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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-11-25 · Heft 47 (25.11.1910) · p. Seite 561

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 47 (25.11.1910)
Date
1910-11-25
Page
Seite 561 (sequence 9)
Language
German
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und des Judentums". Jost war ein Meister des hebräischen Stils; er wußte das Hebräische mit Gewandtheit, Leichtigkeit, ja mit Zierlichkeit zu handhaben. Und doch war das Hebräische nur eine der vielen Sprächen, in denen er sich mit großer Fertigkeit bewegte. Als Sprachkenner, z. V. als Kenner des Französischen und Englischen, nimmt er eine der ersten Stellen ein, ja im vorgerückten Alter hat er sich sogar mit dem Polnischen und Russischen befaßt und schöne Uebersetzungen aus diesen Sprachen geliefert. Aber weder die wissenschaftlichen Arbeiten des Historikers, noch die Wirksamkeit des Schulmannes erschöpfen die Tätigkeit Josts. Jederzeit war er kampfgerüstet und schlagfertig, wo es galt, die Sache des Judentums öffentlich zu vertreten, Jrrtümer zu berichtigen, Unbill abzuwehren und Anklagen zu widerlegen. Als Apologetiker traf er vielfach mit seinem Jugendgenossen Zunz auf demselben Kampfboden und mit gleich gutem Erfolge zusammen. Jost war auch groß als Mensch. Er war bescheiden, liebenswürdig, zuvorkommend gegenjedermann und von seltener Herzensgüte. Seine Menschenfreundlichkeit ist durch eines der schönsten Denkmäler verewigt worden: das Waisenhaus für israelitische Mädchen in. Frankfurt a.. M., das von Jost gegründet worden ist. Dieser Anstalt zeigte er sich wie ein Vater, die Waisen waren seine Kinder; dieses Institut erfüllte sein ganzes Herz. So verdient Jost im Gedächtnis der Nachwelt als ein Denker und Forscher von hervorragender Bedeutung, als ein Kämpfer für die heiligsten Güter des Judentums, als ein Menschenfreund im wahrsten Sinne des Wortes fortzuleben. Sein Andenken sei gesegnet für alle Zeiten. Zur Lrinnerlmg an Sr. Leopold Stein. Von Dr. Adolph Ko Hut. (Nachdruck verboten.) II. . chon in den beiden längst vergriffenen Teilen seiner „Schrift des Lebens" betont Leopold Stein mit Nachdruck die Notwendigkeit, daß ein Mann von Grundsätzen und Gesinnung auch auf der Kanzel durch Beispiele und Lehren seine freiheitlichen und freisinnigen Anschauungen offen und wahr betätigen müsse, damit der Schwankende und Leichtfertige in religiösen Dingen ein Muster und Haltpunkt religiösen Ernstes und. klaren Bewußtseins werde. Er wisse wohl, daß er manche liebgewordene Vorurteile und sogenannte fromme Gefühle verletze. Allein dies tue. auch der gewissenhafte Arzt, wenn er an Krebs oder sonstige Schäden seine Sonde anlege. Wie soll er sonst helfen? Es liege ihm gewiß fern, eine Mißachtung gegen seine alten Lehrer an den Tag zu legen, allein sie seien nur Menschen wie wir gewesen, und wo sie geirrt, sei es unsere heiligste Pflicht, den Irrtum aufzudecken. Viele Tausende und Abertausende denken ebenso wie er über die im Laufe vieler Jahrhunderte entstandene Verunstaltung der religiösen, geschichtlichen Formen und die dadurch hervorgerufene Verkennung und falsche Beurteilung des Judentums. Eine gründliche Umgestaltung namentlich der Speisegesetze sei vonnöten. „Gerade diese Gesetze" — sagt er wörtlich — „seien es, in betreff derer eine gründlichere Umgestaltung nötig sei, weil sie den mosaischen Geboten nicht entsprechen. Mit biblischer Begründung erschweren, sie das Leben, belästigen sie die Gewissen, Sünde machend, wo keine Sünde ist." In dem, wie gesagt, erst vor kurzer Zeit erschienenen III. Teil der „Schrift des Lebens" handelt Leopold Stein von der „Schöpfung", der „Erschaffung des Weibes", der „Sünde", der „Arbeit", der „Wohltätigkeit", der- „Sittlichkeit", den „Festtagen", der „Gesellschaft", den „Sitten" und vom „Gottesdienst". Nicht verknöcherter Dogmenkram, zelotischer Glaubenseiser und heuchlerisches Phrasentum — nein, der Geist der Freiheit, des Lichts und der Versöhnung waltet hier überaus wohltätig und harmonisch. Was Leopold Stein unter wahrem Gottesdienst versteht, das verkündet er mit den Worten: „Wenn unser Tisch ein Altar des Friedens, und wenn unser Haus eine Herberge der Kinder Gottes ist, wenn die armen heimischen Genossen unserer Wohnung, wenn unser ganzes Leben Hingebung an Gott, Aufopferung für das. Wohl der Menschheit sind, wenn wir für die höchsten Güter — unsere Väter haben das tausendfach getan —, wenn wir für Gott, Religion und Vaterland alles freudig hingeben, das Leben nicht ausgenommen, dann sind wir Priester des Herrn, dann ist unser Gottesdienst der herrlichste; dann sind wir in reinster Verklärung wieder dahin gelangt, von wannen die Menschlichkeit ausgegangen; denn das Menschenopfer verherrlicht sich zum Opfer, zur Hingebung des ganzen Menschen an Gott, an Israel und die ganze Menschlichkeit. Heil dem Volke, dessen Gott der Ewige, dessen höchstes Ziel ist die Erhaltung und Verehrung des Ewigen und Göttlichen." In zahlreichen anderen Schriften, wie z. B. in seinem „Israelitischen Religionsbuch" (Frankfurt a. M. 1858). für Konfirmanden wie für gereiftere Schüler überhaupt verfaßt, sowie in seinem „Jüdischen Religionsgesetz" (Straßburg i. E. 1877), einer Anleitung, wie der Israelit der Gegenwart nach den Erfordernissen der Religion und der Zeit sein Leben religionsgesetzlich zu ordnen habe, hebt er hervor, daß er denjenigen unter seinen Glaubensbrüdern und -schwestern, die sich noch nicht von allen religiösen Gesetzen losgelöst haben, aber mit diesen durch viele unerträgliche und biblisch unbegründete rabbinifche Erschwerungen in Widerspruch geraten seien, einen Leitfaden bieten wolle, wie sie wieder ihren Wandel religionsgesetzlich einrichten sollen. Aus der von ihm ausgestellten religionsgesetzlichen Lebensordnung für den Israeliten der Gegenwart seien nur die nachstehenden Stellen entnommen: „Die mosaische Lehre und Ordnung ist vor allem Sittengesetz, welches die Pflichten gegen den Nebenmenschen zufammensaßt in den Worten: „Und Du sollst Deinen Nächsten lieben wie Dich selbst", die Pflichten gegen Gott in den Worten: „Und Du sollst lieben den Ewigen, Deinen Gott, mit Deinem ganzen Herzen, mit Deiner ganzen Seele und mit allen Deinen Kräften", ' die Pflichten gegen uns selbst in den Worten: „Heilig sollt Ihr sein, denn heilig bin ich, der Ewige, Euer Gott!" Alle rabbinischen Satzungen aber, welche das Leben übermäßig belasten und hemmen und dadurch die Religion beeinträchtigen, dem klaren Gottesgesetze in der Schrift Eintracht tun und dasselbe trüben oder gar verunstalten, halten wir uns nicht nur für befugt, sondern sogar für verpflichtet,' abzustellen und ihnen in unserem und der Unserigen religionsgesetzlichem Leben einen Raum nicht zu verstatten. Insbesondere aber haben wir dabei die alles Maß überschreitenden Speiseverbote der Rabbiner im Auge. Die rabbinischen Speisegesetze bezwecken Trennung von der nichtisraelitischen Gesellschaft. Eben deshalb gebietet unsere Zeit, welche Annäherung unter den Menschen stiftet und den Israeliten in fortwährendem Verkehr mit der nichtisraelitischen Welt versetzt, unbedingt deren Beseitigung." Groß war die Wirkung, die Leopold Steins informatorische Ideen nicht allein aus. seine Zeitgenossen, sondern auck, auf

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