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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-11-25 · Heft 47 (25.11.1910) · page 12

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 47 (25.11.1910)
Date
1910-11-25
Page
– (sequence 12)
Language
German
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jetzt ist alles zwischen uns vergeben und vergessen, und auch unsere Herzen haben sich endlich gesunden. Um aber unsere Versöhnung' zu besiegeln, will ich Dich überzeugen, wie. ernst ichi es meine. Ich hatte es Unterlasten, Dir ein Hochzeitsgeschenk zu geben, jetzt will ich aber das Versäumte nachholen." Sie ging zum Schrank und entnahm demselben ein dunkelrot gefärbtes, mit Silberlitzen besetztes Seidenkleid, wie solche die russischen Gutsbesitzerfrauen zu tragen pflegen. „Von heute an gehört es Dir," sprach sie mit erkünstelter Feierlichkeit, das Kleidungsstück ihr hinhaltend; „die Gabe wird dir vielleicht befremdlich erscheinen, vielleicht gar komisch; aber es ist ein Erbstück unseres Hauses, vom Mutter auf Tochter übergegangen, und es ist darum in unserer Familie Gebrauch geworden, daß nur die eigentliche Hausfrau es tragen, darf. Es ist auch Zeit, daß Du Deine fremdländischen Gewänder ablegst, um auch äußerlich als echte russische Landsrau zu erscheinen, und wenn Gregor nach Hause kommt und Dich in dieser Tracht sieht, dann wird er auch ohne Worte wissen, was zwischen uns vorgegangen ist." — — — Rahel konnte sich vor Freude und Rührung kaum länger halten; immer und immer wieder küßte sie der alten Frau leidenschaftlich Hände und Gesicht. Sie nahm dankbar das Kleidungsstück und betrachtete und bewunderte es Pflichtschuldig von allen Seiten, obwohl es einen eigenartigen Geruch ausströmte, der ihr widerwärtig in die Nase stieg. „Ziehe es nur ruhig an," ermutigte Marfa; „die rote Farbe wird vortrefflich zu Deinen schwarzen Haaren stehen." Und als Rahel den Kops wegwendete, um den dumpfen, abscheulichen Duft nicht einzuatmen, da machte sich Marfa selbst daran, ihr die eigenen Kleider zu öffnen; dadurch war Rahel gezwungen, ihr Zögern aufzugeben, um nicht ihre Schwiegermutter durch das Verschmähen ihrer sicherlich wohlgemeinten Gabe zu verletzen und zu kränken. „Herrlich! Wunderschön!" ries diese mit gut geheuchelter Begeisterung, als Rahel endlich mit dem Kleiderwechsel fertig war. „Es Paßt Dir großartig. Weißt Du was?" fuhr sie wie entzückt weiter fort, als sei ihr die neue Idee eben erst eingekommen; „So wie Du jetzt bist, mußt Du in die Küche gehen und Dich den Mägden zeigen: Du wirst sehen, welchen Eindruck es auf sie machen wird; sie werden Dich sofort als die eigentliche und richtige Gutsherrin erkennen. --—" Rahel ging gern ans diesen Vorschlag ein. Der unausstehliche, widrige Geruch, der vom Kleide ausging, war durchaus keine Einbildung ihrer aufgeregten Nerven. Wahrscheinlich war es jahrelang mit einem betäubenden Pulver eingestreut gewesen, um es gegen Mottenschaden zu bewahren; doch draußen, in der scharfen, kaltenLuft, wird es sich sicherlich bald verflüchtigen. Nach einer Minute war sie auf dem Wege zur Küche, der an Kallaschs Hütte vorbeiführte — — — —. Marfa blickte ihr mit aufgeregter Spannung nach. Kaum war Rahel in die Nähe des Hundes gekommen, als dieser plötzlich aussprang, unruhig in der Luft herumschnüffelte und gierig und hungrig nach allen Seiten schnappte. Sie blieb verwundert stehen; gewöhnlich wurde sie von ihm mit einem Freudengeheul begrüßt. Doch vielleicht war es die fremde Tracht oder die grelle Farbe, die ihn jetzt so erregte; sie ging daher einen Schritt näher, um ihn zu beruhigen; allein sein wildes, drohendes Bellen ließ sie erschreckt wieder zurückweichen. Plötzlich wurde der Hund ganz still; aber sein Körper krümmte sich tigerartig, seine Augen waren