Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 47 (25.11.1910)
- Date
- 1910-11-25
- Page
- Seite 563 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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563 Geistiger Besitz. Verschieb auf später nicht, mein Knabe, Zu lernen bas Gelehrte, Besitz stets besser ist, ich habe, Als daß ich haben werde. Schweigsamkeit. Ohren, Augen hast Dn zwei Und nur einen Mund dabei, Sprich warum? . Ei darum! Hören, sehen will ich viel, Reden nur mit Maß und Ziel. O Tantalus. Wenn ich ein schönes Gedicht sehe, Möcht ich es gemacht haben. Wenn ich eine schöne Blume sehe, Möcht ich sie gepflückt haben, Wenn ich ein schönes Mädchen sehe, Möcht ich sie geküßt haben, Wenn ich eine schöne Tat sehe, Möcht ich sie getan haben. Nun so dichte! „Ach ich kann nicht." Nun so pflücke! „Ach ich darf nicht." Nun so küsse! „Ach ich wag's nicht." Nun so handle! „Ach ich will nicht. —" So leide, Unschlüssiger, Tantalusqualen! Wirst hier und dort die Zeche bezahlen. In den letzten Jahren seines Lebens kränkelte Leopold Stein und mußte seine Stelle als Prediger an der Westend- Union niederlegen. Er lebte alsdann zurückgezogen nur im Kreise seiner Familie und starb nach kaum vollendetem 72. Lebensjahre sanft und friedlich. Kurz vor seinem Tode hatte er noch einen Tag beglückender Anerkennung, indem am 5. November 1880 seitens seiner Freunde und Verehrer sein 70. Geburtstag und zugleich sein 50jähriges Amtsjubiläum festlich und pietätvoll begangen wurde. Zahlreiche Abordnungen gemeinnütziger Anstalten, deren Mitglied und zumeist auch Begründer er war, zeichneten ihn durch Adressen, Ansprachen und sinnige Geschenke aus. Diese Huldigungen boten dem damals schon Schwerkranken eine beglückende und erhebende Erinnerung für den kurzen Rest seines taten- und segensreichen Daseins. MiiELeg^ i Das Iudrngrsb in der Steppe. Erzählung von Sam Gordon. Frei übersetzt von M. Pulver mann. VI. Tage später mußte Gregor nach der etwa fünfzehn Meilen entfernten Stadt zum Jahrmarkt reisen, um den Winterbedarf für das Gut einzukausen. Er nahm das beste Reitpferd und brach sehr zeitig auf, dennoch aber konnte er vor Mitternacht nicht zurück sein. Kaum war er fort, ging Marfa zu Bastian. „Alles ist bereit," sprach dieser zu ihr, während ein teuflisches Lächeln seinen breiten Mund verzerrte. „Zufällig vergaß ich gestern, Kallasch sein Futter zu geben, und heute bin ich auch noch nicht dazu gekommen, ihn zu füttern; ich glaube, er würde jetzt seine eigene Mutter vor lauter Hunger ausfressen. Rein zufällig habe ich auch bemerkt, daß ein Glied seiner Kette gesprungen ist, und nur noch lose zusammenhält, wahrscheinlich vom Rost zerfressen. — — Schade, daß ich es nicht früher bemerkt, da hätte der Herr eine neue aus der Stadt mitbringen können; auf dem Gute haben wir keine andere-und wenn der Hund jetzt gereizt werden, sollte, dann geschieht sicherlich ein großes Unglück. --" Sie waren inzwischen in Marfas Stube angelangt. „Rufe sie jetzt," war ihr kurzer Befehl. Bald darauf stand Rahel erstaunt und verwundert vor ihrer Schwiegermutter. „Sie haben nach mir geschickt, Mutter?" fragte sie zaghaft? Marfa antwortete nicht sogleich, sondern biß heftig ihre Lippen, um ihre Erregung zu bemeistern. Sie warf Rahel einen scheuen, eigentümlichen Blick zu, und als sie glaubte, Herr ihrer Stimme zu sein, sagte sie: „Es ist mir lieb, daß Du mich als Mutter anredest, denn das gibt mir von vornherein die Gewißheit auf einen guten Erfolg für meine Absichten rechnen zu dürfen. Mein heutiges Benehmen mag Dir vielleicht befremdlich erscheinen, und zu meiner Schande muß ich^ gestehen, daß du alle Ursache dazu hast. Aber, ohne daß ich es dir sage, wirst Du meine Empfindungen verstehen und ihnen wohl Rechnung tragen; nicht etwa, weil Du einem-einem andern Volke entstammest, oder weil dich mein Sohn, so zu sagen, auf der Straße aufgelesen hat, war ich Dir gram, sondern Du kannst es Dir wohl denken, was es heißt, so plötzlich aus allen Lebensgewohnheiten herausgerissen zu werden. Doch Du kannst nicht dafür, und ich sehe jetzt mein Unrecht ein; es ist einmal der Lauf der Welt, und wir alten Leute müssen dabei den Kürzeren ziehen. Es ist mir-zum klaren Bewußtsein gekommen, daß ich durch meinen Groll das Glück meines Hauses untergrabe, daß ich mir meinen einzigen Sohn entfremdet und die Liebe einer Tochter verschmäht. Ich fühle jetzt schon eine eisige Kälte in mein Herz einziehen, und die Traurigkeit eines einsamen Alters raubt mir bereits den Schlaf von meinen Augen. Und darum will ich alles wieder gut machen, ehe es ganz zu spät wird.-Oder ist es etwa jetzt schon zu spät?" Rahel sah ihre Schwiegermutter an, deren Augen feucht schimmerten; der Anblick rührte sie tief-sie hatte noch nie Krokodiltränen gesehen. „Zu spät, Mutter? Nie kommt die Liebe zu spät, außer, wenn das Herz bereits den letzten Schlag getan; und unsere Herzen sollen noch oft und lange schlagen. Du wirst sehen, Mutter, ein anderes, schöneres Leben wird für dich beginnen; du wirst dich nie vereinsamt und kalt fühlen; ich werde stets bei Dir sein, und mein junges Blut soll auch dich erwärmen. Du und ich, beide werden wir bestrebt sein, Gregors Lebenspfad mit Rosen der Freude zu bestreuen, und nicht als Nebenbuhler, sondern in Kameradschaft, wollen wir ihm gemeinsam ein doppeltes Glück bereiten. Und dann wirst Du erst die ganze Wonne empfinden, Mutter geliebter und liebender Kinder zu sein." Rahel hatte mit Leidenschaft Marfas Hände ersaßt, und es kostete der letzteren große Anstrengung, um nicht vor Wut und Empörung laut aufzuschreien; es ging fast über ihre Verstellungskunst — — — doch sie beherrschte sich mit Riesenanstrengung und behielt ihr Ziel fest im Auge. „Wie sehr habe ich mich doch in Dir getäuscht — mein — -mein-Töchterchen," stieß sie gewaltsam hervor. „Und doch hätte ich Gregor trauen sollen. — — — Seine Gefühle werden nie auf Abwege geraten. Aber, nicht wahr,