Sie -wiederum zu bitten, Sammlungen in Ihrer Gemeinde für uns zu veranstalten. Wir bedürfen Ihrer Mithilfe in diesem Jahre ganz besonders. In zirka vier Wochen beginnen wir mit der Vergrößerung unserer Anstalt durch einen Anbau,- der uns große pekuniäre Opfer auserlegt. Veranlassen Sie gütigst Ihre Jugend, sich wiederum für uns in den Dienst werktätiger Liebe zu stellen. Der Erfolg bereitet den Kindern Freude und uns gereicht er zum Segen! Wir erziehen in unserer Anstalt bekanntlich jüdische taubstumme Kinder aus allen Gauen des deutschen Vaterlandes und gewähren den Kindern unbemittelter Eltern Fre.stätten. Heute beträgt die Zahl unserer Zöglinge 48 und zwar aus: Berlin und Vororten 11, der Provinz Brandenburg 1, der Provinz Posen 7, der Provinz Sachsen 2, der Provinz Schlesien 2, der Provinz Westfalen 2, der Provinz Ostpreußen 2, der Provinz Westpreußen 2, der Provinz Pommern 2, der Provinz Hessen-Nassau 3, der Rheinprovinz 5, dem Königreich Bayern 5, dem Königreich Württemberg 3. dem Großherzogtum Mecklenburg 1. Unser Bemühen ist, alle jüdischen taubstummen Kinder Deutschlands der Wohltat unserer Anstalt teilhaftig werden zu lassen. Wer uns hierzu verhilft, hilft auch diesen, von der Natur so vernachlässigten Kindern. Unsere Zöglinge werden dazu ausgebildet, in der Lauisprache mit ihren hörenden Mitmenschen zu verkehren, und dadurch werden sie schaffensfreudige und werktätige Mensche -." Möge obiger Appell an unsere Gemeinden anläßlich des bevorstehenden Lichtfestes auch in diesem Jahre nicht ungehört verhallen. Etwaige Postsendungen sind wie bisher an Herrn Adolph Salomon, Berlin-Charlottenburg, Knesebeckstraße 35/36 (Postscheck- Konto : Berlin 6222), zu richten. --- Berlin, 22. November. Seit einiger Zeit gelangen hauptsächlich an wohlhabende, jüdische Mitbürger gedruckte Bettelbriefe, denen eine Postanweisung beigefügt ist und in denen um Gaben für zwei Familien, dem Namen nach nicht bezeichnet, gebeten wird. Durch das Versenden solcher Schreiben in Hunderten von Exemplaren werden die wirklich Notleidenden geschädigt, weil die.Empfänger sich bereit finden, auf derartige Briefe hin. Geldmittel zur Verfügung zu stellen, die dann für andere Fälle wahrer Untcrstützungsbedürftigkeit fehlen. Sodann widerspricht das geübte Verfahren jeder gesunden Wohlfahrtspflege, weil der Gebende nicht einmal weiß, für wen er gibt. Weiter fehlt den Gebern jegliche Kontrolle über die Verwendung der gewährten Mittel. Die Empfänger derartiger Bettelbriefe werden daher gut tun, bevor sie sich entschließen auf oerartige Schreiben zu reagieren, Auskunft bei der Zentralstelle der Jüdischen Gemeinde, Rosenstraße 2/4, oder bei der Zentrale für private Fürsorge, Unter den Linden 16, einzuholen. — Berlin, 22. November. Am Mittwoch den 30. November, abends 9 Uhr. spricht Herr Zahnarzt Unna im Jüdischen Jugendbund, (Lützowrestauranl, Lützowitraße 76) über „Die jüdische Turnbewegung und ihre Bedeutung für die jüdische Jugend". Bei der aktuellen Bedeutung des Themas ist zahlreicher Besuch von Mitgliedern und Gästen dringend erwünscht. — Die Organisation für hebräische Sprache und Kultur, Berliner Ortsgruppe A, veranstaltet am Montag, den 28. November, abends 9Uhr, im Restaurant Simon, Eiptstraße 12 a, eine Versammlung. Tagesordnung: 1. Vortrag des Schriftstellers Herrn S. I. Hurwitz über: „Das Wesen des Judentums" in der Auffassung des „Achad ha-Am". 2.. Diskussion. Gäste, Damen und Herren, sind willkommen. W. Posen, 16. November. Die Vereidigung der jüdischen Rekruten . hiesiger Garnison fand am 11. d. M. in der neuen Synagoge statt. Durch die Anwesenheit des Herrn Stadtkommandanten Freiherrn von Sieinecker, gestaltete sich der militärische Akt zu einer erhebenden patriotischen Feier. Das Gotteshaus war hell erleuchtet und von einer stattlichen Menge besucht. In der vorderen Bankreihe hatten die Vertreter der Gemeinde, einige mit Orden geschmückt, Platz genommen. Die Mannschaften wurden zur festgesetzten Stunde von ihrem Vorgesetzten in die Synagoge geleitet und vor der Kanzel in einer Reihe ausgestellt. Der greise Oberrabbiner Herr Dr. W. Feilchenselb hielt die Ansprache und hob unter anderem hervor, daß Pünktlichkeit, Treue und Gehorsam beiin Soldaten nie fehlen dürfen und der einzelne als Glied des Ganzen sich betrachten müsse. Der Seelsorger ermahnte sodann die Rekruten, -eingedenk des Schwurs für König und Vaterland, auch treu dem angestammten Väterglauben zu. . bleiben und schloß mit dem biblischen Segen. Die Feier wurde abwechselnd durch stimmungsvolle Gesänge seitens des Oberkantors Herrn Leibowitz und des Synagogenchors verschönt. Mit dem Gebete für Kaiser und Reich endete die religiöse Feier. An der Vereidigung, nahmen 29 Rekruten der verschiedenen Truppenteile der Garnison-

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