blutunterlaufen, die Zunge hing ihm lang zum Halse heraus und mit einem mächtigen Ansatz warf er sich mit seiner ganzen Körperschwere gegen die Kette. Rahel fuhr entsetzt zurück und wollte, lieber ümkehren. Noch einmal ein solcher Sprung, und er mußte die Kette sprengen oder sich das Genick brechen — wahrscheinlich, aber das erstere. Sie flüchtete sich nach dem Hause zurück, fand aber die Haustüre verschlossen — — —- sicherlich hatte sich das alte, verrostete Schloß verfangen. Sie atmete über beruhigt auf, da sie Marfas Schritte näher kommen hörte — — — noch einen Augenblick und sie war in Sicherheit. Es war aber die höchste Zeit — — — Kallasch war. gewiß toll geworden. Bei dem Hin- und Herzerren an der Kette hatten sich seine Füße in ein dickes Strohseil verwickelt, das „zufällig" in der Nähe seiner Hütte gelegen, und das schien ihn rasend zu machen. ( Fortsetzung folgt.) -ÄM ■ Literarische Mitteilungen. — Briefwechsel zwischen Eduard und Therese Devrient. Mit acht Vollbildern. Herausgegeben von Hans Devrient. Stuttgart, Carl Krabbe Verlag. Erich Gußmann. Das Buch gehört trotz seines Titels dem Kreise der hier zu besprechenden Bücher an. schon aus dem Grunde, weil die Adressatin der meisten, die Schreiberin einiger Briefe, Therese, geborene Schlesinger, jüdischen Ursprungs war. Aber auch jüdische Freunde werden häufig erwähnt, unter ihnen Moritz Veit, Wolfsohn, Berthold Auerbach, der keineswegs immer ganz günstig beurteilt wird. Von Bogumil Dawison ist mehrfach, von seiner Auffassung des Shhlock einmal recht ausführlich die Rede. Auch von Dessoir wird vielfach gesprochen, und eine über ihn handelnde Stelle sei hier mitgeteilt, weil die die einzige ausführlichere über Juden ist. Freilich ganz gerecht wird man sie schwerlich nennen. Sie stammt aus dem Jahre 1860 und lautet so: „Woher kommt es, daß die Juden, deren Herz doch besonders gefühlvoll und empfindsam hingebend ist, den wahren Ausdruck des Gefühls auf der Bühne nicht rein haben, immer gebrochen durch Ironie? — Doch aus der Stellung ihres Stammes. Persönliche Anmut haben sie nie, und so spielte Dessoir die anziehende Melancholie des Charakters (Narziß) garnicht, nur den Hohn, den Grimm und eine gewisse saloppe Manier der Weltverachtung. Alle Gefühlsübergänge waren öde, prätentiös theatralisch, keine Innigkeit. Der Kerl war mehr eine merkwürdige Spezies, als daß man ihn bedauerte und Sympathie für ihn fühlte . . . er erinnerte mich stets an Auerbachs Unlieblichkeit." 6. — Ein Chanukka-Traum, die Megillah. Aufführung für Chanukka und Purim von Frieda Mehler. Berlin 1910, L. Lamm . Preis 1 Mark. Gegen Purim- und Chanukka-Spiele habe ich nichts einzu- ' wenden. Doch müßte man dabei nach dem Grundsätze verfahren, daß für die Kinder gerade das beste gut genug ist. : Diesen Grundsatz hat die Verfasserin leider so wenig beachtet, daß es schade um das schön bedruckte Papier ist. Die Erfindung ist armselig, die Ausdrucksweise durchaus ungewandt und unpoetisch. Zum Beweise dieses harten Urteils könnte jede beliebige Stelle abgeschrieben werden. Es mag genügen, wenn ich aus dem ersten Drama auf das Chorlied S. 6, aus dem zweiten aus die Rede Setars S. 26 oder auf die Rede des Ahasver S. 29, Hinweise. Wer Verse drucken läßt.wie die folgenden: Wie ich so blättre in der Zeitgeschichte Begegne ich soeben dem Berichte, Daß Mordechai vor nicht zu langer Zeit Durch seine Warnung aus Gef. hr befreit, - Vom Tode mich gerettet, mich den König.. Ich hoffe. Lohnes ward ihm nicht zu wenig. - und diese Verse sind noch nicht einmal die schlimmsten mag seine Kunst in Familienzirkeln leuchten lassen; vor die Oeffentlichkeit zu treten hat er kein Recht. L/G. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Rxdattion: Max Bauchwitz in Berlin

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