Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 47 (25.11.1910)
- Date
- 1910-11-25
- Page
- Seite 562 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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562 kommende Geschlechter ausübten. Erst kürzlich hat Professor G. E. Hirsch aus Chicago in einem von ihm in der „Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums" in Berlin gehaltenen Vortrag uns erzählt, daß die Schüler von Leopold Stein aus den genannten kleinen bayerischen Städten seiner anfänglichen Wirksamkeit gar manche Anschauungen ihres Lehrers nach Amerika verpflanzten und damit auch auf die jetzige Generation in der neuen Welt einen namhaften Einfluß übten. Dieser, wie gesagt, in einem Vortrag gegebenen Mitteilung fügte Professor Hirsch noch im Privatgespräch hinzu, daß das erwähnte deutsche Gedicht Steins, daß das Kolnidre- Gebet ersetzt, in vielen Gemeinden Amerikas amtlich eingeführt worden ist und noch heute gebraucht wird. Schon in jugendlichem Alter trat Leopold Stein als Dichter auf. Seine im Jahre 1834 erschienenen „Stufengesänge" weckten in jüdischen Kreisen große Begeisterung, besonders gefiel das darin enthaltene, nach dem Muster des Herderfchen Gid gedichtete kleine Epos „Ammon". Nicht minder hatten sich auch seine späteren lyrischen, epischen und dramatischen Schöpfungen nicht nur seitens seiner Glaubensgenossen, sondern auch des großen Publikums ohne Unterschied der - Konfession und der Partei lebhaften Beifalls zu erfreuen. Ich nenne hier nur seine Dramen „Die Hasmonäer" (1859), „Der Knabenraub zu Carpentras" (1863) und „Das Haus Ehrlich oder die Feste" — ein dramatisches Familiengemälde aus dem Ende des 18. Jahrhunderts (1863). Interessant und literarisch wertvoll ist sein dramatisches Bild zur Shakespeare-Feier „Des Dichters Weihe", das er 1863 erscheinen ließ. Als Manuskript gedruckt erschien von ihm: „Laura, die Tochter des Millionärs" nach dem Englischen von Samuel Warren (1874). Ein anderes Werk von ihm betitelt sich: „Sinai, Worte des ewigen Bundes", es ist dies ein Lehrgedicht über das mosaische Religionsgesetz, eingereiht in die 10 Worte des Sinai und ein Poetischer Vorläufer seines bereits genannten großen dreibändigen Religionswerks in Prosa „Die Schrift des Lebens". Ein Freund und Verehrer Friedrich Rückerts, wurde er von diesem genialen Altmeister deutscher Uebersetzungskunst gewaltig beeinflußt, wie dies schon seine 1885 veröffentlichten „Morgenländischen Bilder in abendländischem Rahmen" (talmudische Parabeln, Gleichnisse und Erzählungen metrisch wiedergegeben) beweisen. Als Uebersetzungskünstler zeigte er sich ferner in der Nachdichtung des Romans in Makamensorm „Weiberfeind" des Rabbi Jehuda ben Sabbatai, der im 13. Jahrhundert lebte. Auch übersetzte er metrisch „Die Königskrone" von Salomo ben Gabirol. Wenn Leopold Stein im Vorwort zu diesem Werke sagt, daß sich der Verfasser das schönste Denkmal seines philosophischen Geistes gesetzt habe, so gilt dieser Ausspruch auch von dem Ilcbersetzer und Nachdichter, der sich darin ein Denkmal seiner meisterhaften Uebersetzungskunst und zugleich seiner Liebe zum Judentum errichtet hat. Von dem Schwiegersohn und der Tochter Leopold Steins, Herrn und Frau Kommerzienrat Landauer in Augsburg, ist mir in liebenswürdiger Weise der poetische Nachlaß des Verewigten zur Verfügung gestellt worden. Ich bedauere lebhaft, daß ich aus Raummangel aus dem überaus reichen Inhalt des dichterischen Schatzes hier nur einiges Wenige zur Kennzeichnung der hohen und seltenen poetischen Begabung des Verfassers veröffentlichen kann. Die Herzensreligion Mit ihren reinen Lehren, Die Deinen Sinn verklären. Mit ihren köstlichen Geboten, Gleicht wunderlichen Kleinoden, Die an der Brust Du hegest Und unter Deine Kiffen legest; Sie sind Dein Erb' und Segen Auf allen Deinen Wegen; Sie gelten in aller Welt, Ihr Preis nie sinket und fällt; Und sind sie klein an Umfang gleich, Ihr innrer Wert macht stets Dich reich. Die Formenreligion Gleicht mächtigem Packe Mit schwerem Sacke; Den trägst Du lang' auf der Schulter, Ein schwitzender Dulder; Bis Deiner Geduld abreißt der Faden — Wegwirfst Du den ganzen Schwaden, Die Masse der Massen — Leicht, doch verarmt, ziehst Du Deine Straßen. Die Drescher. (Trostwort an Israel.) Den Schall der Drescher hör' ich gern, Da ist der Segen nimmer fern, Es folgt im Takte Schlag auf Schlag, Und jeder fördert Frucht zu Tag'; Kein Körnlein schlägt ein Schlag entzwei. Er macht's nur von der Hülle frei. — Sei froh in Leiden, Volk des Herrn! Sie fördern ja zum Licht den Kern; Laut preise Deiner Schläger Treu', Die Dich befreien von der Spreu. — Frage und Antwort. 1. Ohne Lieb' was wär die Erd'? — Im öden Haus ein nackter Herd', Den keine Flamm' erhellet, Die das Mahl bestellet. — Ohne Lieb' was wär die Welt?— Ein armes, armes Hirtenzelt, Worin der Hirt alleine Sitzt auf kahlem Steine. Ohne Lieb' was wär der Mann? — Ein Tropfen, der vom Dache rann, Und nicht Gefährten findet Und im Sand verschwindet. 2 Mit der Lieb' was ist die Erd'? — ■ Ein lustig glühender Feuerherd, Drauf schafft der Strahl der Sonne Allen Wesen Wonne. Mit der Lieb' was ist die Welt? — Ein großes, weites Fürstenzelt, Seht drein den König thronen, Speisend Millionen. Mit der Lieb' was ist der Mann? — Ein Quell, der froh zum Strome rann, Mitschaffend Blumenheere, Lebend noch im Meere. Ich kam, in mein neues Röcklein gesteckt, Da hatten die Leute gewaltig Respekt; Dann kam ich in meinem schäbigen Flaus, Da wich mir kein Mensch auf der Welt mehr aus Und doch war ich immer derselbe Mann Und dieselben Leute schauten mich an! —